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Ein derart intensiver Paradigmenwechsel im – zumindest hinsichtlich seiner vorausgehenden Spielfilme – doch recht homogenen Werk von Zhangke Jia hätte bei A TOUCH OF SIN wohl nicht unbedingt so erwartet werden können; bei genauerem Hinsehen erscheint er dann doch sehr folgerichtig, vielleicht gar unumgänglich. Einerseits verharrt das Sujet weiterhin in einem vordergründig sozialkritischen Anliegen, in voneinander getrennten Episoden wird nach wie vor über die turbokapitalistische Allmacht in der chinesischen Gegenwartsgesellschaft verhandelt, nach wie vor über Verarmung und Unterdrückung des Proletariats durch die herrschenden Eliten erzählt und reflektiert. Die typischen, einer niedrigen sozialen Sprosse angehörenden Figuren tauchen wieder auf, etwa der Kohlenarbeiter Dahai (Wu Jiang) oder die Hotelangestellte Xiao Yu (verkörpert von Jias wunderbarer Stammschauspielerin Tao Zhao). Und doch finden sich in Jias jüngstem Film dann doch auf einmal Verschiebungen, Öffnungen, Zuspitzungen, so eklatant wie unübersehbar.

Das bisherige Oeuvre eines der wohl derzeit wichtigsten chinesischen Autorenfilmer kann im Zeichen einer gängig sozialkritisch konnotierten, konfrontativen Wechselwirkung zweier Elemente – Individuum und Staatsgewalt – betrachtet werden: Stets reiben sich zu Beginn noch zuversichtliche, der Arbeiterschicht entstammende Menschen an den Repressionsmechanismen eines neoliberalen Chinas so lange ab, bis sie schlichtweg mit nichts zurückbleiben, all ihrer Würde, ihrer Wünsche sowie Hoffnungen beraubt erscheinen und sich geradezu ihr gesamtes (Mensch-)Sein in den Wirren der alltäglichen Mittel- und Rechtlosigkeit aufzulösen beginnt. Stets werden sie von materiellen Nöten, Armut und Elend eingeholt, was nach und nach auch einen unwiderruflichen Abdruck in ihrer seelischen Verfasstheit hinterlässt. Innerlich aufgezehrt und in eine gebrochene Passivität gedrängt, bleiben sie am Ende zurück, wie etwa die Hauptfigur Minliang (Hongwei Wang) in Jias Meisterwerk PLATFORM, ein Wanderrmusiker, welcher sich am Ende vor den ringsherum erdrückenden politischen Diskriminierungen und Grausamkeiten in eine trostlos kleinbürgerliche Ehe mit der Jugendfreundin aus seinem Heimatdorf flüchtet. Oder der Bergarbeiter Huang Mao (Zhou Lan), welcher in STILL LIFE  auf der Suche nach seiner Ehefrau im Süden Chinas die niederschmetternden Folgen des berüchtigten Drei-Schluchten-Projektes an der eigenen Existenz aufgezeigt bekommt. Doch dieses einem sozialen Realismus verpflichtete Aufdecken der schlicht unter veränderten Vorzeichen konstant gebliebenen Repression des Einzelnen im postmaoistischen China war im Hinblick auf Jias ästhetischen Ansatz immer nur die eine Seite seines Anliegens. Darüber hinaus offenbart sich auch ein humanistischer Impetus, rehabilitierte Jia doch die Individualität, die Menschenwürde seiner Figuren, indem er für sie immer wieder einen intimen Raum inszenierte und damit ihre stets von sanften Hoffnungsschimmern durchdrungene Innenwelt entäußerte. So wie etwa in THE WORLD, in dem sich die Träume und Gedanken der Protagonisten durch pittoreske Animationssequenzen vom Rest des Films abheben. Oder in einer atemberaubenden Einstellung aus STILL LIFE, wenn ein zerstörtes Gebäude durch gezeichnete Bildinserts zur Raumfahrtrakete wird und gen Himmel entsteigt, mit ihr die leisen Hoffnungen der Bewohner eines nach der Fertigstellung der Talsperre der Überschwemmung preisgegebenen Dorfes.

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A TOUCH OF SIN erzählt im Grunde genommen von denselben Gegebenheiten, oft werden auch bereits bekannte Motive wiedereingeführt, etwa die an das Langfilmdebüt XIAO WU oder UNKNOWN PLEASURES angelehnte, aufgrund auswegloser sozialer Umstände zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung zwischen zwei Heranwachsenden in der letzten Episode. Was jedoch zunächst ungewohnt heraussticht, ist das zuvor noch größtenteils im Realismus verankerte Enthüllen der kapitalistisch begründeten Kaltblütigkeit der herrschenden Klasse und der damit einhergehenden Unterdrückung sozial unterstellter Bevölkerungsschichten, einer symbolischen und demonstrativen Verdichtung gewichen: Der ewige Quell aller Ungerechtigkeit etwa, das Geld selbst, wird nicht mehr nur implizit als die das Geschehen diktierende Triebfeder angedeutet, sondern manifestiert sich des Öfteren direkt im Bildkader, als nicht mehr beiläufiger, sondern sozusagen plastischer Signifikant. Eine zermürbende Szene macht das besonders deutlich, wenn ein Besucher von Xiao Yus Hotel diese zu einem Schäferstündchen einlädt und nach einer Abfuhr wutentbrannt mit einem Bündel von Geldscheinen auf sie einschlägt, sein Kapital somit überdeterminiert zur zerstörerischen Waffe werden lässt. Noch interessanter ist jedoch die deutliche narrative Veränderung, was die Reaktion der Protagonisten auf ihr von den Obrigkeiten diktiertes Schicksal betrifft. Hier öffnet sich Zhangke Jias Kino einem Element, welches in solcher Konsequenz noch nicht vorhanden war: der Gewalt. „Ich habe gemordet!“ – gleich in der Exposition des Films gibt es drei Tote, jede der folgenden Episoden spitzt sich zu einem emotionalen Höhepunkt, einem innerlichen Ausbruch zu, in welchem die Figuren aus ihrer Lethargie der Erduldung aufschrecken, zu destruktiv handelnden Subjekten werden und sich recht blutig und brutal ihrer Peiniger entledigen. Dahai erschießt in einem Anflug von Raserei seinen Boss, aber auch jeden anderen auf seinem Weg, während Xiao Yu den aufdringlichen Freier kurzerhand mit einem Klappmesser aufschlitzt. Ein Aufbegehren, welches wiederum – daran lässt der Film dann keinen Zweifel – einen letztmöglichen, sinnlosen Akt der Verzweiflung markiert, die innere wie äußere Ausweglosigkeit nur umso deutlicher erfahrbar macht. Wie Fremdkörper in Jias vorwiegend ruhig distanzierter Bildsprache wirken dann diese Getriebenen, wenn sie irgendwann blutverschmiert, gehetzt oder mit einem merkwürdigen Starren in den Augen durch die Straßen wandern, eines jeglichen Daseinssinns bis zur Absurdität beraubt.

Einer solchen im filmsprachlichen Repertoire eines Jia ungewohnt plakativen Darstellung der Umstände von Festlandchina haftet natürlich automatisch der Verdacht des festivaloptimierten, politischen Zaunpfahlwink-Kinos an und der Gewinn des Preises für das beste Drehbuch in Cannes könnte allzu einfach darauf zurückgeführt werden. Und doch scheint dieser neue Nihilismus vielleicht eher bewusst auf die Ermüdung und zunehmend resignierende Verbitterung des Regisseurs gegenüber dem Status quo in seinem Heimatland hinzuweisen. Denn warum subtile, feinfühlige und sich vielschichtig dem Zuschauer öffnende Werke realisieren, wenn deren Intention dann doch an den realen Umständen wirkungslos zerschellt, sich so vergeblich abreibt wie es Jias Protagonisten immer zu tun pflegten? Die nun explizite, überspitzte Anprangerung erscheint dann aber weniger als Kampfansage, sondern viel eher als Abgesang jeglicher Hoffnung auf Veränderung – und ist vielleicht gerade deshalb berührender und aufrüttelnder denn je.

A TOUCH OF SIN wurde im Rahmen des 26sten EXGROUND-Filmfestivals in Wiesbaden ausgestrahlt.

 

Bildrechte: Rapideyemovies

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