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The Happening von M. Night Shyamalan ist einer der außergewöhnlichsten Filme, der in den letzten Jahren in einem der großen Hollywoodstudios gedreht wurde. Das liegt nicht nur an seinem gewagten filmischen Konzept, sondern auch daran, dass Shyamalan in dem Film sein eigenes Werk einer Revision unterzieht.

In einer Zeit, in der das Marketing immer größeren Einfluss auf Inhalt und Form von Filmen nimmt, in der Ecken und Kanten gezielt abgefeilt werden, um ja keine Zielgruppe zu verschrecken, ist The Happening ein Unikat im internationalen Blockbuster-Segment. Ein Film mit einer radikal individuellen Handschrift, der in seiner rätselhaften Skurrilität die müden modernen Sehgewohnheiten herausfordert. Er bezieht seinen Schrecken im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen nicht aus dem Sichtbaren und Offensichtlichen, sondern aus dem Unsichtbaren, aus den Brüchen, aus den Fragmentierungen der Todesszenen. Er wechselt abrupt den Tonfall: Dem Tod begegnet er mit tiefer Ernsthaftigkeit, den Familienszenen mit einer flapsig-ironischen, fast gleichgültigen Haltung. Einmal mehr unterläuft Shyamalan die Erwartungen des Publikums an den mind game movie, indem er jede Erklärung im nächsten Atemzug wieder verwirft. Der Film erscheint wie ein Spiel mit dem Zuschauer, bei dem der Regisseur doch immer am längeren Hebel sitzt (was vielleicht die wütenden Reaktionen erklärt).

Dazu kommt die theologische Dimension, die Shyamalans Filme besitzen. 2002 drehte er mit dem Katholiken Mel Gibson den Film Signs. Ein Film, in dem nichts dem Zufall überlassen scheint. Keine Kameraeinstellung, kein Schnitt, keine Bewegung der Schauspieler, kein Dialog, der nicht auf das Ende vorbereiten soll, an dem alle Fäden zusammen laufen. Dann nämlich, wenn der vom Glauben abgefallene Pfarrer (Mel Gibson) erkennt, dass nichts um ihn herum zufällig geschieht. Stattdessen wird er sich der schicksalhaften, göttlichen Verknüpfung aller Ereignisse bewusst und findet so zu seinem Glauben zurück. Die Totalität von Shyamalans Vision hatte durchaus etwas Fundamentalistisches. Und das Glaubensbekenntnis war auch ein filmisches. Ein Bekenntnis zur hitchcockschen Idee des Regisseurs als allmächtiger Kontrolleur nicht nur des Films, sondern auch des Zuschauers. Hinter dem Wunsch nach Kontrolle steckte der Wunsch nach Gänze, nach Integrität der Filme. Dieser liegt vielleicht darin begründet, dass es in allen Filmen Shyamalans gerade um einen Bruch zur Welt geht, um ein Außerhalb-der-Welt-Stehen. Für ihre Versuche, ein Verhältnis zu dieser (Außen-)Welt zu entwickeln oder wieder in sie hinein zu finden, müssen die Figuren von The Sixth Sense bis The Village einen hohen Preis zahlen. Doch in keinem seiner Filme hat Shyamalan bisher seinen Figuren die Integration in die Welt so komplett verweigert wie in The Happening.

Sechs Jahre nach Signs gedreht, besitzt auch The Happening einen metaphysischen Anspruch. Auch er ist zunächst ein Katastrophenfilm, der sich ganz auf die private Perspektive konzentriert: das große Weltende erzählt aus der Sicht einer Familie. Die Apokalypse kommt dieses Mal nicht in Form von außerirdischen Besuchern auf die Erde, sondern in Form einer unsichtbaren Macht, die durch keine Erklärung der Experten rational erfasst werden kann. Man kann das als Apokalypse in einem biblischen Sinne sehen: Ein zorniger Gott jagt die Menschen bis in die totale Vereinzelung und schließlich in den Tod. Der in Signs noch allwissende, vorausplanende, sorgende Gott/Erzähler ist unberechenbar und grausam geworden. Die Figuren sterben durch tückische Zufälle (etwa durch einen Riss im Autodach, durch den Luft einströmen kann) und durch ein christliches Tabu: den Suizid. Selbst der vermeintliche Sieg der Liebe und der Familie, den Shyamalan am Ende mit einem sarkastischen Grinsen präsentiert, erweist sich als zeitlich begrenzt. Signs und The Happening verhalten sich wie Gegensätze zueinander: Der klaustrophobischen Enge des Kellers ist die offene Weite der Wiesen und Felder entgegengesetzt. Das berühmte Brasilien-Video taucht in veränderter Form auf einem Smartphone auf und wirkt fast wie eine Selbstparodie. Die weltabgewandte Dame, die ihren Besitz verteidigt, scheint dagegen eine zombiehafte Wiederkehr der Einsiedler aus The Village zu sein. Der größte Gegensatz aber ist: Signs ist ein Film über Religion (das Deuten der Zeichen), The Happening ein Film über den Glauben. Sein Erzählton ist der eines von aller Sinn- und Weltdeutung enttäuschten Gläubigen, der im Sardonismus und in der Schönheit des Chaos, der Zerstörung und des Todes seinen letzten Halt findet.

The Happening
R: M. Night Shyamalan
D: Mark Wahlberg, Zooey Deschanel, John Leguizamo, Ashlyn Sanchez, Betty Buckley, Spencer Breslin, Robert Bailey Jr.
USA 2008, 91 Min.
Copyright: 20th Century Fox

Über den Autor Alexander Pfaehler

Alexander Pfaehler ist Autor und Mitbegründer des Internetfilmmagazins Eskalierende Träume. Momentan versucht er sein Studium mit einer Arbeit über James Gray abzuschließen.

Webseite: http://www.eskalierende-traeume.de/