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Kino ist zeigen, nicht labern: „We are fantasits – realism will loose“, Sono Sion und die Verteidigung des Irrealen

 

Dieser Film hätte das Festival eröffnen sollen, und bestätigt gleich zu Beginn unseren Verdacht, dass die Entdeckungen in diesem Jahr nicht im Wettbewerb gemacht werden, sondern in den Nebenreihen. Sono Sions WHY DON’T YOU PLAY IN HELL?  ist erschütternd in jeder Hinsicht. Er erschüttert unsere Erwartungen, unsere Geschmacksvorstellungen, er erschüttert unsere Abgestumpftheit – eine leidenschaftliche, blutige Achterbahnfahrt.

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Der Japaner Sono Sion hat sich vor Jahren mit LOVE EXPOSURE ein für allemal in unsere Herzen eingeschrieben. Ein paar Ähnlichkeiten zwischen diesem neuen und jenem gibt es. WHY DON’T YOU PLAY IN HELL? ist rasend schnell, ungemein souverän, aufwühlend, blutdurstig, wie seit Quentin Tarantinos KILL BILL: VOL. 1 , also seit zehn Jahren, kein ernstzunehmender Film mehr. Dieser Autorenfilm im Gewand eines B-Movie ist ein Verschnitt aus Yakuza- und Film-im-Film-Film, Liebesdrama und Pop-Parodie. Er nimmt sich nicht ernst, und macht gerade dadurch aus diesem Spiel mit heterogenen Genreelementen eine Tugend.
Sion lässt keinen Witz und keine Anspielung aus, wenn man hier eine Kamera sieht, ist sie mit einer Maschinenpistole zusammengeschlossen, die Rede vom „Hand hold shot“ hat so eine neue Bedeutung. Beethoven spielt mal wieder eine Rolle, diesmal seine 9. Symphonie, ansonsten ist dies nicht zuletzt ein gespielter Film im Film-Witz mit tieferer Bedeutung. Denn wenn eine Hauptfigur, ein Regisseur, sagt „We are fantasits – realism will loose„, dann ist das natürlich nicht nur ein Witz, sondern filmpolitisches Statement.
Ähnlich verhält es sich mit Sions Anspielungen auf die engen Verbindungen von Filmindustrie und organisiertem Verbrechen, die es vielleicht auch außerhalb von Japan gibt.
Aber die Haupttugend dieses Films liegt darin, dass er nichts all zu ernst meint. Sion feiert 35mm-Film und er feiert das Kino als reinen Spaß, als niederes Vergnügen, als „most dangerous game.“

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Kino ist zeigen, nicht labern, ist erschüttern und zum Schweigen bringen, nicht nachher drüber reden. Wir sind ja nicht in einer protestantischen Jungen Gemeinde, sondern im Kino.
This should have been opening.“ sagt auch Violeta aus Argentinien.

 

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Vor einigen Monaten erreichte uns eine Email-Mitteilung und ich war mir gleich nicht ganz sicher, ob ihre Überschrift nun eine Drohung oder eine Verheißung bezeichnete: „Alles wird sichtbar„.
Inzwischen, in unseren Post-Snowden-Zeiten, ist klar, das Sichtbarkeit, das Ende alles Vergessens und Geheimnisses, dass die universale, jede Nische ausleuchtende Transparenz und die universale Sichtbarkeit nicht unschuldig positiv verstanden werden können. Und womöglich liegt der zwischenzeitliche Niedergang der Piratenpartei ja nicht zuletzt damit zusammen, dass sie den Widerspruch nie schlüssig beantworten konnten, dass sie einerseits berechtigtes Misstrauen gegen das wütende Datensammeln, gegen ACTA, Volkszählungen, staatliche Kontrollverfahren und Ähnliches hegen, sich andererseits als Transparenzfetischisten aufführen.

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Der Berliner Regisseur Philip Gröning, von dem die erwähnte Mitteilung stammte, meinte allerdings etwas anderes, Konkreteres: „Ich freue mich wahnsinnig„, hieß es da, „dass auf der Internetplattform www.allesfilm.net jetzt endlich fast alle Filme von mir online abrufbar sind. Neben den seit Jahren überhaupt nicht mehr verfügbaren Filmen TERRORISTEN!, SOMMER und L’AMOUR L’ARGENT L’AMOUR sind jetzt erstmalig auch der allererste Film VOM TROCKENSCHWIMMER, das experimentelle Amoklaufwerk STACHOVIAK! sowie die Dokumentation OPFER/ZEUGEN sichtbar. Filme müssen ja sichtbar sein! Sonst sind die einfach weg!
Die Online‐Veröffentlichung dieser lange lange nicht sichtbaren Filme war mir ein lang gesetztes Ziel – es freut mich insbesondere, dass dies nun mit einem so großartigen Partner umgesetzt werden konnte. Der deutsche Film hat eine lange und große Tradition. Die auch zum Grossteil unsichtbar war! Alleskino.de hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese zu dokumentieren und zu bewahren und es so zu ermöglichen, das deutsche Filmerbe in all seinen Facetten kennenzulernen. Hierfür bietet alleskino.de neben dem Stream selbst, auch umfangreiches Zusatzmaterial und Hintergrundinformationen an, die die Filme in ihren filmhistorischen Kontext einordnen. Damit bietet alleskino.de dem deutschen Film nicht nur eine Plattform, sondern eine Heimat und eine Identität.
Ich freue mich, ein Teil davon zu sein.

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Dieser Text erfordert eigentlich eine längere und viel differenziertere Antwort. Zunächst einmal freue ich mich über die Freude Grönings, den ich schon eine Weile kenne und als Mensch wie als Filmemacher sehr schätze. Spontan bin ich trotzdem sehr skeptisch. Das Bekenntnishafte des Tonfalls liegt mir nicht, ein hauch von Sekteneintritt schwingt da für mich mit.
Denn „sichtbar“ im grundsätzlichen Sinn waren die Filme natürlich einerseits zumindest zum Teil auch zuvor, sofern ein Kinobetreiber nämlich die Filme Grönings zeigen wollte. „Sichtbar“ waren sie zum Teil auch auf DVD bzw. VHS, eine amazon-Recherche Ende August ergibt nämlich, dass man L’AMOUR L’ARGENT L’AMOUR auf Deutsch und Englisch als DVD erwerben kann, TERRORISTEN! und SOMMER sind als VHS erhältlich.
Andererseits sind sie auch jetzt nicht „sichtbar“, denn „sichtbar“ sind sie ja nur digital, nicht auf Film. Und nur im Computer oder einem Fernseher, nicht im Kino für das sie doch gemacht sind. Ich glaube, dass hier ein Filmemacher das bejubelt, dem er gerade selbst zum Opfer fällt, dem Absterben des Kinos durch dessen Digitalisierung.
Filme müssen sichtbar sein. Sonst sind die einfach weg!“ – so muss man das als Filmemacher natürlich sehen. Andererseits ist das doch keine befriedigende Lösung. Mag ja unaufhaltsam sein. Mag ja sein, dass Stream-Plattformen wie alleskino.de die Zukunft sind. Ich möchte aber auch gern mal wissen, wie viele Leute bisher jetzt Grönings Filme angeguckt haben.

Bildrechte: La Biennale de Venezia