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WINTER SLEEP, Copyright: Cannes Filmfestival

WINTER SLEEP, Copyright: Cannes Filmfestival

Die Globalisierung des Geschmacks und das Regiment des Naturalismus setzen sich fort

Did I create the world? Justice does don’t exist even in nature.

Aus WINTER SLEEP

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Arrrgghhh – das einzig Gute am Samstag war, dass der FC Bayern nichts gewonnen hat, noch nicht mal die Goldene Palme. Fast alles andere an diesem Abend war enttäuschend… Nicht nur, dass man den Eindruck hatte, dass der Schiedsrichter beim Championsleague-Finale einfach so lang weiterspielen lassen wollte, bis Real Madrid sich mit einem Tor doch noch in die Verlängerung retten konnte.

Sondern natürlich dass man als Fußballliebhaber eben abergläubisch ist, und insofern selber schuld. Wir hätten eben zum Fußball nicht ins Irish Pub gehen dürfen, jetzt ist der Ort endgültig verbrannt – denn der Fußballgott ist hier einfach nicht zuhause. Als Violeta, die schon wieder zurück in Barcelona war, die sms in Versalien schrieb „GET OUT OF THERE!!!„, war es schon zu spät. „Last time in this place.„, meinte dann auch Jose Luis. Wenigstens hat Ramos das Tor gemacht – aber das ist ein schwacher Trost.

Geguckt haben wir zu neunt: Allein vier Argentinier, zwei Holländer, ich war der einzige Deutsche am Tisch, im Raum war aber noch Tanja Guess von der NRW-Medienstiftung.

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Vor Spielbeginn war ich schon eher verhaltener Stimmung gewesen. Die Goldene Palme für Nuri Bilge Ceylan ist angemessen. Damit kann man gut leben, auch wenn ich lieber Kawase oder Assayas oder Godard als Sieger gesehen hätte. Aber Ceylan war „fällig“ gewesen, er hatte dann auch eine gute Dankesrede gehalten, die ohne zu plump zu werden, hochpolitisch war. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, der Mann wolle auch noch Premierminister werden. Nein, dieser Preis geht schon in Ordnung, aber er hinterließ auch kaum einen hier wirklich enthusiastisch – außer unseren türkischen Freunden. Eher hat man das Gefühl, die Jury habe ihre Pflicht erfüllt, getan, was nicht zu verhindern war, und nun habe man das halt auch hinter sich.

Das ist dann schon wieder etwas zu wenig für diesen Film, der ja schon mehr ist, als einfach nur fehlerlos und auf der sicheren Seite.

Seit über zehn Jahren gehört der 55-jährige Ceylan zu den besten Regisseuren des europäischen Autorenkinos. Und im Gegensatz zu vielen anderen wird er immer besser. Fast immer, denn ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA bleibt vorerst sein bester. WINTER SLEEP entfaltet, das habe ich schon geschrieben, einen Mikrokosmos, der durchaus auch als Metapher auf die gesellschaftliche Situation der Türkei verstanden werden kann. Zugleich aber ist dies auch ein psychologisch triftiges universales Drama, über die uns alle betreffende Frage, wie der Mensch mit seinem eigenen Altern und der Sterblichkeit umgeht, seinen Mitmenschen und worauf es im Leben am Ende wirklich ankommt. In seiner melancholischen Grundstimmung, verbunden mit sanfter, menschenfreundlicher Ironie erinnert WINTER SLEEP an Tschechow.

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Alle Kaffeesatzleser haben sich also getäuscht: Auch unter der feministischen Jurypräsidentin Jane Campion gewann ein Mann den Hauptpreis. Dass die bei vielen als einzige Konkurrenz zu Ceylan angesehene Japanerin Naomi Kawase mit ihrem etwas schwerer zugänglichen, freilich hochpoetischen STILL THE WATER völlig leer ausging, ist die größte Fehlentscheidung der Jury. Ebenso, dass man Assayas gar nicht prämierte. Gut, Rohrwachers „Grand Prix“-Film habe ich nicht gesehen, und kann ich heute auch nicht mehr nachholen. Da hatten mir doch alle verlässlichen Kollegen gesagt, der sei anständig, aber nicht mehr als guter Durchschnitt. Im „Certain Regard“ besser aufgehoben.

Aber man hatte doch insgesamt den Eindruck komplizierter Kompromisse und von Preisvergaben, mit denen vor allem andere Preise vermieden werden sollten. So war in der Hinsicht der geteilte Jury-Preis verräterisch: Dolan und Godard, der jüngste und der älteste Regisseur, ein Intellektueller und ein Pop-Boy haben auch filmisch nur gemeinsam, dass Dolan die Nouvelle Vague kennt, und immerhin den ernsthaften Versuch unternimmt, bei deren Anfängen auch wieder anzuknüpfen.

Wer die Jury am Samstagabend bei der Preisverleihung und der anschließenden Pressekonferenz verfolgte, der hatte jedenfalls nie den Eindruck, hier säße eine Gruppe, hier säßen Leute, die sich gut genug verstehen, und gemeinsam etwas tun wollen. Sondern ein Haufen von Egomanen, allen voran Nicolas Winding Refn, der fortwährend redete, auch wenn er gar nicht gefragt wurde, und der einfach extrem unangenehm und nervtötend rüberkommt, und Sofia Coppola, die wie in ihren Interviews kein Wort sagte, selbst wenn sie gefragt war, und arrogant erscheint. Und Jia Zhang-ke, der aussah, als ob er sich unwohl fühlte.

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Copyright: Cannes Filmfestival, Wild Bunch

Copyright: Cannes Filmfestival, Wild Bunch

Die wirklich blöde Botschaft, die von dieser Juryentscheidung ausgeht, ist die, dass es im Kino mehr auf Worte ankommt, als auf Bilder. Das kann ich nicht teilen. Immerhin gingen sämtliche Regisseure aus der Garde der regelmäßigen Cannes-Wiedergänger, der längst auch ästhetisch alten grauen Männer des europäischen Autorenfilms leer aus: Kein Preis für die Brüder Dardennes, oder die Briten Ken Loach und Mike Leigh. Dafür aber Godard, der sich mit 83 als frischer und moderner erwies als fast alle anderen Filmemacher an der Croisette – sehr zu Recht erkannte die Jury die produktive Herausforderung seines Essayfilms ADIEU AU LANGAGE.

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Stilistisch und filmästhetisch waren in diesem Cannes-Jahrgang ansonsten keine herausragenden Neuentdeckungen zu machen. Nach wie vor gilt, worüber wir im letzten Jahr gegen Ende geschrieben haben: Die Globalisierung des Geschmacks. Sie setzt sich fort, sie ist überall spürbar. Die Filme waren gut, aber sie waren kaum überraschend. Es gab nicht Sperriges, Anstößiges, auch nichts Wildes. Schon gar nicht Avantgarde. Sondern alle Regisseure sind brav, möchten Mammi Campion gefallen, und Klassenprimus werden.
So kann das nichts werden mit dem Kino.

Und auch nicht mit Cannes: Denn Festivals sind immer auch ein Mittel der Geschmacksbildung. Wenn schon Cannes das professionelle Publikum kaum noch zu Anderem, Neuem, zu cinephilen Wagnissen erzieht – wer soll es dann tun?

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Thematisch aber war dreierlei zu beobachten: In fast jedem Film gab es starke, überaus aktive weibliche Charaktere – manchmal wirkte es, als brauchten diese Filme die Männer gar nicht mehr, oder höchstens noch als Stichwortgeber. Auffallend war auch, wie viele Filme in diesem Jahr auf die eine oder andere Art um das Thema Kommunikation kreisten, um ihr häufiges Missglücken und ihr seltenes Gelingen.

Schließlich, damit verbunden, die wichtigste Frage, der wir uns in unseren letzten Blogs an den nächsten Tagen noch ausführlicher widmen werden, und die einmal mehr Godard am prägnantesten gestellt hat: Kommt den hypermodernen Gesellschaften und ihrer Kunst die Phantasie abhanden? Ist der auch im gegenwärtigen Autorenkino erkennbare Hang zu sozialen Sujets, zu ihrer so pessimistischen wie anti-utopischen Abarbeitung und zu einer überaus naturalistischen Darstellung des Lebens, der Gefühle und des Handelns möglicherweise nichts anderes als eine Ausrede für mangelnde Phantasie?