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Der Goldene Löwe ist nicht alles, die deutsche Filmkritik auch nicht mehr, Ferraras PASOLINI und „Eckhart Schmidt’s ‚Fassbinder'“

Schon gemerkt? Die deutsche Berichterstattung aus Venedig lässt in diesem Jahr auch vom Umfang her sehr zu wünschen übrig: Sowohl Süddeutsche wie FAZ berichten nicht mehr wie gewohnt jeden Tag im Blatt. Immerhin schreibt Dietmar Dath parallel einen Blog, der freier formuliert und sehr lesenswert ist, nicht nur deshalb, weil er dort eine schöne kluge Miniatur über meinen eigenen Film geschrieben hat. Gerade sein Bild, ich böte „sozusagen ein eigenes Arrangement von Kracauers Musik, er spielt eine freie Coverversion“ gefällt mir sehr gut.
Die SZ hat keinen eigenen Blog. Aber selbst dann wäre das alles natürlich ein schlechtes Zeichen. Denn Blogs wie dieser hier, parallel und quer zu den Printmedien zugleich sind etwas anderes als die Blogs der etablierten Medien. Die sind – auch wenn Dath immerhin versucht, ein bisschen etwas anderes draus zu machen – nur ausgelagerte Zeitung. Zeitung zweiter Ordnung, Zeitung ohne Druckkosten. Und es ist klar, welche Entwicklung der Kapitalismus erzeugt: Immer öfter wird es heißen. „Warum denn so viel Filmfestival im Blatt, das kann man doch auch im Blog machen.“ Kann man natürlich nicht, denn das Blatt hat andere Leser. Die Blogs der Zeitungen sind der Ort fürs weniger Wichtige.
So schafft sich die Zeitung selber ab.

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Vielleicht kann es nicht anders sein. Aber gut ist es nicht. Hinzu kommt dann, dass das, worüber berichtet wird, immer wieder viel zu sehr auf den Wettbewerb konzentriert bleibt. Aber der Goldene Löwe ist nicht alles. Die vielen größeren und kleineren Perlen der Nebenreihen gehen auf diese Weise der Welt verloren. Aufmerksamkeit bekommt nur noch das, was bereits Aufmerksamkeit hat. Der Sinn von Kritik liegt aber gerade darin, dem Aufmerksamkeit zu geben, was sie zwar verdient, aber nicht bekommt. Den Rest erledigt die PR.

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Im „Maleti“ kann man ja spätabends nicht nur uns Kritikern begegnen, sondern auch Filmemachern. Vorgestern saß da Roy Andersson am Nebentisch, gemeinsam mit acht schwedischen Kritikern. Das würde einem deutschen Regisseur nie passieren, außer bei Round-Table-Interviews – bei uns ist auch das nicht so entspannt wie bei den Schweden, und das schlägt sich natürlich auch in den Filmen nieder. Andersson ist allerdings auch leicht zu übersehen, er sieht aus wie eine der sympathischeren Figuren aus seinen Filmen, ein Älterer mit zu wenig Haaren und etwas zu viel Bauch. Ich hab ihn gar nicht gleich gesehen, und um ein Haar wäre ich kurz zu dem Tisch gegangen, und hätte die Schweden gefragt, wie sie denn den neuen Andersson finden. Das wäre was gewesen…

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Gestern dann saßen wir irgendwann mit der Italienerin Alicia Rohrwacher und dem Argentinier Lissandro Alonso gemeinsam am Tisch. Die sind beide in der Jury, sie hatte Violeta mit gebracht, die ja nicht nur in Argentinien Produzentin ist, sondern auch für die Mostra arbeitet.
Im Gespräch verteidigten Markus aus Wien und ich den neuen Abel-Ferrara-Film, mit dem vor allem die Damen in der Runde gar nichts anfangen konnten. Abel Ferraras Portrait des italienischen Filmemacher-Dichter-Philosophen Pier Paolo Pasolini hatte man gespannt, aber auch bang erwartet. Was würde das Entfant Terrible, der Chaot des Italoamerican Cinema mit Pasolini machen?

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Es gelang überraschend gut: Willem Dafoe spielt die Hauptfigur mit amerikanischem Akzent. Ferrara konzentriert sich auf Pasolinis letzte Tage vor dessen mysteriöser Ermordung am Strand von Ostia, und schlägt Rückblicksschneisen in die Vergangenheit. Im Zentrum steht Pasolini als politischer Künstler und als Provokateur des konservativen Nachkriegsitaliens. Ein Zeitportrait, das immer wieder in die Aktualität mündet, und sofort große Lust macht, Pasolinis Bücher aus dem Schrank zu holen. Ferrara könnte mit seinem besten Film seit Jahren einen Preis holen.

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Der Film sollte am besten „Pasolini by Ferrara“ heißen, meinte Markus. Oder „Ferraras Pasolini“ fand ich. Erinnert sich jemand noch an die tollen Titel der Siebziger: „Fellini’s Casanova“?
Wir machten uns dann einen Spaß daraus, noch ein paar solche bizarren Paarungen zu erfinden: Welchen Refisseur hätten wir gern von welchem Kollegen portraitiert? Markus kam auf die wunderbare Komination: „Herzogs Takeshi Miike“; meine Favoriten: „Eckhart Schmidt’s ‚Fassbinder'“; „Paul Verhoevens ‚Riefenstahl'“. Und natürlich: „Margarethe von Trottas ‚Schlöndorff'“.

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RED AMNESIA vom Chinesen Wang Xiaoshuai erzählt von einer alten Frau, die von den Geistern der Vergangenheit heimgesucht wird. Sie materialisieren sich in einem jungen Mann mit merkwürdigen Manieren, den man lange für einen Geist und dann für einen Serienmörder halten muss. Er ist keines von beidem, sondern der Enkel einer Familie, die die alte Dame einst während der Hexenjagd der Kulturrevolution denunzierte. Das Verdrängte kehrt zurück. Eine spannende Psychostudie, die Horrorfilmelemente mit einer dokumentarischen Reise verbindet, die das Publikum in halbe Geisterstädte führt: Verlassene Fabriken und heruntergekommene Dörfer, in denen einst das Heer der Arbeiter hauste, die in die Fabriken zwangsverpflichtet wurden.

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Auch dieser Film könnte einen Preis bekommen, zum Beispiel für seine Hauptdarstellerin. Der Schwede Roy Andersson A PIGEON SAT ON A BRANCH REFLECTING ON EXISTENCE (wir berichteten) bleibt aber nach wie vor der klarste Favorit auf den Goldenen Löwen, der am Samstagabend verliehen wird.

Bild-Copyright: Venedig Filmfestival 2014