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The Deep Blue Sea

Eine absteigende Linie, Terence Davies, Strange Days, Shame, ein Abendessen mit Michael Fassbender – San Sebastian-Blog, Folge 4

Schock im Baskenland: 8-0 hat der FC Barcelona am Wochenende gegen Osasuna Pamplona gewonnen, und die spanischen Zeitungen rechnen vor, dass seit Jahrzehnten noch jeder Club abgestiegen ist, der so hoch verlor. Aber es ist erst der dritte Spieltag, also viel zu früh für sichere Prognosen, und eine gewisse klammheimliche Freude gestehen auch viele Basken, weil Barcas großer Rivale Real Madrid gleichzeitig beim Provinzclub Logrones verlor, verdientermaßen.

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Fußball ist der größte Rivale des Kinos bei diesem Festival, selbst heute, wo es erstmals nicht geregnet hat. In fast allen Kneipen laufen abends Spiele – und es gibt immer welche – auf einem Fernseher, der umringt ist von Männern, Frauen, Kindern. Kinder dürfen hier auch bis nach Mitternacht aufbleiben – claro que si! – scheint ihnen nicht zu schaden, sie bekommen aber ja auch kein Bioessen, sondern anständige Chuletas und sind deshalb wahrscheinlich weniger empfindlich als die deutsche Bionadejugend.

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0-0 steht es gerade im Heimspiel zwischen Real Sociedad San Sebastian und Aufsteiger FC Granada. Es ist ziemlich still im „artess“ cafe. Ich bin extra reingegangen, um beim Schreiben auch noch das Spiel mitzuverfolgen. Seit ich überhaupt nach San Sebastian komme, seit 2002, ist das „artess“ so eine Art Stammcafe für mich geworden – und leicht lassen sich auch andere davon überzeugen, wie dieses Jahr Firat aus Istanbul oder die andere Pamela (Pianezza) aus Paris, und die Argentinier sowieso. Man sitzt selbst bei schlechtem Wetter draußen, bei gutem bis zum Abend in der Sonne, nichts ist Schickimicki oder für die Landjugend wie die Cafes und Bars in der Altstadt. Inzwischen werde ich hier schon jedes Jahr wieder von den Bedienungen begrüßt, die mit mir älter werden, genau wie diese allerdings zeitloseren Kinoangestellten, die ebenfalls immer die selben bleiben, für die das hier die größten zehn Tage des Jahres sind. Heute gab es vom Cafe das dritte Bier unaufgefordert „invita a la casa“.
63. Minute, gerade hat Estrade das 1-0 für San Sebastian geschossen. Jubel…

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The Deep Blue Sea

Nach etwas durchwachsenem Auftakt des Wettbewerbs war es der Brite Terence Davies, der hier die einhellig positivste Reaktion erntete. Vor drei Jahren widmete ihm das Festival eine Retrospektive. Elf Jahre musste er auf seinen nächsten Spielfilm nach The House of Mirth von 2000 warten – natürlich aus finanziellen Gründen. Zwischendurch drehte er immerhin den großartigem Essayfilm Of Time and the City über seine Heimatstadt Liverpool. The Deep Blue Sea erzählt von einer Amour Fou; Rachel Weisz spielt eine Frau aus der Oberklasse, die ihren nachsichtigen Juristengatten Anfang der 50er mit einem Weltkriegsflieger betrügt, der sie nicht mal liebt. Sie weiß das, und muss zugrundegehen, aber weil sie alles selbst gewählt hat, ist es auch gut wie es ist.
Mehrheitsfähig bei der Jury dürfte dieser Film, bei dem der deutsche Kameramann Florian Hoffmeister die Bilder gestaltete, allerdings kaum sein.

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Im Gespräch ist Davies großartig: Immer wieder betont er aus der Working Class zu stammen, macht aus seiner Verachtung für die Gegenwart und das Geld keinen Hehl. Wir reden über die Unschuld der 50er Jahre, über Sex vor Aids, über das Nachkriegsengland, das viel länger als die Deutschen der Diktatur der Lebensmittelkarten und der Zuteilungswirtschaft ausgesetzt war – so viel zur „special relationship“ mit Amerika, sagt Davies ätzend. 

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„Today I quit my job as a journalist.“ – sagt der britische Sight & Sound-Kritiker Nick James, als wir uns zufällig im prächtigen Belle-Epoque-Hotel Maria Cristina über den Weg laufen. Dann klärt er auf: Seine Frau, eine Produzentin, hat The Deep Blue Sea produziert, darum schreibt er nur „außer Konkurrenz“.

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Großartig war das Wiedersehen mit Kathryn Bigelows Strange Days in der Retrospektive zum amerikanischen Neo-Noir. Der Film stammt aus dem Jahr 1995, wo er noch ein Science-Fiction war, spielt er doch an den letzten zwei Tagen des Jahres 1995. Ich hatte ihn damals, noch kein Filmkritiker, gleich zweimal kurz hintereinander begeistert gesehen, seitdem nicht mehr. Damals zusammen mit allen anderen Werken der Regisseurin in einer Retrospektive im Münchner Filmmuseum. Und wunderbar gefunden – für mich in der Erinnerung einer der repräsentativen Filme der 90er Jahre. Das gilt weiterhin, obwohl gewisse Alterserscheinungen unübersehbar sind und überraschenderweise mehr ins Gewicht fallen als in King of New York vom weißgott nicht über alle Zweifel erhabenen Abel Ferrara.
Prinzipiell ist Strange Days aber filmisch sehr anspruchsvoll. Es geht vor allem um den POV, den Point of view, und das mit einer Konsequenz, die heutige Filme gar nicht kennen. Schon die erste Szene ist ein einziger Exzess einer subjektiven Kamera. Ralph Fiennes als „the teflon-man“ und Dealer ganzheitlicher Erfahrungen hat hier seinen besten Auftritt. Auch manche Verweise fallen mir erst jetzt richtig auf: In der Disco-Szene laufen beispielsweise „Film Noirs“ auf den Monitoren. Und wenn Juliette Lewis dann singt „I can hardly wait“, ist es, als sei die Zeit stehengeblieben

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Die Empfindung des „Veralteten“, schreibt Adorno – und auf Strange Days trifft das ganz bestimmt zu -, erkläre sich nicht aus zeitlicher Distanz, sondern aus dem Urteilsspruch der Geschichte. Als veraltet empfinde man etwas dann, wenn man Scham darüber empfinde, seinerzeit eine Gelegenheit versäumt zu haben. Strange Days floppte damals. Vier Jahre später wurde Matrix ein Welterfolg, der, obschon immer noch ein toller Film, doch nur ein billiger Abklatsch der Ideen von Bigelow und ihrem Mann James Cameron war.

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Shame

Wovon handelt eigentlich Shame von Steve McQueen, jener Film, der seit seiner Premierre vor gut zwei Wochen in Venedig rundum unisono von allen gefeiert wird? Mir sind solche Hypes ja immer suspekt. Wenn alle einig sind, stimmt meistens irgendetwas nicht. Wirklich „von einem Sex-Süchtigen“, wie viele Berichte nahelegen? Von jemand, für den Sex in jeder Form das einzige Bindeglied zur Welt ist? Oder eher im Gegenteil von jemandem, der keinen Sex haben kann, außer mit Prostituierten, völlig Fremden und in Form von Pornographie-Konsum – also mit reinen Objekten? Vielleicht geht es auch um einen Menschen, der es nicht erträgt, selbst zum Objekt zu werden.
Aber in jedem Fall ist dieser Film ein Phänomen weil er offenbar sehr vielen Menschen die Möglichkeit eröffnet, ihn direkt auf sich zu beziehen, und zu folgern: Er handelt von uns, von mir.

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Also der Reihe nach: McQueen, Ex-Videokünstler, ist so etwas wie der Shootingstar am Kino-Firmament. Er ist Brite er ist schwarz und er ist schwul. Sein erster Film war Hunger, der etwas zu zwangshaft in überlangen Einstellungen um Kunstanerkennung bettelte, dem man die Herkunft aus der Videokunst überdeutlich ansah, und der Michael Fassbender vom Nichts zum Star machte. Shame hat immer noch einen Touch von alldem, ist aber klüger, also dezenter im Kunstwillen. Er arbeitet als McQueens Markenzeichen eine bestimmte Art von cleaner und bedeutungsschwangerer, sehr genau komponierter, kalkulierter Körpertheorie heraus.

Shame

Er spielt in New York, unter Yuppies in schicken Hochhausappartments, von denen aus sie in die kalte Nacht Manhattans blicken. Fassbender spielt so einen recht unsympathischen Typen. Er heißt Brandon, arbeitet in irgendeinem austauschbaren Glasbetonstahl-Büro über den Wolken, und wenn er nicht mit den Arbeitskollegen in irgendeiner Braunesholzschwarzesleder-Bar zu doofer Musik ein paar Drinks kippt, oder gegen die schlechte Laune durch kalte Hochhausschluchten joggt, guckt er gern Pornos, bestellt sich Nutten aufs Zimmer, holt sich im Bad oder auf der Bürotoilette einen runter. Er guckt fremden Frauen hinterher, und lässt sich einmal auch von einer Barbekanntschaft aufgabeln. So weit, so normal. Oder?
Irgendwann besucht ihn seine Schwester, eine Sängerin, gespielt von Carey Mulligan, die hier viel hässlicher und weniger „süß“ aussieht, als man es gewohnt ist. Aber noch zerbrechlicher. Allerhöchst zerbrechlich. Das merken wir spätestens, wenn sie zitternd, mit brechender Stimme – aber eben dann doch kontrolliert, kalkuliert – „New York, New York“ haucht.
Wir bekommen mit, dass er sie nicht gut behandelt, wir sehen, dass er einen ziemlich ausgeprägten Reinheits- und Hygienetick hat. Auch noch normal, oder? Der Schwester geht’s offenbar nicht, gut, man ahnt, dass sie versuchen könnte, sich umzubringen. Irgendwann tut sie es, wird vom Bruder gerettet. Der hat in der Zwischenzeit versucht, mit einer Arbeitskollegin etwas anzufangen, hat ihr aber schon beim ersten Date erzählt, dass seine längste Beziehung vier Monate gedauert habe – was so dumm ist, dass man sich fragt, wie es der Mann je in seine Position geschafft hat. Aber Realismus ist langweilig. Etwas langweilig ist es allerdings auch, dem Mann nachdem man längst kapiert hat, dass er offensichtlich bindungsunfähig ist, noch einmal eine Stunde lang dabei zuzuschauen, bindungsunfähig zu sein.
Und wenn er am Ende in den schwulen Lederschuppen geht, und sich dort einen blasen lässt, dann verstehen das offenbar alle Kritiker. Hm. Ich nicht.
Ansonsten sehen wir schöne glatte kalte Bilder eines schönen glatten kalten New York. Diese Welt ist gepflastert mit Versuchungen. Im besten Fall ist dieser Brandon eine uninteressante Variante des Patrick Bateman aus American Psycho.
Schon wahr: Fassbender sieht gut aus. Außerdem spielt er toll, wenn auch mit Ausrufezeichen.
Auch wahr: McQueen ist sehr sehr clever. Und intelligent. Und wir mögen intelligente Regisseure, wollen mehr davon. Aber keine, die ihre Intelligenz andauernd ausstellen, um sie offenbar viel zu genau wissen. Es gibt hier keinen Fingerbreit Freiheit und das nicht etwa, weil McQueen uns zeigen will, wie unfrei wir sind, sondern weil er seinen Darstellern, seinen Figuren, seiner Geschichte keine Freiheit gönnt. Weil er ein Kontrollfreak ist, dessen Spiel auf der seelischen Klaviatur des Zuschauers immer wieder hinter den Kulissen hervor scheint und allzu deutlich erkennbar wird.

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Früher hätte man so einen Film „spekulativ“ genannt. Ihm seine cleane Ästhetik und Perfektion vorgeworfen, die genau mit dem korrespondiert, was der Film doch verurteilen will: Reinheitswahn, Kontrollwahn.
Ich finde den Film ja nicht schlecht. Aber eben auch lange nicht so gut, wie viele. Zwei Szenen fand ich besonders ärgerlich: Als Mulligan „New York, New York“ singt, hört Brendan zu. Irgendwann ganz unverhofft, kulliert eine Träne einsam aus seinem Auge. Große Schauspielkunst, dafür muss man lange üben. Aber das erinnerte mich leider auch fatal an die Träne von Ulrich Mühe in Das Leben der Anderen – eine Sternstunde der Geschmacksverirrung. Und überhaupt: Wenn Männer weinen im Kino, wird es gefährlich.
Der zweite Ärger: Weil unser Brendan ja eben nicht wie Bateman zum Mörder wird, sondern ganz doll an sich leidet, wirft er irgendwann – aus „Scham“, weil die Schwester ihn wichsend im Bad erwischt hat – alle Pornos weg, und den Computer gleich mit. Eine in ihrer Hysterie wirklich dumme Szene. Aber vor allem nervt dieser Moralismus. Als ob Pornos das Problem wären. Man muss Pornographie ja nicht verklären. Aber muss man sie verdammen?

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„Es ist kein Film für jedermann, sagt Nando, der den Film mag, aber als reines Arthouse einschätzt, nur etwas für Kritiker. Fran Gallo, ein Spanier, DJ und Filmkritiker, der lange Jahr Programmverantwortlicher beim Festival in Gijon war, ist dagegen ein Shame-Skeptiker – wie überhaupt viele Argentinier. schön, dass man mit Fran schlechte Witze machen kann, wie diesen: Hunger, Shame, wie heißt jetzt der dritte Film von McQueen? Mein Tip: Pride.

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Am Abend beim Abendessen mit den Argentiniern im „Alrondondo“, einem der schönsten Restaurants hier, dann ein Erlebnis: Plötzlich kommt Michael Fassbender zur Tür rein. Gefühlt zwei Köpfe kleiner, als im Kino, braun gebrannt. Er begrüßt Ginger und die anderen britischen Presseagentinnen mit Küsschen, selbst die Praktikantin. Strahlt und wirkt sympathisch. Ein Mann, dem das Glück gerade zulächdelt. Später hören wir, dass er von Barcelona mit dem Mororrad hierherfuhr – what a man! Und alle argentinischen Shame-Skeptikerinnen von Abrir puertas… drehten die Köpfe, waren hingerissen und wurden plötzlich zu Raucherinnen, um ein paar Sätze mit Fassbender zu wechseln.

Hier finden Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus San Sebastián.