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„So gut habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gefickt.“

Drei Episoden aus einer österreichischen Hochaussiedlung, rund um das Entgleiten und Entgleisen der Liebe: Die Krankenschwester Eva (Petra Morzé), verheiratet mit einem bourgoisen Schubert-Liebhaber, sehnt sich nach leidenschaftlichem Sex und findet ihn bei der Zufallsbekanntschaft Tomasz (Andreas Patton), einem Arzt auf der Durchreise. Die Supermarktkassiererin Sonja (Susanne Wuest) plagt Eifersucht. Sie ahnt, dass ihr Freund Marco (Dennis Cubic), den sie über alles liebt, eine Andere hat. Ist ihre Eifersucht krankhaft oder doch berechtigt? Die dritte Frau ist die alleinerziehende Nicole (Martina Zinner), deren Exmann Alex (Andreas Kiendl) mit hilfloser Gewalt auf die Trennung reagiert…

Natürlich, wie es sich für einen Episodenfilm gehört, sind die einzelnen Geschichten eng miteinander verknüpft. Das wirkt durch das improvisierte Schauspiel nicht konstruiert. Regisseur Götz Spielmann greift jedoch mit innerer und äußerer Montage ein – so läuft  Antares -Studien der Liebe nicht Gefahr, ins Pseudo-Dokumentarische abzudriften. Die Kamera ist bewusst platziert, sie engt die Figuren durch die entstehende Rahmung ein, zeigt auf, dass sie sich in einem Gefängnis befinden, eingesperrt in der kargen Realität und ihren Sehnsüchten aus dieser auszubrechen. Eva schafft den Ausbruch, mit welchen Folgen lässt der Film offen. Der Schnitt ist unsanft, auch wenn es keine großen Sprünge zwischen den Bildern gibt: Denn er kommt unerwartet – Mal werden die Wechsel zur nächsten Szene erst verzögert und vollziehen sich dann doch, wenn der Zuschauer sich an die Erzählpause gerade gewöhnt hat – Mal wird eine Szene zerstückelt, wie etwa die expliziten Sexszenen im Hotelzimmer von Tomasz. Götz Spielmann realisiert seinen Film nicht avantgardistisch, aber die kleinen Brechungen fallen selbst denjenigen auf, der mit den Möglichkeiten der filmischen Mittel bestens vertraut ist. So schafft er einen Verfremdungseffekt, der auch das an den Film gewöhnte Auge erreichen kann, und verleitet den Zuschauer zum reflektierten Umgang mit dem Gezeigten. Die FSK hat daher zurecht den Film bereits ab 16 Jahren freigegeben.

Götz Spielmanns Antares – Studien der Liebe ist nur dann kontrovers, wenn man ein beschränktes Bild vom Menschen hat. Die wahren Kontroversen sind versteckt und finden sich in kleinen Andeutungen: Den latent frauenfeindlichen Werbeplakaten, die Marco und sein Kollege aufkleben, dem schon weniger latenten Fremdenhass von Alex und der offensichtliche Einfluss von latent pornographischen Musikvideos auf Evas Tochter. Durch seine ungeschönte und direkte Inszenierung schärft Götz Spielmann den Blick des Zuschauers auf eine Gesellschaft, die ein äußerst schizophrenes Verhältnis zur Sexualität besitzt. Einziges Manko bleibt, dass der Film nach gewisser Zeit etwas ermüdend wirkt. Es scheint bereits früh alles gesagt zu sein. Spielmann erzählt präzise, vielleicht ein wenig zu präzise für knapp 2 Stunden Laufzeit.

Das Bonusmaterial wartet mit einem bei kinokontrovers gewohnt umfangreichen wie informativen Booklet auf. Marcus Stiglegger, einer der führenden deutschen Experten für das Untergrund-Kino, bietet einen präzisen Überblick über Entwicklungen im neueren Österreichischen Film, die er mit Antares – Studien der Liebe verknüpft. Ein Interview mit dem Regisseur rundet das makellos gestaltete Booklet ab. Auf der DVD findet sich neben dem Trailer ein Making-of, das Eindrücke von den Dreharbeiten gibt.

Antares – Studien der Liebe im Pressespiegel auf film-zeit.de.

Antares – Studien der Liebe
R, B: Götz Spielmann
K: Martin Gschlacht
D: Petra Morzé, Susanne Wuest, Martina Zinner
Ö 2004; 114 Min.
Bildformat: 1,85:1
Sprache: Deutsch (DTS 6.1 Surround; Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Verleih: Kinokontrovers
VÖ. 6.12.2012
FSK: ab 16
Extras: Making-of; Original-Kinotrailer; Booklet mit Essay zum Film