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Vor dem neuen Fall eine Abrechnung mit dem letzten. Ein POLIZEIRUF, der die tranige Sommerpause durchbricht, der dank Günter Schütters Drehbuch oft so pessimistisch wirkt wie Dominik Grafs Filme und der schonungslos mit allen Illusionen von Rechtsstaatlichkeit aufräumt. Hanns von Meuffels ermittelt im „kollegialen Nahraum“ und findet keine Hoffnung.

Manchmal dauert es, bis man sich mit einem Krimi, obwohl schon vor geraumer Zeit gesehen, auseinandersetzt. Schon vor der Preview auf dem Münchner Filmfest war klar, dass es sich um Qualitätsfernsehen handeln wird, und dieser dunkle POLIZEIRUF steht zu Recht unter den Nominierten für den Deutschen Fernsehpreis 2013. Meuffels fünfter Fall endet mit einem Tiefpunkt. Der Figur kann das für seinen nächsten Einsatz KINDERPARADIES (R: Leander Haußmann) am kommenden Sonntag nur nützen.

Der Fall

Auf der Polizeiinspektion 25 stirbt eine Transsexuelle im Gewahrsam. Liegt ein Fehlverhalten der Kollegen vor oder handelt es sich wirklich um ein Unglück? Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) soll den Fall überprüfen, um Zweifel auszuräumen. So mies wie die Aufgabe bleibt auch seine Laune. Auf der einen Seite steht die Lebenspartnerin des Opfers, die transsexuelle Tänzerin Almandine Winter (Lars Eidinger), und auf der anderen die fünf Kollegen, die mauern. Warum muss er in dem abgeschlossenen Fall stochern? Im „kollegialen Nahraum“ läuft Meuffels Ermittlung gegen eine Wand der falschen Solidarisierung und jede Anstrengung wird unternommen, um seine Nachforschungen zu behindern.

Zwei Münchner Pessimisten

Über Günter Schütters TATORT: FRAU BU LACHT wurde geschrieben, dass seine Drehbücher immer einen gewissen „abstrusen Witz“ wahren und geprägt sind von einer „Abwesenheit von Political Correctness“. Auch ohne Knusperfrösche gibt es beides in DER TOD MACHT ENGEL AUS UNS ALLEN. Die Polizeipsychologin ist nur eine Witzfigur, der die Kollegen hanebüchene Kindheitstraumata und Doppeldeutigkeiten auftischen. Nachts spielt die Polizei auf dem Gang „Pimmelpolo“. Doch die Seitenblicke, die dieser POLIZEIRUF entlang seiner Ermittlung in das Leben der Polizisten wirft, offenbaren den ruinösen Zustand dieses Berufs. Von der eigenen Familie als „Bulle“ verachtet, gnadenlos unterbezahlt, von oben im Stich gelassen, beim Einsatz vom Mob aus dem Bus gezerrt und verprügelt. Keiner interessiert sich für den Alltag ganz unten im Apparat – es läuft darauf hinaus, dass man sich für „900 im Monat plus Zulagen vollkotzen lassen“ muss.
Eine interessanter Vergleich bietet sich zum letzten Münchner TATORT: MACHT UND OHNMACHT, der ein ebenso trostloses Bild vom Polizistendasein zeichnet. Auch dort wird eine interne Ermittlung geführt gegen eine Gruppe im Apparat und der Alltag unten in der Hierarchie hat mit Rechtsstaatlichkeit kaum mehr etwas zu tun. Trotzdem könnten diese beiden Filme nicht unterschiedlicher sein. Denn Batics und Leitmayrs Fall zeigt uns die Initialhandlung, die alles in Gang bringt, während sie im POLIZEIRUF ausgespart bleibt. Letztlich wird im TATORT die Frage nach der Ohnmacht des Rechtsstaates wichtiger, das Versagen bleibt ein individuelles. Batic und Leitmayr haben moralische Oberhand, denn es gibt eine klare Linie zwischen Recht und Unrecht, auch wenn offen bleibt ob der Anwalt am Ende seine Frau misshandelt oder nicht. Der Zweifel rechtfertigt keine Intervention, so die Mahnung.

Angesichts von Schütters Konstruktion des Verbrechens als Inferno, das alle erfasst und mit sich reißt, gibt es diesen Rückzugsraum im POLIZEIRUF nicht mehr. Geradliniges Heldentum vom Schlage Nick Tschillers (Til Schweiger) ist in diesem Kosmos sowieso undenkbar. Das Versagen ist in diesem POLIZEIRUF systemimmanent: Der Polizeiapparat ist nicht nur dysfunktional, sondern schlichtweg korrupt. Von unten durch Gewalt und gesellschaftliche Ausgrenzung zerfressen, von oben durch politische Ambitionen pervertiert. Vorgesetzte sind für Meuffels einfach nicht erreichbar – seine Nachricht wird sofort von der Sekretärin geöffnet, die sich dann geflissentlich bemüht, die Kollegen vor Unheil zu bewahren. Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) warnt ihren Chef vor den Schutzmechanismen im „kollegialen Nahraum“. Das bedeutet, dass er letztlich auf offener Straße von Vermummten zusammengeschlagen wird. Sein Gegenspieler Jacob (der wandelbare Hans-Jochen Wagner) nennt das dann lapidar „Solidarisierung“ von Kollegen. Doch was ist das für ein Apparat, der so unfähig ist, sich selbst zu kontrollieren?

Dabei gärt es nicht nur nach außen, sondern auch nach innen: So feinfühlig Meuffels auftreten kann, so eine Scheißlaune hat er gegenüber Anna. Auch das Duo ist bereits in der Alltagsmühle entfremdet worden – und hat interessanterweise in den fünf Fällen noch nie wirklich Seite an Seite gearbeitet. Anna beschwert sich, dass sie der Berufsalltag völlig auffrisst. Als sie das alles hinschmeißt und Meuffels allein lässt, kann man sie verstehen. Er wird sich bei ihr entschuldigen, denn er braucht sie für diesen Fall dringend, aber das Problem ist damit freilich nicht vom Tisch.

So verhärtet sich in Meuffels fünftem Fall die pessimistische Sicht auf die Staatsmacht, die aber von Anfang an Teil dieses Kosmos war: In CASSANDRAS WARNUNG führt ein korrupter Kollege alle an der Nase herum, in DENN SIE WISSEN NICHT WAS SIE TUN zeigt ein Terroranschlag den Apparat chancenlos überfordert, in SCHULD kann der Staat einen Freigesprochenen nicht vor dem Lynchmob schützen und in FIEBER wird Meuffels selbst von einem Geiselnehmer niedergeschossen.

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Zerbrechliche Identitäten

Eng verbunden mit der Auseinandersetzung mit dem Polizeiapparat ist bei Schütter auch das Erforschen von geschlechtlichen Identitäten. Sie sind immer entweder in Auflösung begriffen (wie im SKORPION) oder maßlos pervertiert (wie in DER SCHARLACHROTE ENGEL), oft auch beides gleichzeitig. Die Männlichkeit im Polizeiensemble ist bereits tiefgreifend erodiert. Jacob wird zuhause als „Bulle“ verachtet und sollte möglichst seine Arbeit für sich behalten, Anfänger Henninger (Mathias Kupczyk) offenbart zweifelhafte Ansichten, Austro-Türke Özyl (Murathan Muslu) ist nichts als eine tickende Testosteron-Zeitbombe und Meier (Shenja Lacher), genannt „Eiermeier“, lässt sich nach Dienstschluss von Dominas knechten. Warum auch nicht, seine Frau spricht immer nur von neuen Esszimmerstühlen. Die bürgerliche Fassade kann kaum mehr aufrecht erhalten werden. Die einzige Kollegin im Ensemble, Jasmin Meier (Anne Müller), wirkt so androgyn, dass ihre Weiblichkeit kaum eine Rolle spielt. Im Gegenteil, sie nutzt sie sogar gezielt, um die Bedrohung für die Gruppe auszuschalten – was völlig über das Ziel hinausschießt. Auch das kennt man von Schütter: Wie im SKORPION oder CASSANDRAS WARNUNG wuchert das Unrecht und alle Versuche der Vertuschung und Begrenzung nehmen eine vernichtende Eigendynamik an. Meistens muss dann jemand dran glauben.

Unterschiedlicher könnten zwei unter Verdacht stehende Gruppen nicht sein als diese und diejenige in MACHT UND OHNMACHT, in dem Kolleginnen und Kollegen ganz anders miteinander umgehen. Was sich im Dialog und der Inszenierung im POLIZEIRUF immer wieder aufdrängt, ist, dass diese Schutzreaktion erfolgt, weil das Team als Ersatzfamilie dient. Sie ist das letzte, das bleibt, darum wird sie verteidigt. Gleichzeitig wird innerhalb des Polizeiapparats jede Form von Schwäche gnadenlos ausgenutzt, es geht nur darum, alles auszuhalten und zu funktionieren. Eine von Anfang an hoffnungslose Lage.

Annäherung und Entfremdung

Und was hat dieser Meuffels nur mit Männern in Frauenkleidern? Schon in CASSANDRAS WARNUNG wird er von einem Transvestiten verprügelt, der per Handschellen an ihn gekettet ist. Ein groteskes Schauspiel im Hinterhof. DER TOD MACHT ENGEL AUS UNS ALLEN erzählt die Geschichte einer Annäherung (zwischen Meuffels und Almandine) und einer Entfremdung zugleich (zwischen Meuffels und der Polizei). Das erinnert an das Verhältnis zwischen Ermittler und Opfer im SCHARLACHROTEN ENGEL. Es wirkt wie eine Love Story, mit kleinen Gesten der Annäherung, aber auch wohldosierten Distanzierungen, die Meuffels setzt. Jan Bonnys unruhig wackelnde, sehr direkte Kamera fängt dabei präzise auch Kleinigkeiten ein, die teilweise erst bei der zweiten Sichtung auffallen. Die Stadien dieser Annäherung sind fein herausgearbeitet. Etwa während des Dialogs im schmierigen Stripclub, in dem Almandine arbeitet. Das Gespräch zwischen ihr und Meuffels wird im unruhigen Schuss-Gegenschuss aufgelöst, jeder bleibt allein in seinem Bildkader, bis sie sich im Profil gegenüberstehen. Dann langt Meuffels hinüber, die Kamera zieht nach, und er wischt ihr mit dem Ärmel eine Träne an der Nase weg. Ab hier steht er auf ihrer Seite.

Matthias Brandt spielt Meuffels mit einer versonnenen Art, seine Mimik bleibt – in diesem Fall mit seinen unklaren Allianzen ohnehin – undurchdringbar, die schmalen Augen werden umso wichtiger, die einen scharf beobachtenden Blick auf die Welt werfen. Meuffels bewegt sich unter Kollegen ebenso zwanglos, wie er mit Almandine durch die Stadt schlendert. Seine Rolle bleibt ebenso im Dunkeln wie sein Privatleben. Wenn er Vorbehalte hat, lässt er sie an keiner Stelle durchscheinen. „Menschen wie Sie bereichern eine Stadt wie München ungemein“, sagt er zum Abschied zu Almandine und meint es.

Dem gegenüber gibt Eidinger seiner Almandine etwas Vielgesichtiges, zwischen Hysterie und femininen Gesten, aber rau und aufbrausend andererseits. Bezeichnenderweise ist sie die einzige Figur in diesem Fall, die noch eine Hoffnung hat. Sie will endlich eine richtige Frau werden, um den Anfeindungen und Demütigungen zu entfliehen und akzeptiert zu werden. Doch der Neuanfang kostet weit mehr als nur Geld – alles andere würde dieser Fall nicht dulden. Der Abschied, der ein Aufbruch sein soll, wirkt nicht hoffnungsvoll. Die Parteien stehen einander gegenüber, Blicke gehen hin und zurück. Einen Sieger kennt diese Inszenierung nicht und so bleibt die Frage offen, ob die Chance den Preis wert sein kann.

Was am Ende bleibt

Jan Bonny liefert einen POLIZEIRUF, der im Dreck wühlt, aber keineswegs wie ein Graf-Film ohne Graf wirkt. Keine Reißzooms, keine Nebenhandlungs-Extravaganzen oder Manierismen. Stattdessen poetische Bilder, ruppig aneinandergeschnitten, Schnittbilder fast nur vom nächtlichen München, das nie erkennbar wird. Immer wieder kehren sie zurück zur Neonreklame von Clubs, Etablissements, Peepshows oder Striplokalen – dem sämigen nachtaktiven Unterbau der Stadt, in dem sich die Ausgestoßenen bewegen. Dieser POLIZEIRUF lässt keinen Zweifel daran, dass auch die Polizisten längst zu ihnen gehören.

Das Schlimmste in DER TOD MACHT ENGEL AUS UNS ALLEN ist, dass keiner an einer wirklichen Aufklärung des Todesfalls interessiert ist. Meuffels Ermittlung ist nichts als ein Akt politischen Reinemachens. Dabei gibt er selbst der Frustration Ausdruck, dass jeder Polizist bereits Erfahrungen mit internen Verfahren hatte, da sich heute „jeder beschwert, der nicht gleich mit spitzen Fingern angefasst wird“. Angesichts der real existierenden Debatte um Polizeigewalt wirkt das zynisch, zumal keine Sanktionierung stattfindet wie im TATORT. In dieser Verweigerung klarer Linien liegt eine Stärke dieses Falls, der eigentlich aus Material besteht, das reichlich bekannt ist – die Polizistenfiguren, die Systemkritik, der einsame Kommissar, die interne Ermittlung, usw. So ist das Ende absehbar, aber beeindruckend durch seine böse Konsequenz. Es ist nicht in seiner Ausweglosigkeit monströs, in der Figuren zum Äußersten getrieben werden (wie bei Graf), sondern es ist bei Schütter/Bonny schlichtweg eine Bankrotterklärung. Sowohl für den Ermittler als auch für den Apparat. Einer muss den Preis bezahlen und es ist Meuffels selbst. Wie er vor Anna beschwört, dass er nicht allein die Schuld für eine Fehlentscheidung tragen will, rächt sich dieses Zaudern. Obwohl dieser Fall von Anfang an klar ist, hat Meuffels versucht, das Beste herauszuholen. Doch das Recht duldet keinen Kuhhandel. Punktum.

POLIZEIRUF 110: DER TOD MACHT ENGEL AUS UNS ALLEN (ARD/BR, 15.07.2013)
Regie: Jan Bonny
Buch: Günter Schütter
Kamera: Nicolai von Graevenitz
mit: Matthias Brandt, Anna Maria Sturm, Lars Eidinger, Hans-Jochen Wagner, Shenja Lacher, Mathias Kupczyk, Murathan Muslu, Anne Müller u.a.
Prod: claussen+wöbke+putz

 

Bild-Copyright: BR

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