Seite auswählen

Was vom arabischen Frühling übrig blieb

von | 12 Aug 2015 | Locarno 2015, Uncategorized | 0 Kommentare

Burnout der Hoffnungen: Die Sektion „Open Doors“ in Locarno widmet sich den Filmkulturen des Maghreb

 

Ein Zeichentrickfilm. Er zeigt, präzise beschreibend, aber mit subversivem Witz eine Frau, die ein Badehaus besucht. Doch es ist ein Badehaus in Tunesien, wo Frauen auch heute noch Menschen zweiter Klasse sind. L’MRAYET heißt dieses Animationsstück. Es stammt aus dem Jahr 2011, als in Tunesien die „Jasminrevolution“ gegen das Ben Ali Regime noch bevorstand. Unter der Hand entwickelt sich aus den ersten Szenen im Badehaus die Geschichte einer Geburt und das dystopische Portrait eines Landes, in dem Meinungsfreiheit nur auf dem Papier steht, das sich auf dem Weg in den Totalitarismus befindet.

Die Regisseurin dieses Films heißt Nadia Rais. Rais gewann am Dienstag in Locarno einen der Preise in der Sektion „Open Doors“ bei den Filmfestspielen im schweizerischen Tessin. Diese Preise gelten zukünftigen Filmen, die bisher nur auf dem Papier erschienen. Wer sie gewinnt, das hängt vom bisherigen Werk der Filmemacher ab und von der Präsentation des neuen Projekts bei einer mehrtägigen Vorstellungsrunde. Bei Nadia Rais‘ neuem Projekt mit dem Titel ALLER SIMPLE handelt es sich um eine Fortsetzung ihrer Auseinandersetzung mit Fragen der Meinungsfreiheit und totalitären Tendenzen in in ihrer Heimat.

Weitere Förder-Preise gingen an LE FORT DES FOUS also „Festung der Narren“ von der Algerierin Narimane Mari, an PAGAN MAGIC vom Marokkaner Fyzal Boulifa sowie an weitere Filme aus Marokko, Algerien und aus Libyen.

LE FORT DES FOUS

PAGAN MAGIC

PAGAN MAGIC

„Open Doors“, also „Offene Türen“ heißt jene relativ neue Sektion des Filmfestivals von Locarno, die vor zwölf Jahren gegründet wurde und sich als Türöffner für eine bestimmte Kinoregion dieser Welt versteht, die sie alljährlich mit ihren Filmen und Filmemachern in den Fokus rückt; eine Region, die entweder bislang vernachlässigt wurde, oder die aus anderen Gründe besondere Beachtung verdient.

Für den Maghreb gilt gleich beides. Also für jenen ans Mittelmeer grenzende Länderstreifen, der geographisch zwar ein Teil Afrikas ist, kulturell aber zum arabischen Kulturraum gehört, religiös zum islamischen und historisch einst ein Teil des Römischen Imperiums war, also auch eng mit Europa verbunden ist.

Die Maghrebländer Libyen, Tunesien, Algerien und Marokko sitzen kulturell schnell zwischen allen Stühlen. Und auch politisch lag der Maghreb lange im Schatten. Doch spätestens mit den Revolten der Arabellion und den Flüchtlingsströmen übers Mittelmeer wird auch die Filmkultur des Maghreb aus europäischer Sicht wieder interessant. Eine Auswahl von 22 Filmen präsentiert nach Reihen über unter anderem Südostasien, den Ländern der Seidenstraße, Lateinamerika und China das diesjährige Programm der Open Doors Screenings.

***

Es sind hochspannende, stilistisch aufregend moderne und mitunter experimentelle Filme, die in Locarno zu sehen sind. Etwa der algerische LOUBIA HAMRA von der anderen Preisträgerin Narimane Mari – in der Tradition des italienischen Neorealismus, etwa Rossellinis ROM, OFFENE STADT, zeichnet er das Portrait einer Gruppe Halbwüchsiger in Algier.

Künstlerischer Ausdruck geht Hand in Hand mit genauer Beobachtung und aus europäischer Sicht dem Füllen von Kenntnislücken. In manchen Geschichten geht es um bekannte Konfliktstrukturen: Zwischen Mutter und Sohn oder Vater und Sohn, oder um die tabu-behaftete Liebe zwischen einem jungen Mann und einer älteren Frau, um Arbeiterinnen in einer Fabrik in Tanger. Schon die Titel sind vielsagend: Die libyschen heißen: EINBAHNSTRAßE, MISSION IMPOSSIBLE, LAND DER MÄNNER, DRIFTING. Die marokkanischen: DAS FIEBER, JENSEITS DER STADT, RÜCKKEHR ZUM GLEICHGEWICHT. Und TARZAN, DON QUIXOTE UND WIR ist nicht allein ein Film über Algiers „Cervantes-Viertel“, sondern über den Zustand der ganzen Gesellschaft.

Der algerische Dokumentarfilm LA CHINE EST ENCORE LOIN („China ist immer noch weit weg“) von Malek Bensmail reist zurück an die Wiege der Algerischen Revolution in Ghassira und erzählt die Geschichte ihrer ersten zivilen Opfer – eines französischen Lehrerpaares und ein Dorfpolitiker, die dort am 1. November 1954 ermordet wurden. Fast 60 Jahre später kam es zur „Jasminrevolution“, von der PRINTEMPS TUNESIEN erzählt – zweimal geht es darum, was von der Revolte übrig blieb.

***

Die Filme des Maghreb sind nicht immer offen politisch. Aber sie sind offen in ihrem Problembewusstsein. Stark sind die Eindrücke von den Gemeinsamkeiten einer Region, die sich in den letzten Jahren selbst und oft gegen die Gleichgültigkeit des reichen Westens aus den Fängen einer Diktatur befreit hat – um allzu schnell in andere autoritäre Zwänge hineinzustolpern. Es ist auch eine Region, in der Kultur einen anderen, höheren Stellenwert hat, als in Europa, wo Kultur als notwendige Erziehung und unentbehrlicher Teil eines Zivilisierungs- und Humanisierungsprozesses verstanden wird – nicht etwa wie bei uns als Konsumindustrie für Entertainment und Zerstreuung zur Vermarktung eines Standorts oder gar zur Stabilisierung der Machtverhältnisse.

***

Die kulturellen Eliten des Maghreb haben auf den „Arabischen Frühling“ große Hoffnungen gesetzt, und sie haben durch die Bedrohung der ISIS noch mehr zu verlieren, als andere Gesellschaftsschichten.

Beides – Arabellion und Islamofaschismus – hinterlassen tiefe Spuren in den in Locarno vorgestellten Filmen und Projekten. Sie drehen sich um Terroristen, aber auch um Beziehungskrisen, sie zeigen Geschlechterverhältnisse und ökonomische Unterdrückung. Und sie zeigen immer Machtverhältnisse.

Kaum geht es um Emigration – das liegt nicht nur daran, dass die vorgestellten Filmemacher in ihren Ländern bleiben, die dortigen Verhältnisse ändern und bessern wollen, und nicht fliehen.

Es hat aber auch damit zu tun, dass Europa als Kontinent der Hoffnung für den Maghreb einstweilen ausgedient hat. Eine große Ernüchterung, ein Burnout der Hoffnungen hat im Norden Afrikas eingesetzt. Das ist, für uns im Norden zumal, keine gute Nachricht.

Rüdiger Suchsland aus Locarno

Alle Artikel

Pin It on Pinterest