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Armut, Schmutz und Gottesfurcht

von | Sep 22, 2015 | San Sebastian 2015, Uncategorized | 0 Kommentare

Das Festival von San Sebastian eröffnet mit REGRESSION, dem neuen Film von Alejandro Amenábar

„Could you imagine this film to open Berlinale?“, fragt mich Nando am Abend. Nein, das stimmt, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber anders, als Nando meint. Ich habe in Berlin schon oft schlechtere Eröffnungsfilme gesehen, als diesen. Und auch ein paar bessere. Aber keinen, den man vergleichen kann. Insofern muss ich Nando recht geben.

Aber San-Sebastian-Eröffnungsfilme sind immer ein bisschen anders, erst recht seit José Luis Rebondinos hier die Direktion übernommen hat. 2011 gab es den unvergessenen Mysterythriller INTRUDERS mit Clive Owen und Daniel Brühl, 2012 kämpfte Richard Gere in Nicholas Jareckis ARBITRAGE gegen die Börsenmafia, 2014 war es dann Denzel Washington, der als EQUALIZER die Russenmafia mit einem Werkzeugkasten besiegte. Mystery, Gore, Thriller und guter Trash – das ist Rebondinos‘ Geschmack. Und die Tatsache, dass er dazu steht, dass er hier mal – als einziges mir bekanntes Festival – keinen typischen Eröffnungsfilm zeigt, keinen Crowdpleaser und Gutmenschenfilm, oder Ami-starbespickten Ami-08/15-Müll für Funktionäre aller Art, Parlamentarier und Chefredakteursgattinnen, sondern statt eines mäßigen A-Films einen guten B-Movie, das spricht schon mal sehr für dieses Festival.

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In seiner Abneigung gegen den spanischen Eröffnungsfilm REGRESSION, den neuen Film von Alejandro Amenábar, repräsentiert Nando Salva, den ich nun auch schon seit etwa zehn Jahren kenne, und der einer der etablierten spanischen Kritiker ist, den Mainstream der spanischen Kollegen. Bei der Pressevorführung, am Freitagmorgen gab es zwar durchaus freundlich Applaus. Später aber überwog das Gemäkel.

Aber warum? Sofort erkennbar ist das Phänomen, das es umgekehrt ja auch in Deutschland gibt, und das vielleicht sogar für den Charakter der jeweiligen Kritiker spricht: Dass Regisseure, gerade diejenigen mit einem gewissen internationalen Ruf, im eigenen Land besonders scharf kritisiert werden.

Diesen Ruf hat sich Amenábar aus guten Gründen erarbeitet: ABRE LOS OJOS (1997) gehört zu den besten europäischen Psychothrillern der 90er Jahre, THE OTHERS war 2001 ein toller Brückenschlag zwischen Mystery und Autorenkino, Klassik und Postmoderne. Amenábars Sterbehilfe-Melo MAR ADENTRO fand ich zwar einen kitschigen Mist – aber der Film war ein internationaler Hit, und brachte Amenábar den Auslandsoscar ein. Umgekehrt wurde der Sandalenfilm AGORA dann sträflich unterschätzt in seiner Qualität als Metapher auf religiösen Fundamentalismus und dessen Kampf gegen Aufklärung. Jetzt scheint Amenábar, der mit 43 immer noch erstaunlich Jung ist, etwas der Dampf ausgegangen. Für jeden seiner Filme braucht der länger, als für den davor, und REGRESSION, der als Eröffnungsfilm hier seine Weltpremiere erlebte, ist ein dringend benötigtes Lebenszeichen für diesen Regisseur.

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„Please god help me.“ ist der erste Satz dieses Films, der 1990 spielt, irgendwo in einem öden Kaff in einem schlammigen, verregneten Minnesota. Zuvor hatte ein vorgespannter Text uns schon aufs Gleis des Satanismusthrillers gesetzt: Von „panic and suspicion“ ist da die Rede, „satanic rituals in USA“ und „inspired by real events“.

Schnell, im Stil eines 50er Jahre Polizeifilms und B-Movies, der nicht viel Zeit verliert wird erzählt: Ein Witwer kommt in ein Polizeirevier zum Verhör, es gibt eine Anklage wegen Missbrauchs der Tochter, die in einer Kirche Zuflucht gefunden hat. Der beste Mann des Reviers, Bruce, wird auf den Fall angesetzt, ein Psychologe hinzugezogen. Denn der Vater leugnet nicht, gibt aber auch nichts zu, sondern sagt nur „Angela never lies“.

Bruce dringt schnell ein in typisches Verhältnisse des amerikanischen White Trash: Armut, Schmutz und Gottesfurcht, ein verwahrloster Hof, eine alte Oma, die vor allem mit Katzen redet, ein Vater, der verwirrt und überfordert ist, und am liebsten mit sich selber redet oder mit dem lieben Gott. Und mitten drin, das saubere, aufgeräumte, rosarote Zimmer der Tochter Angela.

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Im Folgenden wechselt sich der Film aus den typischen Ingredienzien des Mystery-Horrors – düstere Atmosphäre, verschmuddelte Zimmer, knarrende Türen, verbotene Schuppen, Katzen überall und mit wissenden Blicken – ab mit denen eines Polizeithriller im Hollywood-Realismus: Im Verhör kommt es bald zum Geständnis des Vaters, zugleich wird klar, dass offenbar ein Kollegen von Bruce auch involviert ist. Der auch ein bisschen schräge Psychiater sagt „The mind is a whole universe“ und erläutert die Regressionstheorie der Psychologie: In dem hochumstrittenen Verfahren wird Hypnose benutzt, um bei Patienten (oder Verdächtigen) verdrängte Erinnerungen freizulegen.

Beide fahren nach Pittsburgh, treffen den Sohn, der die Familie verlassen hat, und der seine Verachtung für den Vater erläutert. Auch dort Katzen.

Im Fernsehen laufen derweil TV-Dokus über Satanismus, dazu eine Musik, die sehr EXORCIST-ähnlich verführt, ein Buch IN SATANS NAME taucht auf und die Theorie des SRA, also „Satanic Ritual Abuse“.

„Something doesn’t fit“ meint Ethan Hawke, und „This case is part of something bigger.“ Ansonsten Dauerregen, Gewitterblitze, Stromausfall, und schlechte Träume.

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Auch Emma Watson spielt nach einer halben Stunde mit, als Tochter Angela, und darum weiß man, dass noch irgendetwas kommen muss. Ein Kuss mit Ethan Hawke, der bei ihrem Anblick immer ganz soft guckt, ist das erste, dann wird Bruce zunehmend selbst irre in seinem Verhalten, schließlich aber wissen wir Zuschauer schon früher als Bruce, und deutlich zu früh für den Film, dass sie ihn manipuliert. Denn das schlaue ehrgeizige Mädchen möchte raus aus dem Müll, und sich zugleich bei denen rächen, die sie für den Tod ihrer Mutter verantwortlich macht.

Das zu zeigen, ist wirklich ein schlechter Schachzug des Films. Denn haben es auch manche eh geahnt, so wird die Ahnung hier zu früh Gewissheit. Nur mit einem weiteren Twist wäre dies zu rechtfertigen gewesen. So aber ist dies vor allem eine Geschichte darüber, wie einer verunsichert wird, eine Geschichte über die Fabrizierung von Paranoia und über die Dummheit der vielleicht nicht ganz so weisen Institutionen Staat (Polizei), Medizin (Psychiatrie & Psychoanalyse) und Kirche. Denn sie selbst legen ihren Verdächtigen, Patienten, Gläubigen die Motive in den Mund und ins Hirn und verursachen so eine kollektive Hysterie erst.

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Ein schönes Bild gegen Schluss zeigt einen Raum, der alles gleichzeitig ist: Gesprächszimmer, Kirche, Basketballfeld, Kino, und natürlich ein vergitterter Teil des Gefängnisses. Dieser Raum ist die Gesellschaft.

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Amenábars Film ist in gut, als Regiearbeit, wie als Unterhaltungsfilm. Aber er ist nichts Außergewöhnliches. Und das müsste man von diesen Filmemacher vielleicht schon erwarten dürfen. Der Film ist atmosphärisch stimmig und hält seine Spannung, aber von den Gelüsten und Obsessionen eines Regisseurs, von einer Handschrift ist hier nichts zu spüren. Der Film ist nicht beunruhigend genug, um ihn ernst zu nehmen, er ist nicht schockierend oder aufwühlend oder anekelnd genug um als Emotionsmaschine zu funktionieren.

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Schade natürlich fürs Festival, dass weder Emma Watson, noch Ethan Hawke hierher zur Premiere kamen.

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Nando Salva ist übrigens einer derjenigen in Spanien, der von seiner Arbeit als Filmkritiker auch leben kann. Zusammen mit Quim Casas bildet er ein denkbar schräges Paar. Denn beide sind gleichberechtigte Filmredakteure bei der Tageszeitung EL PERIODICO aus Barcelona. Wer sie beide kennt, weiß, dass nicht nur ihr Aussehen und ihre ganze Art so ziemlich das Gegenteil voneinander ist, sondern auch ihr Filmgeschmack: Quim ist ein Intellektueller, einer, der elaboriertes, mitunter auch abseitiges Arthouse-Kino favorisiert, Nando ohne Scheu vor Populärem, Nando mag Hollywood und wird streng, wenn ein Film nicht funktioniert, Quim dagegen, wenn ein Film dumm ist. Quim mag Franzosen und Asiaten, Nando Amerikaner und Skandinavier. Aber Quim ist auch seit Jahren für die Retrospektiven in San Sebastian mitverantwortlich, und hat sehr viel Sinn für „Guilty Pleasures“. In diesem Jahr hat er das wunderbare Buch für die historische Retrospektive herausgegeben, die Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack gewidmet ist. Auf die werden wir noch ausführlich kommen. Und Nando hat seinem eher amerikanisch ausgerichteten Geschmack zum Trotz einen großen Sinn für türkische Autorenfilme – und das hat nicht nur damit zu tun, dass seine Frau Senam eine Filmkritikerin aus der Türkei ist. Zusammen verkörpern Nando und Quim also fast den perfekten Filmkritiker – zumal beide immerhin eines gemeinsam haben: Dass sie das gute Leben schätzen. Und das bleibt immer noch das Wichtigste.