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Wir Menschen sind doch nicht so schusselig, wie wir immer denken. Denn hinter dem Verschwinden von Knöpfen, Stecknadeln, Büroklammern, Angelhaken, kleinen Zuckerwürfeln und anderem für uns wertlosen Klimbim steckt nicht immer die eigene Zerstreutheit, sondern oft das Völkchen der Borger, zehn Zentimeter große humanoide Wesen, die zum Bestreiten ihres alltäglichen Lebens jene Gegenstände von uns großen Leuten borgen, deren Pässlichkeit uns nicht weiter zu bekümmern scheint. Ihre Existenz ist ein gut gehütetes Geheimnis.

So weiß auch der zwölfjährige Sho (Ryûnosuke Kamiki) zunächst nichts von heimlichen Untermietern, die das Landhaus seiner Großtante Sadako (Keiko Takeshita) bewohnen. Von der restlichen Zivilisation durch idyllische Naturlandschaften wie eine Insel abgeschirmt, bietet das kleine Häuschen im Grünen dem Jungen genau die Ruhe, die er für sein schwaches Herz braucht. Doch muss er kurz nach seiner Ankunft bereits feststellen, dass sich unter der scheinbar stillen Oberfläche mehr Leben verbirgt, als es den Anschein hat. Es dauert nicht lange, bis Sho auf Arrietty (Mirai Shida) trifft, die vierzehnjährige Tochter der Borgerfamilie Clock, die unter den Holzdielen eines Kleiderschrankes ihr Heim bezogen haben. Die langsam aufkeimende Freundschaft zwischen den beiden muss sich bald jedoch nicht nur gegen Arriettys übervorsichtigen Vater Pod (Tomokazu Miura) und Sadakos allzu neugierige Haushälterin Haru (Kirin Kiki) behaupten, sondern sich auch mit der Tatsache auseiandersetzen, dass ein friedliches Zusammenleben zwischen Borgern und Menschen unmöglich erscheint.

Arrietty – Die wundersame Welt der Borger heißt der neueste Streich der Ghibli Studios, der auf dem Fantasyroman Die Borger von Mary Norton basiert, welcher bereits im Westen in dem Familienklamauk Ein Fall für die Borger mit John Goodman schon einmal für die Kinoleinwand adaptiert wurde. Obwohl Ghibli-Gründer Hayao Miyazaki die Regie seinem Schüler Hiromasa Yonebayashi überlassen hat, stammt das Drehbuch aus seiner Feder und lässt nichts an den typischen Merkmalen einer Miyazaki-Geschichte vermissen: So haben wir mit Arrietty  wieder einen Shojo-Charakter als Protagonistin, also eine weibliche Figur irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsenwerden steckend, aufgeweckt, aktiv, eigensinnig. Ihre mutige Entdeckerlust führt den Zuschauer durch den Mikrokosmos eines menschlichen Haushaltes, der sich in raffinierter Verfremdung als detailreich animierte Fantasiewelt entpuppt. Ihr jugendlich-naiver Blick erlaubt dem Zuschauer in farbenfrohen Aquarellbildern einen frischen, optimistischen Zugang zu der ihm grau gewordenen Welt.

Wie bereits in anderen Werken von Miyazaki wie Mein Nachbar Totoro oder Nausicaa aus dem Tal der Winde steht der Konflikt zwischen Mensch und Technik auf der einen und Natur auf der anderen Seite im Vordergrund. Miyazaki begreift den Menschen immer als Teil eines ökologischen Systems, das gleichzeitig oft durch dessen Rücksichtslosigkeit bedroht wird. So ist die Gefahr für Arrietty und ihre Familie, die von unheilvoll aussehenden Insekten, gefräßigen Katern oder gewalttätigen Krähen ausgeht, bei weitem nicht so groß wie die Bedrohung durch den Menschen. Denn die Tiere akzeptieren mit der Zeit die Borger als koexistente Lebensform, während der Mensch immer weiter in ihre Lebensräume vordringt und für ihr Aussterben sorgt. Schließlich erzählt Miyazaki auch in Arrietty von einer untergegangenen Welt, nämlich der Kultur der Borger. Arrietty und ihre Eltern gehören zu den letzten ihrer Art, die anderen Borger aus der Umgebung gingen verschollen, meist, nachdem sie von den Menschen entdeckt worden waren. Am Ende steht also wie so oft bei Miyazaki der Auszug, das Verlassen der Welt und die Suche nach einem Utopia, einem Ort der Verheißung und des Friedens – fernab von den Menschen.
  
Arrietty funktioniert mit seiner liebevollen Erzählung und den für Ghibli gewohnt märchenhaften Bildern als solide Familienerzählung – eine kurzweilige Unterhaltung mit Herz und Botschaft. So begeisterte er bereits auf der Nippon Connection 2011 ein breites Publikum und wurde dafür mit dem Nippon Cinema Award belohnt. In der Tat dürfte Arrietty einen älteren Zuschauerkreis ansprechen als sein Vorgänger Ponyo – Das große Abenteuer am Meer, doch reicht er an die reiferen Werke Miyazakis nicht heran. Statt innovative Erweiterung des Miyazakischen Erzählkosmos erscheint der Film eher wie eine Art Hommage an den altehrwürdigen Urvater der Ghibli-Studios. Als wolle der Schüler Yonebayashi seinem Meister versichern, dass dessen Werte und Ideen bruchlos von der nächsten Ghibli-Generation weitergetragen wird. Keine Experimente!

Hier lesen Sie eine kleine Werkschau Hayo Miyazakis von Lida Bach.



Arrietty – Pressespiegel auf film-zeit.de

Arrietty- Die wundersame Welt der Borger / Kari-gurashi no Arietti
R: Hiromasa Yonebayashi
B: Hayao Miyazaki, Keiko Niwa, nach einem Roman von Mary Norton
D: Mirai Shida, Ryûnosuke Kamiki, Keiko Takeshita, Tomokazu Miura, Kirin Kiki, Shinobu Ôtake
Japan 2010, 94 Min.
Universum
Kinostart: 02.06.2011