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THE CIRCUS (1928).
FREAKS (1932).
THE OLD MILL (1937).
JOUR DE FÊTE (1949).
CHINATOWN (1974).
CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND (1977).
DAYS OF HEAVEN (1978).
HEAVEN AND EARTH (1993).
BLACK CAT, WHITE CAT (1998).
24 HOUR PARTY PEOPLE (2002).
THE LAST SAMURAI (2003).
ZODIAC (2007).

Was haben diese Filme gemeinsam?

Enten

© HBO

Wir durften in den vergangenen Tagen bei exgroundfeststellen, wie wichtig diese für den Film sind: Wie viele Filme Einstellungen beinhalten, in welchen Enten durch das Bild marschieren, wie einige Regisseure sich gar mit Enten beschäftigen, wie sogar Kritiker in den Enten-Einstellungen einen mysteriösen Moment sehen, denn diese ungewöhnlichen Statisten bringen nicht selten, soweit sie unsere Aufmerksamkeit genießen, ein Fragezeichen in die Bildkomposition eines Films ein. Sie fügen der Einstellung eine ungewöhnliche Dynamik hinzu, die oft in einem metaphorischen Zusammenhang zu sehen ist und allein schon grafisch eine Faszination in sich birgt. Natürlich beinhaltete die äußerst empfehlenswerte Mockumentary DUCK CROSSING auch die Enten aus THE SOPRANOS, die gewiss zu den bedeutendsten Enten der Filmgeschichte zählen, denn ihre Abwesenheit wird zum Motor einer der besten Serien, die wir kennen.

Denn die Enten in THE SOPRANOS markieren mit ihrem Abflug vom Anwesen der Sopranos eine Zäsur. Weg sind nicht nur die Enten, sondern auch die sorglose Zeit, die dem Mafiosi jahrzehntelang in der Filmgeschichte gegönnt wurde. Was THE SOPRANOS ausmacht, ist, dass die Serie uns über ganze sechs Staffeln und damit knapp 90 Stunden die Strukturen der Mafiawelt beim Zerbröckeln zeigt. Denn, auch wenn der Ausgangspunkt eine verblasste Allegorie der Goldenen Jahre des organisierten Verbrechens darstellt und die bekanntesten Persönlichkeiten dieser Zeit tot sind oder im Gefängnis sitzen, stellt die Serie die gleiche Machtpyramide dar, die wir bisher aus dem Mafiafilm kennen. Zwar auf alternative Geschäftsformen umfunktioniert, wie unter anderem die Müllabfuhr, entfaltet sich diese Pyramide im Verlauf der Serie als der altbekannte Ersatz zur offiziellen Regierung, als eine geschlossene Gemeinde der durch das soziale Netz Gefallenen, die eine eindeutige Spitze aufweist und, je weiter nach unten man blickt, beliebig ersetzbar und dynamisch ist. Was sie zusammenhält, ist eine absolute Ordnung, diktiert durch traditionsreiche Gesetze und Schutzmechanismen und bedingt durch die strenge Disziplin der Mitglieder.

Diese Pyramide wird in der Serie auf mehreren Ebenen umkreist und unseren Augen Schicht für Schicht enthüllt. Es gibt natürlich die darstellerische Geste, die uns das Altbekannte bestätigt und die Struktur dieser Parallelwelt, wie aber auch ihre Verbindungen in die ‚zivile‘ Gesellschaft, vor bewundernden Augen entfaltet. Das lässt sich wie eine Bewegung nach oben beschreiben, denn wir erklimmen als Zuschauer gemeinsam mit Tony Soprano, aber auch mit den anderen Hauptfiguren der Serie, die Ränge dieser Machtpyramide. Figurativ lassen uns gerade die Nebenfiguren in dieser Hinsicht einen Blick zurück richten, um festzustellen, wie unwichtig Tony Soprano einmal innerhalb dieser Welt war. Vergleichbar ist dies auch mit dem Altern: Mit Kinderaugen blicken wir am Anfang der Serie der Zukunft entgegen, um, Staffel für Staffel, immer wieder festzustellen, dass Tony größer, wichtiger geworden ist, dass seine Probleme sich mitentwickeln, entsprechend dieses figurativen Alters. Seine Hürden spiegeln sich in den Hürden der Nebenfiguren in unzähligen Sinnbildern, von der einfachen Tatsache, dass Chris Moltisanti an einem Tag entsprechend seines Rangs stundenlang auf einen Anruf im Regen warten muss, bis hin zu Paulies chronischer Lebenskrise, angesichts seiner sich seit Jahren nie ändernden Position in diesem Netzwerk. Schließlich trauert man vielleicht sogar wie ich, weil das Ende der Serie naht und man sich das gar nicht anschauen will, zu sehr ähnelt es doch einem Ableben.

Poker

© HBO

Die Mafia wird uns vorgestellt als eine archaische Form von Zivilisation, die entsprechend auf Ritualen basiert, die im Rahmen von Ritualen den Exzess feiert, aber im selben Rahmen irgendwo anders der Gemeinschaft wieder das zurückgibt, was durch Erpressung, Diebstahl oder Mord der Gesellschaft weggenommen wurde. Und so sehr sie dem Ritual untergeordnet ist, bedient sie sich gleichzeitig daran. Um sich zu rechtfertigen, um mächtiger zu werden, um sich von Generation zu Generation fortzusetzen. Vielleicht liegt die Faszination dieser Welt genau darin, in ihrer fortwährenden Nähe zu den Ritualen, die sie bestimmen. Man denke nur an die regelmäßig veranstalteten Pokerspiele hinter verschlossenen Türen – von Mobstern für Mobster. Umgeben von einem Netz von strengen Regeln – die soweit reichen, dass sie bestimmen, ob und was gesprochen werden darf – sind diese Spiele eine kondensierte Metapher dieses sozialen Systems: Ein sich über mehrere Tage erstreckenden Exzess des Alkohols, der materiellen Verausgabung und der Anstrengung des Körpers bis zur ultimativen Grenze. Sie sind in ihrer privilegierten Position nichts anderes als feierliche Messen. Sakralisiert werden sie zusätzlich, indem sie als die Momente kenntlich gemacht werden, in welchen die Ordnung der Dinge durcheinander gebracht werden kann. So geschah es mit der Vorgänger-Generation, wie sich Ralphie in der zweiten Staffel erinnert, als einige Jugendlichen ein solches Spiel ausgeraubt haben, um auf sich aufmerksam zu machen. Das versuchen auch die Jungen von heute, doch inzwischen ist es unmöglich.

Denn bei aller Sakralisierung ist diese Bewegung der Serie nach oben auf etlichen anderen Ebenen von Bewegungen nach unten begleitet, wird ausgeglichen, ja gar verneint. Um beim Pokerspiel zu bleiben: Wir stellen in einer späteren Staffel fest, dass dieses von Tony Soprano selbst säkularisiert wird, denn er lässt mit der Aufnahme eines spielsüchtigen Freundes in den Kreis der Spieler zu, dass Pokern von einem Ort der unproduktiven, ritualisierten Verausgabung, zu einem Ort des Geschäftes wird. Der Freund verschuldet sich und muss Sopranos Imperium nach und nach alle seine Besitztümer abtreten. Natürlich ist das Motiv des Pokerspielsauch in diesem Kontext nur eine Stilisierung dessen, was im Laufe der Serie bis zu diesem Moment allgegenwärtig wurde. Machtstrukturen werden verformt, Regeln ersetzt, die charakteristische Einheit des Milieus zerbröckelt, gemeinsam mit dem zunehmenden Verschwinden des Bezugs zu den starken Traditionen.

Sprache

© HBO

Ein sehr schlüssiger Aspekt der Serie war für mich immer die Bipolarität des Verhältnisses der Figuren zur Tradition hinsichtlich der Sprache. Denn so sehr sie die selbst erschaffenen Traditionen aufrecht zu bewahren versuchen, haben sie den Bezug zu ihrer Herkunft längst verloren. Sie kamen, historisch gesehen, als Italiener nach Amerika, wurden in einer zweiten und einer dritten Generation zu Italoamerikanern, und sehen nun zu, wie ihre Kinder zu richtigen Amerikanern geworden sind. Während bei den meisten Erwachsenen sprachlich immer noch das harte „T“ als nostalgisches Artefakt zu genießen ist, sehen sich die wenigen noch verwendeten italienischen Worte nach der Amerikanisierung entweder sloganisiert oder onomatopöisiert. Der historische Bezug ist allein noch in der Esskultur zu finden. Das Regelwerk des organisierten Verbrechens als Parallelgesellschaft wurde zum Surrogat für die klassische Auffassung von Tradition.

Belegt wird das spätestens mit dem kurzen Ausflug von Tony und zwei seiner Männer nach Sizilien, im Rahmen dessen die kulturelle Kluft aufs Äußerste zur Schau gestellt wird. Auf amerikanischem Boden zeigt sich eine andere Kluft durch die Verweigerung, eine in den Neunzigern längst fällige Integration anzunehmen. Hier werden ebenso komische Verfremdungseffekte erzeugt, wie die starken Kontraste, die uns zum Lachen brachten, als diese amerikanisierten Mafiosi es mit den echten Italienern zu tun hatten. So bleiben sie schließlich eine eigene kulturelle Insel, mitten in Amerika, eine Enklave, die dabei ist, angesichts des Fortschritts der Gesellschaft als solche zu verschwinden.

Ein Akzent in Sachen Sprache setzt natürlich Furio, der aus Italien zur Stärkung der verweichlichten Strukturen importierte Capo. Seine durchaus komische Aneignung der amerikanischen Sprache und Kultur im Zeitraffer ist als Miniatur der Geschichte dieses Milieus zu sehen. Furio entdeckt aber schließlich dasselbe, was David Simon angesichts der Wiederwahl des Präsidenten Obama schreibt, nämlich dass er eine Minorität ist in einem Land, in welchem von Integration nicht die Rede sein kann, besteht dieses Land doch in seiner Grundstruktur aus Minoritäten. So rekurriert er doch auf die italienischen Traditionen, stellt fest, dass diese ihm den Aufenthalt in den USA nicht erlauben, und kehrt zurück in die Heimat. Dabei wird deutlich, dass seine Entdeckung Amerikas dieselbe Erfahrung ist, die wir als Zuschauer mit der Welt Tony Sopranos machen: Eine Welt krümelt vor sich hin und die Einzelteile verstreuen sich im Wind.

Die Sprache ist also wichtig, weil sie verdeutlicht: Es war weniger die Bewahrung des Italoamerikanischen, was diese Gruppe ausgemacht hat, wie die Traditionen, die um das organisierte Verbrechen entstanden. Denn, wenn etwas zerfällt, dann die Mafia und nicht dieser schon längst durch Wandlung gezeichnete Kulturkreis. Ebenfalls komisch wird dies in der Figur des Ehemannes von Tony Sopranos Psychanalytikerin belegt, dessen Scham, den Italoamerikanern anzugehören sich als skurril erweist: Ihm gelingt es schlicht nicht, den Unterschied zwischen Italoamerikanern und Verbrechern zu ziehen – so wird er sich die ganze Serie über für das Aufdecken dieses Unterschieds stark machen. Blickt man nun durch den Filter dieses Textes zurück auf die Enten am Anfang der Serie, so lässt sich erahnen, wie humorvoll es ist, sie in einer Mockumentary wie DUCK CROSSING zu zitieren, waren sie doch das Sinnbild der unbeschwerten Verbindung zur Natur, zu den längst verlorenen Traditionen (wir erinnern uns, sie wurden in einem familiären Kontext inszeniert); sie waren die Utopie der Serie, was sie zum direkten metaphorischen Auslöser der Dekonstruktion macht, die sich in den nächsten 90 Stunden entfaltet hat.

Um die Klammer zu schließen, viel Spaß mit DUCK CROSSING: