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Neben Yorgos Lanthimos (auch im Film zu sehen) ist Regisseurin Athina Rachel Tsangari die prominenteste Vertreterin des Neueren Griechischen Films. Sie lebt meist in den USA, dreht und produziert ihre Filme aber in Griechenland. Ihr erster Langfilm, The Slow Business of Going (2000), wurde als „Dauererrektion für das Auge“ bezeichnet. Ihr neuestes Drama, der vielfach preisgekrönte Spielfilm Attenberg, handelt von der 23-jährigen Marina, die den Sex entdeckt und gleichzeitig Abschied von ihrem sterbenskranken Vater nehmen muss. Für die Rolle der Marina gewann Ariane Labed den Preis für die Beste Schauspielerin beim Filmfestival in Venedig 2010. Doch die Gestaltung des Films stellt die Story bei weitem in den Schatten.

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Frau Tsangari, in Attenberg geht es um das sexuelle Erwachen einer jungen Frau, Marina, und um ihren Abschied von ihrem sterbenskranken Vater. Außerdem spielen die Naturfilme von Sir David Attenborough – dessen Name zu Attenberg verballhornt wird – eine große Rolle. Sollen sie eine Metapher sein?

Auf Attenboroughs Filme hat mich mein Ex-Ex-Freund, ein Brite, aufmerksam gemacht. Sie sind nicht nur richtige Kunstwerke, sondern haben mir auch die Augen darüber geöffnet, was es bedeutet, Mensch zu sein. Wir lernen so viel über unsere Verhaltensweisen, wenn wir andere Spezies beobachten, unsere Haustiere: Hunde und Katzen. Da ich keinen strikten Realismus in meinem Film wollte, musste ich mich mit einem Code an meine Figuren herantasten. Das hat etwas Metaphorisches, aber gleichzeitig war es auch ein Mittel, um mit meinen Schauspielern zu proben.

Wie haben Sie sich an die Figuren herangetastet?

Am Anfang haben wir sie wie kleine Tiere betrachtet. Dann haben wir allmählich ihr Verhalten dekonstruiert und uns verwundert gefragt: Wer sind diese Menschen? Mein Film fängt kühl und distanziert an, und als Marina anfängt, zu begehren, erhöht sich ihre Körpertemperatur – und die Filmtemperatur auch. Es wird emotionaler. Aber hoffentlich nie sentimental. Denn Sentimentalität kann ich nicht ausstehen, obwohl ich viel weine. Ich identifiziere mich eher mit einem nüchternen Stil und mit der klassischen griechischen Tragödie als mit der „Drama Queeness“ des heutigen Griechenlands.

Hatten die aktuellen politischen Ereignisse in Griechenland einen Einfluss auf Attenberg?

Ich habe das Drehbuch während der ersten Demonstrationen im Dezember 2008 in Athen geschrieben. Jeden Tag protestierte ich mit meinen Freunden und den übrigen Athenern auf der Straße. Also stand ich unter dem Einfluss der Wut und des Gefühls des Betrogenseins, das wir alle empfanden. Es war nicht meine Absicht, einen Film über die Befindlichkeit Griechenlands zu drehen. Aber die Figur des Vaters im Film drückt die Bitterkeit und den Zynismus aus, die die Menschen Generationen übergreifend im Moment empfinden.

Wie persönlich war der Film?

Ich glaube, dass die Heldin Marina ein bisschen ist wie ich. Sie ist halb in der Gesellschaft, halb außen vor. Und manchmal hilft einem die Distanz, wacher und lebendiger zu werden. Nachdem Marina ihre Jungfräulichkeit und ihren Vater verloren hat, wird sie ein freier Mensch. Sie beginnt noch einmal von vorne. Ich finde, dass das auch auf die aktuelle Situation in Griechenland zutrifft. Griechenland hat seinen Vater und seine Jungfräulichkeit verloren und ist nun bereit, erwachsen zu werden. Das ist ein Übergangsritus, und das ist sehr schwierig und sehr melancholisch, aber gleichzeitig fangen die Leute an, die Dinge zu hinterfragen. Attenberg ist nicht streng autobiographisch. Dennoch ist man als Künstler Träger seines Zeitgeists. Statt Psychoanalyse zu betreiben, drehe ich lieber Filme.

À propos Psychoanalyse: Hatte jemand wirklich einen Traum über einen Baum voller Penisse, wie Marinas Freundin Bella im Film?

Für mich hat Psychoanalyse viel mit Biologie und Geologie zu tun. Ich stelle mir vor, dass der Mensch ein Palimpsest ist, ein Wesen aus mehreren Schichten: aus Erde oder aus Träumen. Ich arbeite wie ein Aasfresser – ich sammle Dinge, ohne es zu bemerken, und im richtigen Moment kommen diese Sachen heraus, die ich wie in einem Geheimkästchen verstaut habe. Das geschieht nicht bewusst. Der Traum über den Penisbaum war übrigens echt, meine Produzentin hatte ihn. Er erklärt sich von selbst, er hat so endlose Tiefen…(lacht)

Können Sie etwas über die Rolle der Körpersprache im Film sagen?

Um auf die Griechische Tragödie zurückzukommen: Es war mir wichtig, Interludien mit einem griechischen Chor zu verwenden. In meinem Film nimmt Marinas und Bellas animalischer Tanz oder lustiger Gang („silly walk“), wie wir ihn nennen, diese Funktion ein. So konnte sich die Animalität der Figuren auf eine nonverbale Art und Weise ausdrücken. Weil mir eine sehr konsequente Filmsprache vorschwebte, mussten die beiden Mädchen zeigen, dass sie anders sind, dass sie es genießen, Freaks zu sein. Beide Schauspielerinnen haben einen Tanz- und Performance-Hintergrund, also war es ein Riesenspaß!

Im Film muss Marina ihren Vater im Ausland einäschern lassen. Warum ist Einäscherung in Griechenland verboten?

Weil die griechisch-orthodoxe Kirche es verbietet. Weil es nicht in der Bibel steht… Ich habe keine Ahnung, weil sie dumm sind. (lacht) Aber dank Attenberg gab es viele Diskussionen zu dem Thema und sogar einen Vorschlag für einen Gesetzentwurf im Parlament. Bis dato haben die Leute wirklich diese surreale Reise ins Ausland unternommen, um dort ihre Verwandten einäschern zu lassen. Denn unterm Strich ist es eine Klassenangelegenheit: Man muss es sich leisten können, zu brennen. In der Hölle zu brennen, wenn man so will. (lacht)