Seite auswählen
Der König ist tot! Lang lebe der König! Tommen löst seinen Bruder Joffrey auf dem Eisernen Thron ab. Wie lange sich die Krone auf seinem zarten Haupt wohl halten wird? © HBO

Der König ist tot! Lang lebe der König! Tommen löst seinen Bruder Joffrey auf dem Eisernen Thron ab. Wie lange sich die Krone auf seinem zarten Haupt wohl halten wird? © HBO

Zur Mitte der vierten Staffel GAME OF THRONES – und damit vermutlich zum Mittelpunkt der gesamten Serie – fällt die Zwischenbilanz in Westeros erwartungsgemäß ambivalent aus. Zwischen Tommens Krönung in King’s Landing und der Einstellung von Crasters niederbrennendem Haus jenseits der Mauer, zwischen der Reintegration und Desintegration von Machtgefügen, hat sich in FIRST OF HIS NAME einiges getan. Doch waren es weniger die großen Taten und Konfrontationen, sondern die kleine Gesten, Gespräche und Begegnungen, die einen kurzen Blick auf eine tiefere Wahrheit freigaben: Das Straucheln der Starken ist die große Chance der Schwachen, Vergessenen und Ausgegrenzten, das Geschehen neu zu bestimmen.

Chaos is a ladder

FIRST OF HIS NAME war die Stunde der Emporkömmlinge. Zu Beginn der Folge wird Tommen der neue Herrscher über die Sieben Königreiche. Er ist das genaue Gegenteil seines Bruders: schüchtern, feinfühlig, liebenswürdig. Ein Herrscher, wie man ihn sich nach Joffreys Tyrannei nur wünschen kann. Er wäre der gerechteste König seit langem – erkennt ausgerechnet seine Mutter Cersei. Doch ist ihm die Bürde zu schwer, um sie allein zu tragen. Tommens Gutmütigkeit ist in einer Welt wie Westeros eher eine Schwäche denn eine Stärke. Er ist der König, den Westeros bräuchte, aber nicht verdient.

Im Gespräch zwischen Tywin und Cersei hat sich derweilen herausgestellt, dass der Krieg sämtliche Ressourcen des Lannister-Clans aufgefressen hat. Das letzte Gold wurde vor drei Jahren geschürft. Darüber hinaus steht die (einstmals) reichste Familie Westeros bei der Iron Bank dick in der Kreide. Wenn sie nicht die Tyrells durch eine erneute Hochzeit an sich binden, werden die Lannisters bald ihren Herrschaftsanspruch nicht mehr halten können. Eine prekäre Situation, aus der nicht nur das Haus Tyrell als das faktisch mächtigste Haus des Königreichs hervorgeht, sondern auch der geschlagen geglaubte Stannis Baratheon seinen Vorteil ziehen könnte – Hat doch Davos in BREAKER OF CHAINS begonnen, die Iron Bank als neue Verbündete für den Lord von Dragonstone zu gewinnen. Und wenn diese ominöse Institution aus Braavos auch nur halb so schrecklich ist, wie Tywin sie fürchtet, dann könnte das eine entscheidende Wende im Krieg bedeuten.

Nicht nur metaphorisch befindet sich Sansa auf der Eyrie am Rande des Abgrunds. In der Obhut ihrer vor Eifersucht geblendeten Tante Lysa ergeht es der ältesten Stark-Tochter nicht gerade besser als am Hof von King’s Landing. © HBO

Nicht nur metaphorisch befindet sich Sansa auf der Eyrie am Rande des Abgrunds. In der Obhut ihrer vor Eifersucht geblendeten Tante Lysa ergeht es der ältesten Stark-Tochter nicht gerade besser als am Hof von King’s Landing. © HBO

Unter all den Aufsteigern und Emporkömmlingen tritt Littlefinger in FIRST OF HIS NAME einmal mehr als ungeschlagener Meister auf. Bei der Ankunft in der Eyrie stellt sich der ehemalige Master of Coin als Strippenzieher des Krieges der Fünf Könige heraus – mit Catelyns Schwester Lysa als seine Komplizin. Sie hat ihren Mann, Jon Arryn, auf Littlefingers Geheiß hin vergiftet und Catelyn einen Brief geschrieben, in dem sie den Lannisters die Schuld gab. Dieser Brief war der Auslöser für Eddard, als Hand von König Robert nach King’s Landing zu kommen. Erschreckend muss man feststellen, dass der aufreibende Konflikt zwischen den Lannisters und den Starks, der daraus resultierende Krieg und seine verheerenden Folgen – sprich die Haupthandlung von GAME OF THRONES seit der ersten Folge – von Littlefinger selbst aus langer Hand geplant und in Gang gesetzt wurde.

Lange hat die Serie auf die machthungrigen Ambitionen des Manipulators hingewiesen – etwa in den grandiosen Konfrontationen zwischen ihm und Varys. Beiläufig hat man seinem Aufstieg zur Macht zugeschaut – Die Ernennung zum Lord von Harrenhall hat ihm nur den nötigen Status gegeben, Lysa heiraten und die strategisch wertvolle Eyrie hinter sich bringen zu können. In verstreuten Monologen hat er sich sogar selbst zu seinen Machenschaften bekannt. Doch erst jetzt, in FIRST OF HIS NAME, wird dem Zuschauer das wahre Ausmaß von Littlefingers Worte aus THE CLIMB bewusst:

“Chaos isn’t a pit. Chaos is a ladder. Many who try to climb it fail, and never get to try again. The fall breaks them. And some are given a chance to climb, but refuse. They cling to the realm, or love, or the gods… illusions. Only the ladder is real. The climb is all there is. But they’ll never know this. Not until it’s too late.“

Wenn das von ihm geschaffene Chaos seinen Höhepunkt erreicht, wenn die großen Mächte sich gegenseitig fast ausradiert haben, wird der Mann im Hintergrund seinen Zug machen und alles bekommen. Dass er, wie Varys in AND NOW HIS WATCH IS ENDED bemerkte, dann als König der Asche nur noch über verbrannte Erde herrschen wird, ist ihm völlig egal: The climb is all there is.

Arya trainiert ihren tödlichen Wassertanz – doch ist sie noch weit davon entfernt, es mit ihren mächtigen Feinden aufzunehmen. © HBO

Arya trainiert ihren tödlichen Wassertanz – doch ist sie noch weit davon entfernt, es mit ihren mächtigen Feinden aufzunehmen. © HBO

FIRST OF HIS NAME erinnerte den Zuschauer daran, dass nach dreieinhalb wendungsreichen Staffeln GAME OF THRONES die wirklich großen Ereignisse in Westeros immer noch ausstehen. In Erwartung einer zufriedenstellenden Auflösung dominanter Erzählstränge sind es vor allem die Stark-Kinder, die den Zuschauer auf Großes hoffen lassen. An der Seite von Littlefinger befindet sich Sansa auf der Eyrie gewissermaßen im Mittelpunkt des Sturms. Doch was wird Bran mit seiner erstaunlichen Warg-Fähigkeit anstellen, die zum Ende von FIRST OF HIS NAME eindrucksvoll zur Schau gestellt wurde? Seine Visionen bauen ihn als wesentlichen Akteur im Kampf gegen die White Walker auf, wenn der Winter über Westeros eingebrochen ist und sich der Krieg der fünf Könige nur als Vorgeschmack auf die ultimative Auseinandersetzung zwischen den Kräften des Guten und des Bösen, zwischen Feuer und Eis, erwiesen hat.

Auch Arya ist in ihrer Entwicklung noch längst nicht dort angekommen, wo sie hin will. Ihr Ziel, als unbesiegbare Killerin tödliche Rache an allen auf ihrer schwarzen Liste zu üben, steht noch in weiter Ferne, wie eine Auseinandersetzung mit dem Hound in FIRST OF HIS NAME schmerzhaft beweist. Er steht ebenfalls auf ihrer Liste. Doch wie lang muss sie noch trainieren, bis der erste Name durchgestrichen werden kann? Sind Bran und Arya also noch nicht bereit, die Gunst der Stunde zu ihrem Vorteil nutzen, befindet sich Dany in Meereen endlich in der Position, den Eisernen Thron einnehmen zu können – will es aber nicht. Wieso dem Traum ihres Bruders Viserys von der Herrschaft über eine ihr völlig unbekannte Heimat hinterherjagen, wenn sie gleich drei Städte vor sich hat, die (wie sie es sieht) ihrer Herrschaft bedürfen? Dany muss sich mit den Folgen ihres raschen Aufstiegs auseinandersetzen. Einige der Sklavenstädte sind schon wieder in despotische Hände gefallen; würde sie mit ihrer Armee nach Westeros übersiedeln, würde die Sklavenbucht in ein noch größeres Chaos stürzen. Also bleibt sie. Doch hat man irgendwie das Gefühl, dass ihre Überfahrt nach Westeros nicht gänzlich abgesagt, sondern nur wieder einmal aufgeschoben wurde.

All men must die. In dem sich im Wandel befindlichen Kosmos von GAME OF THRONES hat sich die Gewissheit des Todes als einzige Konstante erwiesen. Aber manche Figuren dürfen nicht sterben, sie werden nicht sterben. Die Stark-Kinder einschließlich Jon Snow zählen ebenso dazu wie Daenerys Targaryen. Zu viel Mühe haben sich die Autoren beim Säen von deren Charakterentwicklungen gegeben, zu wenig hat der Zuschauer bisher die Früchte dieser Arbeit genießen können. George R.R. Martin bricht bekanntlich gern mit den Erwartungen des Lesers, doch hat auch sein „unkonventionelles“ Schreiben Grenzen. Während er „kleinere“ Figuren für den Schockeffekt opfert, bleiben große Figuren wie Tyrion, Jon, Dany oder Arya am Leben – mit ihnen hat er noch so einiges vor. Man fühlt sich an Varys‘ magic box aus AND NOW HIS WATCH IS ENDED erinnert. Das Zauberwort bei GAME OF THRONES heißt Geduld. Während Figuren wie Littlefinger ihren Aufstieg über Jahrzehnte planen und auf den richtigen Moment warten, gibt es Figuren wie Arya, Bran oder auch Dany, deren Aufstieg ein längerer Reifungsprozess vorausgeht, dem der Zuschauer geduldig beiwohnt. Große Entwicklungen werfen ihren Schatten voraus, und momentan ist es in Westeros finsterer denn je.

Andere Gedanken:
* In einer Welt der Intrigen, der schwarzen Magie, und unheimlichen Kreaturen fürchtet sich der mächtigste Mann aus Westeros, Lord Tywin Lannister, am meisten vor den Machenschaften einer gesichtslosen Bank. Da sag mal noch einer, Fantasy hätte nichts mit unserer Realität zu tun!
* Der Erzählknoten in Craster’s Keep hat seine zufriedenstellende Auflösung gefunden. Der Moment, in dem Bran aus seinem Versteck Jon anschaut und ihn am liebsten zu sich rufen würde, ist von Isaac Hempstead-Wright wunderbar ausgespielt worden.
* Was soll man von Cerseis Moment der Vernunft und scheinbaren Versöhnung mit Margaery halten?
* Podricks liebenswürdiger Ungeschicklichkeit konnte bisher noch keiner widerstehen. Auch nicht Brienne, obwohl er ihren Respekt wohl eher durch seine Heldentat am Blackwater gewann als durch seine Fähigkeit, Kaninchen zuzubereiten.
* Entfernung zwischen King’s Landing und der Eyrie: ½ Locke
* Neben YOUR WIN OR YOU DIE und THE RAINS OF CASTAMERE ist FIRST OF HIS NAME bisher die dritte Folge von GAME OF THRONES, in der Peter Dinklage alias Tyrion Lannister keinen Auftritt hat.
* Obwohl sie einen wichtigen Handlungsort in FIRST OF HIS NAME einnahm, kam die Eyrie im Vorspann nicht vor. Tatsächlich hat sich der Vorspann seit der ersten Folge der vierten Staffel nicht verändert.
* Goodbye, Locke! Neuerfundene Nebenfiguren bleiben in GAME OF THRONES also ebenso wenig vor einem grausamen Ende verschont. Man denke nur an Ros‘ Tod durch den Sadistenfürst Joffrey.

Pin It on Pinterest