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Ästhetik? Politik? Jury-Dynamik? Was uns die Palmen lehren…

 

Aus ganz sicherer Quelle wisse sie, flüsterte mir meine Istanbuler Freundin Nil wenige Minuten vor der Preisverleihung zu, dass die Goldene Palme an Asghar Farhadi ginge. Sorrentino bekomme den „Grand Prix“. „Und Kechiche?“, frage ich entsetzt. „Nothing for him!“

Zuvor schon hatte die Gerüchteküche gebrodelt, und in all dem Namenswirbel tauchte der spätere Sieger nicht auf. Wir hätten es ja auch nicht wirklich gedacht, dass es für Abdellatif Kechiche reichen könnte. Es ist dann aber ja doch anders gekommen, gestern Abend.

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Screen-Führende gewinnen nie. Das war jahrelang die Regel in Cannes. Denn dort findet man auf der letzten Seite des sogenannten „Dailys“, also der Festivalzeitschrift die Wertungen einer Kritikerjury, über deren Besetzung man wie immer streiten kann. Sie waren aber seit 1998 ein zuverlässiger Maßstab insofern, dass der dort führende Film nie die Goldene Palme und oft gar keinen Preis gewann: Kaurismäki, Almodovar, Mike Leigh und auch Wong Kar-wai können davon ein Lied singen. Letztes Jahr brach die Regel, wenn auch nicht komplett, weil da zwei Filme gleichauf lagen: BEYOND THE HILL von Cristi Mungiu und Michael Hanekes AMOUR, der schließlich gewann. Aber oh Wunder: 2013 wurde mit dem ewigen Gesetz gleich zum zweiten Mal gebrochen. Abdellatif Kechiches BLUE IS THE WARMEST COLOR (LA VIE D’ADELE 1+2) führte, und gewann tatsächlich gestern die Goldene Palme.

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Wie sollen wir diesen und die anderen Preise aber nun verstehen? Ästhetisch? Politisch? Aus der Jury-Dynamik? Dies ist – dies mal vorweg – einer der verdientesten Cannes-Sieger seit Jahren. Der Film des in Tunesien geborenen Franzosen Kechiche – bisher vor allem in Frankreich bekannt, international eher ein Geheimtip – ist schlichtweg großartig und beeindruckend.

Mit Kechiche gewann zudem ein Filmemacher den Haupt-Preis, der in seiner Biografie wie in seinen Kino-Geschichten das neue, kulturell vielfältige Europa repräsentiert. Ironischerweise (?) ist aber gerade Kechiches Film nichts anderes, als ein Hohelied auf die klassische Bildung: Offen zitiert er Mozart, Marivaux, Voltaire, Sartre – Repräsentanten des Europas der Aufklärung.

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Das müsste für Steven Spielberg alles sympathisch sein, und in Ordnung gehen. Erlaubt ist auch die Frage, ob es für ihn als jüdischen Amerikaner womöglich besonders attraktiv ist, einem in Tunis geborenen moslemisch erzogenen (wenn auch bestimmt nicht sehr religiösen) Franzosen den Hauptpreis zu geben. Als Spielberg Anfang des Jahres zum Jurypräsident nominiert wurde, hatte man das allgemein als Signal des Festivals gewertet, dass sich damit noch einmal vom Lars-von-Trier-Skandal absetzen wollte. Und dann geht es natürlich in BLUE IS THE WARMEST COLOR auch noch um eine lesbische Liebe. Das hat sowieso politische Brisanz, ist aber deshalb noch zusätzlich aktuell, weil in Frankreich derzeit ja eine heftige politische Debatte um die Homosexuellenehe tobt, weil sich auf der Straße der „Kommunitarismus der Homophoben“ (so die Liberation von heute) als neue Resistance gegen die Regierung gebärdet.

Kann man also als Fazit formulieren: einmal mehr entpuppe Steven Spielberg sich als der humanistische Sozialliberale, der er er auch als Filmemacher ist?

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Nach allem, was man hören konnte, ging es in der Jury durchaus kontrovers her: Ein Streit zwischen Spielberg und dem Rumänen Cristi Mungiu wurde schon vor Tagen kolportiert. Und nicht immer sind es die Präsidenten und Alphatiere, die in Jurys am Ende den Ausschlag geben: Viel wichtiger als Machtworte ist diplomatisches Geschick. Bei aller Vorsicht vor vorschnellen Urteilen scheint es diesmal so, als wären Ang Lee und der Schauspieler Daniel Auteuil die Schlüsselfiguren in der Entscheidungsfindung der Jury gewesen. Spielberg, sagen die üblichen „gut unterrichteten Kreise“, habe Farhadi den Vorzug gegeben. Für eine schwere Geburt spricht auch, dass diesmal erst sonntags, statt wie sonst bereits Samstagabend, die endgültige Entscheidung gefallen war.

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Insgesamt gab die Jury nicht nur genau den Filmen je einen Preis, die in den letzten 12 Tagen insgesamt am besten angekommen waren. Sie zeichnete auch betont politische Werke aus: Jia Zhabng-kes A TOUCH OF SIN ist eine einzige abgründige Anklage an Korruption und moralischen Verfall im China der Gegenwart. Viermal begegnet man Menschen, die ihr Glück nicht finden, und sich – aus Verzweiflung oder aus moralischer Indifferenz – zu einer Gewalttat hinreißen lassen. Die moralische Selbstzerstörung einer Gesellschaft hat auch der Japaner Kore-eda im Blick: Sein Film konfrontiert zwei Familien aus unterschiedlichen Milieus miteinander: Im Aufeinandertreffen von Reich und Arm, haben letztere moralisch klar die Nase vorn.

Schließlich der Mexikaner Amat Escalante, der die Silberne Palme für die „Beste Regie“ bekam: HELI ist ein hartes, auch ästhetisch gewagtes, sperriges Rachedrama. Es überzeugt durch Konsequenz, aber auch als Sinnbild der gesellschaftlichen Katastrophe, die sich im vom Drogenkrieg geplagten Mexiko gerade ereignet. Und es bekräftigt, wie stark das mexikanische Kino gerade ist: Erst vor einem Jahr gewann Escalantes Landsmann Carlos Reygadas die Regiepalme. Mit diesem Gesamtbild wird gewiss auch der humanistische Liberale Steven Spielberg gut leben können.

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Da Cannes immer auch ein Schaufenster des Weltkinos und eine Schule des Filmgeschmacks ist, muss man noch eine weitere Frage stellen: Welche Tendenzen zeigt das diesjährige Festivalprogramm? Zum einen gibt es ein paar offenkundigen Fakten: Es gab diesmal in allen Sektionen überraschend wenige osteuropäische Filme. Dafür war Asien nicht nur bei den Preisen wieder stärker vertreten; Lateinamerika bleibt konstant interessant. 2013 ist auch jenseits der Goldenen Palme wieder ein Triumph für das französische Kino. Fünf Filme im Wettbewerb, acht in der wichtigsten Nebensektion war keiner zuviel. Was diesmal wie schon 2011 und 2012 auffallend fehlte, waren die üblichen Blockbuster und „Starvehikel“ aus Hollywood. Es gab weniger US-Filme, und sie waren nicht immer gut.

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Macht am Ende Festivaldirektor Thierry Fremaux Cannes kaputt? Warum sollte er? Immerhin: es gibt weniger US-Filme, weniger gute erst recht. Aber der Cannes-Eröffnungsfilm THE GREAT GATSBY hat doch bisher 100 Millionen eingespielt. Aber er läuft seit zwei Wochen, und müsste eigentlich bei 200 Millionen liegen, um sich zu refinanzieren.

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Die zweite Beobachtung zeigt aber etwas anderes: Die zunehmende Angleichung der Stile eine Art Globalisierung des Geschmacks (Diego Lerer). Wer das diesjährige Festival mit der Ausgabe von vor zehn Jahren vergleicht, oder noch mit dem Jahrgang 2008, der muss zugeben: Wirklich radikale Kino-Avantgarde, Werke, die auch Profis provozierten, verunsicherten oder erschütterten, in denen man die Filmkunst von morgen erahnen konnte, sah man in diesem Jahr in Cannes nicht.

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Vielleicht aber diese Kategorien auch überholt. Oder sie haben noch nie gestimmt. Provokation, Verunsicherung, Erschütterung – kann man das noch so sagen? Die Filmkunst von morgen… wen interessiert das?
Kann und will Kino uns noch den Sinn des Lebens lehren?

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Mit der FAS landen wir wieder auf dem Boden der Tatsachen, kommen gewissermaßen von Wolke 7 wieder auf Wolke 1 an, in der deutschen Wirklichkeit, obwohl wir da doch eigentlich erst morgen landen. In Cannes hat Verena Lueken mit Jurymitglied Christoph Waltz gesprochen. Und weil der über die Juryarbeit nicht sprechen darf, zitieren er und Verena dann lieber ein bisschen aus meinen Cinema-Moralia-Texten, die man bei der GFAZ offenbar auch aufmerksam liest:

„Wer ist schuld am Zustand des deutschen Films, der hier immerhin mit einem Debüt, wenn auch nicht im Wettbewerb, vertreten ist? Die Filmförderung, sage ich, die sich mit internationalen Koproduktionen brüstet, ohne dass diese fürs deutsche Kino von Bedeutung wären. ‚Das sind doch Steuergelder‘, meint Waltz, ‚das müsste man vielleicht mal deutlicher hervorheben.‘ … Waltz sagt: ‚Und die Filmakademie.‘ Das kommt unerwartet. ‚Wissen Sie, wenn die Filmakademie die Geldpreise nicht abschafft, trete ich aus. Die muss sich schon entscheiden, ob sie eine Akademie sein will oder ein Verein.'“

Das einzige, das dabei völlig unter den Tisch fällt: Waltz ist immer noch Österreicher. Auch wenn ihn gern alle eingemeinden würden – er spricht gewissermaßen von Außen.

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Einen hochinteressanten Text, der sich mit unserer gestrigen Debatte mit Diego Lerer aus Buenos Aires über den grundsätzlichen Kurs des Festivals weitgehend deckt, schrieb Dominik Kamalzadeh im Wiener Standard. Vom „Anschein der Konsolidierung“ und „Eindruck eines abgesicherten Qualitätskinos“ ist darin die Rede. Tatsächlich wünscht man Cannes wieder etwas mehr Mut beim Programmieren, den Mut, mehr Filme aus Un Certain Regard in den Wettbewerb zu heben. Erst wenn wir allen Ernstes erwarten können, aus einem Cannes-Film anders herauszukommen, als wir hineingingen, hätte das Festival seinen Zweck wirklich erfüllt. Die Quelle Cannes muss unsicher sein, ein wenig bitter schmecken und vergiftet…

 

Bilder-Copyright: Festival de Cannes 2013