Seite auswählen

Berlinale, Christian Petzold, Nina Hoss. Unweigerlich rollt das zumindest gedanklich auf der Zunge, wir wissen es alle, der Film weiß es auch, als er zuerst Nina Hoss Name einblendet, dann ihr Gesicht, als erstes Bild. Nina Hoss ist auch in der letzten Einstellung des Films. Man geht raus, verabredet sich, und fragt sich, ob Barbara nun Chancen auf den Bären hat. Ich war nie gut im Raten, hatte auch immer was an Preisentscheidungen auszusetzen. Sicher ist, den Film hätte man sich kaum runder vorstellen können. Diese Petzold-Präzision bringt einem nach Barbara dazu, vergeblich nach diesen Zwischenmomenten zu suchen, die hervorstehen, ob im positiven Sinne oder als kleine Macken, anhand von welchen versucht wird, den Film festzunageln.

Verzweifelt suchte ich in vielen der Zwischenfilmpausen heute nach dem, was die Kamera wohl diesmal erzählen will. Nina Hoss in die Provinz versetzt, als Ärztin, fährt Bus, Zug, wird mit dem Auto gefahren, oder fährt Fahrrad. Nur Boot fährt sie nicht, denn sie hasst das Meer. Im Krankenhaus, zu Hause, mal sogar in einem Hotel, ohne Geschenk im Voraus, wie das stöhnende Mädchen im Nebenzimmer, denn ihr Freier schenkt Barbara leider die Ruhe, wenn sie mal im Westen sein wird. Ziemlich oft auch draußen, im Wald, oder an einem Kreuz vorbeifahrend, um Geld zu verstecken, es wieder abzuholen. Und nicht selten nachts. Geschlafen wird wenig und wenn überhaupt, dann vor lauter Erschöpfung. Der Schlaf ist immer teuer für die Separatistin aus Berlin. Die Kamera will vielleicht doch weniger erzählen als zeigen. Die aufwändig rekonstruierte DDR, die sich die Schauspieler vor dem Dreh im Detail angeeignet haben, in einer 30 Jahre zurückblickenden filmischen Version. Die Authentizität der Orte, wie immer. Die rauen Felder, die Isolation von den anderen, die Häuser. Vor allem aber die Blicke, die Begegnungen, die Erhabenheit der Figuren, ihr Mut und ihre Demut, ihre effektive Wortkargheit, vorzüglich mit geistigen Sprüchen gepfeffert.

Das Gezeigte erzählt sich eben selbst: intim und politisch gelichzeitig, denn diese geteilte Intimität zwischen Leinwand und uns ist stets ein politische. Wir nehmen teil an diesen Offenbarungen, zwischen Nina Hoss und ihrem Arztkollegen (Ronald Zehrfeld) ebenso intensiv wie an denen zwischen ihr und den „Arschlöchern“, die ihr Zimmer und ihren Körper oft durchsuchen lassen. An einem Punkt scheint dieses arrogante Licht aus den Augen des einen zu verschwinden, nachdem er zum ersten Mal als verletzlich, als Familienmensch gezeigt wird, doch das Leben geht weiter, er spielt, wie sie, wie der Arztkollege André, wie die anderen auch, seine Rolle. Nur Barbaras Rolle steht nicht fest (inzwischen wird sich geduzt), wird es auch nie tun, sondern bleibt in ihrer Oszillation eine Form des filmischen Widerstands. So wie die Dunhill Packungen, wie die Unterwäsche und der rote Koffer, mit dem man dann bitteschön einen Elektriker finden und bezahlen soll.

Es wird für und gegen die DDR argumentiert, auf sehr offene, ausgeglichene Art und das ist das Schöne. Kultur gibt einem alles, was man braucht, doch würde man gerne nach Den Haag verreisen, um den echten Rembrandt zu sehen, um diesen Fehler des Bildes im Original zu schauen. Den Fehler, der einem dazu bringt, die Dinge möglichst so zu sehen wie sie sind, unvermittelt. Vielleicht ist alles doch nur Angeberei, doch sind die Erfahrung oder die Akte keine Wahrheiten, und wenn, dann übermittelt, wie der Fall von Stella, einer Patientin, zeigt. Allein das Gefühl, das Unerklärliche ist wahr – das zeigt sich im Film an Marios Fall, und danach richtet man sich schließlich ja auch. Denn das Land ist nur dann ein Gefängnis, wenn man es als solches empfindet. Wie Tom Sawyer auf seinem Inselausflug eben, dessen Sehnsucht den Raum teilen muss mit der Freude, weg zu sein.

Ob mit oder ohne Bär ist zuerst mal unwichtig, für Barbara wird die Geschichte sorgen.

Hier geht es zu unserer tagesaktuellen Berichterstattung von der Berlinale 2012.