©MFA Filmdistribution

Von den Manifesten sich zusammenschließender Filmemacher kann man halten, was man will, manchmal verhelfen sie einem dann doch zu sehr bemerkenswerten Denkansätzen, um sich der möglichen Qualitäten der aus diesen Bündnissen hervorgehenden Werke bewusst zu werden. Auf der Website von Court 13, jener Gruppe unabhängiger Filmschaffender aus New Orleans, denen auch Benh Zeitlin, der Regisseur des bereits sehr erfolgreichen BEASTS OF THE SOUTHERN WILD, angehört, kann man gerade solche Zeilen finden: Dort heißt es, man wolle die Geschichten der Filme leben, mit allem, was man hat, nachempfinden, anstatt sie nur zu erzählen. Außerdem sollen die Filme einer breiten Masse zugänglich, für jeden verstehbar sein.

Beim Schauen von BEAST OF THE SOUTHERN WILD wird man gleich durch eine aufkommende Fülle von Assoziationen, Erinnerungen an die wundervollen Animationsfilme von Hayao Miyazaki fast überwältigt. Zeitlin übersetzt, beschwört geradezu den naturphilosophischen Gehalt und teilweise auch die mythische Ikonographie der Filme des Japaners mit den Möglichkeiten des Analogen, des haptisch Fassbaren: Seine Geschichte spielt in einer zukünftige Welt, in der die Bewohner einer fiktiven Siedlung irgendwo in den Südstaaten einer Lebensweise folgen, die sie im Einklang mit der umgebenden Wildnis, einer unkontrolliert wuchernden Natur existieren lässt; jenseits eines anthropozentristischen Blickes auf die Welt werden Menschen gezeigt, die sich selbst – auch im Sinne des Kreislaufs von Leben und Sterben – nur noch als Teil des natürlichen Gleichgewichtes, eines großen Ganzen wahrnehmen. Erlebt wird die Filmhandlung durch die Augen des kleinen Mädchens Hushpuppy (Quvenzhané Wallis), die mit ihrem Vater Wink (Dwight Henry) und zahlreichen Tieren zusammen in einer kleinen, halb verfallenen Hütte lebt. Es tauchen auch schweineartige, gehörnte prähistorische Auerochsen auf, die sich an den mythischen Waldgeistern aus PRINZESSIN MONONOKE zu orientieren scheinen.

„Alles ist auf dieser Welt miteinander verbunden“, sagt Hushpuppy schon am Anfang des Films und eine andere Assoziation, wenn auch eine weniger willkommene, drängt sich dabei auf: Dieselben Worte bilden auch das ideologische Gerüst in CLOUD ATLAS von Tykwer und den Geschwistern Wachowksi. Das überambitionierte Regiedreigestirn verliert sich dabei in der schieren, hauptsächlich durch ausufernde Monologe und einigen simplen Match Cuts zementierten Bewunderung für die didaktisch-esoterische Aussage selbst, so kraftlos und banal ihr vermeintlicher Gehalt am Ende auch ausfallen mag.

Zeitlin hingegen geht einen etwas anderen Weg, denn in seinem Film könnte man obige Aussage auch jenseits des Inhaltlichen, nämlich auf die Sprache des Films selbst, auf die Ökonomie seiner Mittel ausweiten. BEASTS schöpft seine unglaubliche Suggestivkraft aus dem Zusammenwirken der einzelnen Facetten seiner Struktur, die einander zu ergänzen, einander zu antworten scheinen: Mal wird die Kinetik, das freudige Zittern der beweglichen Indie-Kamera auf die impulsiven, aus einer ungestümen Improvisation geborenen Bewegungen der Laiendarsteller ausgeweitet, wenn etwa Hushpuppy und Wink im Streit plötzlich wild herumspringen und ausdrucksvolle Grimassen schneiden. Mal hallt der treibende Streichermusik des extradiegetischen Scores eine akustische Antwort aus dem Inneren der Filmwelt, mehrmals in Gestalt von pulsierenden Herzschlägen verschiedenster Lebewesen, die das kleine Mädchen hören kann, entgegen. Bewegungen und Klänge, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, fließen nun in einer harmonischen Vereinigung zusammen. Jede noch so kleine Geste, jedes noch so beiläufige Geräusch scheinen hier aufeinander abgestimmt, Fragmente eines sich erst in seiner Gesamtheit vollkommen entfaltenden Erlebens zu sein. Und wenn alles schließlich zu einem einander bedingenden Kontinuum, einem Tanz von Montage, Kameraarbeit, Musik und Atmo verschmilzt, vermittelt es ein einzigartiges Gefühl, die Idee von Vielfalt, einer Vitalität, welche das Leben in seiner ursprünglichsten Form atmet. An einer Stelle wird dieser Vitalität in der kargen Atmosphäre eines rudimentären Flüchtlingslagers, der einzigen gezeigten zivilisatorischen Bastion so wie wir sie kennen, ein Kontrapunkt entgegengesetzt. Das Vibrieren der Kamera erstarrt in diesen Szenen und so manchem mag infolge dieses so plötzlichen Kontrastes ein Licht aufgehen, was die urbanen Käfige, die deep chrome canyons, in denen wir leben, uns anzutun im Stande sind.

Das Wichtigste an BEASTS OF THE SOUTHERN WILD ist dann auch, dass man seine Qualität nicht zwischen den Bildern und Tönen, in Subtexten zu suchen hat, sondern dass sie einen auf der Oberfläche des Films erwartet. Sie kann demnach jeden erreichen, denn ohne auf die Grammatik eines übersentimentalen Feelgood-Movies oder effektgesättigten Blockbusters zurückzugreifen, ist es dennoch ein Film für die breite Masse, für jedermann geworden. Das was Benh Zeitlins Langfilmdebüt über das Leben, durch eine Geschichte, die von jeder Faser, jedem Körnchen ihrer Machart gelebt wird, auszusagen hat, ist so banal wie essenziell.

Es mag ein zweifelhaftes Qualitätssiegel sein, wenn ein Film sich ausgerechnet dessen rühmt, dass ihn Präsident Obama Oprah Winfrey empfohlen haben soll, und vielleicht ist es wie so oft eine solche trügerische Popularität, welche dann für die doch auch zahlreichen, teilweise geradezu hasserfüllten Stimmen verschiedener von mir bewunderter Filmkritiker verantwortlich ist. Diese Haltung könnte jedoch auch daher rühren, dass gerade letzterer bei diesem Film eigentlich überflüssig wird, denn Vielschichtiges zu entwirren oder durch die Kunst einer pointierte Argumentation hervorzuheben, gibt es in BEASTS OF THE SOUTHERN WILD wahrlich nicht. Alles Wichtige liegt auf der Hand, ist einfach nur da, wie die Schönheit, die Substanz des Lebens selbst.

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