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Die Topografie einer Stadt: Züge, Flugzeuge, Lagerhallen. Und immer wieder der riesige Schornstein, ein Relikt alter Tage, der majestätisch über dem sich verändernden Zürich thront. All das hält die Kamera fest, setzt die ständige Veränderung des Wetters den Minimalveränderungen der Stadt gegenüber. Irgendwann hat die Kamera genug vom großen Panorama, seziert die Handlungen ahnungsloser Passanten. Sie interessiert sich nicht für das Außergewöhnliche, Zeitlupenaufnahmen einer Angestellten, die Briefe und die NZZ holt, stehen neben Aufnahmen beschäftigter Metallarbeiter.

Thomas Imbach begann Mitte der 90er mit diesen kleinen Filmaufnahmen. Filmaufnahmen, die heute Grundlage für sein semidokumentarisches Werk Day is Done sind. Aus dem Fenster seines Zürcher Büros entwickelt er ein ganz eigenes Bild seiner Stadt, aus einem persönlichen Blick auf die Welt entsteht eine allgemeingültige Chronik einer Stadt im postindustriellen Zeitalter. Der alles dominierende Industrieschornstein gibt irgendwann zu Beginn der 2000er seine Vorherrschaft an den noch größeren Prime Tower ab. Auch der Hinterhof, auf den die Kamera immer wieder blickt, verändert sich. Fabrikhallen müssen Kunstgalerien und Weinhändlern weichen, die Gentrifizierung ist in vollem Gange.

Doch während man der stetig pulsierenden Stadt zusieht, spielt sich auf der Tonebene ganz anderes ab: Imbach wählte alte Anrufbeantworteraufnahmen aus und entfaltet so ein funkelndes Kaleidoskop seines eigenen Lebens – auch wenn allein durch die bewusste Auswahl schon nicht mehr von einer Autobiografie die Rede sein kann. Zu hören ist immer nur die Stimme des Anrufenden, Thomas geht nie ran. Stück für Stück entfaltet sich eine eigene Geschichte, die sich aus den unterschiedlichsten Puzzleteilen seines Lebens zusammensetzt. Die Hauptakteure aus Thomas‘ Leben werden plötzlich erkennbar, sie schälen sich aus dem Stimmengewirr heraus, das anfangs noch überfordert, nach und nach aber immer vertrauter wird. Wir hören den langsamen Beginn einer Beziehung, die plötzliche Kunde vom Tod seines Vaters, die Geburt seines Sohnes, der auch irgendwann lernt zu telefonieren.


Dabei funktioniert der Film erstaunlich gut. Zweifelt man zu Beginn noch daran, dass sein filmisches Konzept bei einer Länge von 111 Minuten funktioniert und nicht langweilt oder eintönig wird, verschwinden diese Zweifel doch recht schnell. Imbach lenkt immer wieder die Aufmerksamkeit auf die Details Zürichs. Wie Mosaiksteine kommen diese Aufnahmen daher – schön und zugleich einem größeren Bild untergeordnet. Gibt sich Imbach in der ersten halben Stunde ausgiebig der Stadt hin, treten später immer mehr die Menschen in den Vordergrund, denn diese sind es, die den Körper Stadt erst mit Leben füllen. Sowohl Bild- als auch Tonebene verfahren also nach demselben Muster und sind gemeinsam an der Weltbildung beteiligt.

Thomas Imbach hat mit Day is Done Großes geleistet, sein persönlicher Zugang spielt durchgehend mit Nähe und Distanz, aus Banaliäten des Alltags ergibt sich nach und nach ein Gesamtbild Thomas’ – eine großartige Montage, wie sie bislang nur im Hörspiel Stripped von Stefan Weigl so zu hören war.

Day is Done
R: Thomas Imbach
Schweiz 2011 111 Minuten
weitere Vorstellungen:

Di 15.02. 13:45 CineStar 8 (E)
Mi 16.02. 22:15 Cubix 9 (E)

Sa 19.02. 19:30 CinemaxX 4 (E)