Seite auswählen

Martin Gobbins Berlinale Tagebuch: 1&2

von | 11 Feb 2017 | Berlinale 2017 | 0 Kommentare

Tiger Girl

5/10 Punkte
Jakob Lass, Deutschland 2017
Sektion: Panorama

Vom Mauerblümchen zur Aggro-Tussi: Margarete ist eine schüchterne, überhöfliche graue Maus. Ob jemand ihr den Parkplatz wegnimmt oder körperlich aufdringlich wird – stets gibt sie nach und leistet kaum Widerstand. Gut, dass zu Beginn des Films mehrfach ein Punk-Girl namens Tiger wie aus dem Nichts auftaucht und Margarete aus heiklen Situationen rettet. Tiger ist das genaue Gegenteil von Margarete: ruppig, burschikos, selbstbewusst und aufgekratzt. Die Beiden freunden sich an. Gemeinsam klauen sie bald Fremden Handys, Fahrräder oder Geld – einen jungen Mann mit knackigem Hintern zwingen sie zum Strippen. In den ersten 60 Minuten zelebriert der Film ihre Regelbrüche und Gesetzesverstöße als coole Unangepasstheit – darin ähnelt er dem tschechischen Meisterwerk „Daisies“ (Sedmikrásky, 1966). Jakob Lass vertraut dabei auf rasante Action-Szenen und fette Beats. Dieses Rezept wirkt mit zunehmender Laufzeit nicht nur eintönig, sondern auch ziemlich spätpubertär – zumal dasselbe Verhalten, das hier glorifiziert wird, im realen Leben als asozial und unerträglich wahrgenommen werden würde. Wie in billigen Exploitation-Filmen wird das Motiv der „butt-kicking babes“ zitiert – eine männliche Fantasieprojektion. Als ganz so simpel gestrickt erweist sich der Film dann etztlich doch nicht, denn nach und nach wendet sich die Beziehung von Margarete und Tiger: Während das Punk-Girl Tiger sich immer mehr zur verantwortungsbewussten „Big-Sister“-Figur entwickelt, rutscht Margarete in eine sadistische Gewaltobsession ab – statt als Heldin fungiert sie zunehmend als gestörte, psychologisch hilfsbedürftige junge Frau. Diese recht rapide Persönlichkeitswandlung wirkt arg konstruiert. Außerdem scheint sich „Tiger Girl“ stark am Berlinale-Erfolg „Victoria“ zu orientieren, was die Dramaturgie und die unglamourösen Berliner Locations angeht. Verglichen mit Jakob Lass‘ letztem Film, dem ähnlich wilden, aber wesentlich stärkeren „Love Steaks“, ist „Tiger Girl“ leider ein Rückschritt.


The Wound (Inxeba)

7/10 Punkte
John Trengove, Südafrika 2017
Sektion: Panorama

Xolani kehrt wie jedes Jahr aus der Großstadt in den Wald zurück, um einen Teenager beim wochenlangen Initiationsritus zur „Männlichkeit“ – der Beschneidung sowie der anschließenden Heilung der Wunde – als Pfleger zu begleiten. Für Xolani ist dies stets einer der Höhepunkte des Jahres, aber nicht etwa weil er dieser „Tradition“ emotional innig verbunden wäre, sondern weil er dabei einen anderen Pfleger trifft, mit dem er seit geraumer Zeit ein geheimes Verhältnis hat. Doch diese Freude ist mit Angst verbunden – der Angst, dass andere Stammesmitglieder von seiner Homosexualität erfahren. Welch enormer Druck deshalb auf ihm lastet und welche inneren Kämpfe Homosexuelle in dieser konservativen Gemeinschaft ertragen müssen, zeigt der Film vor allen in den letzten Minuten auf beeindruckende Weise. Neben der Homophobie in traditionellen Gesellschaften hat „The Wound“ aber noch ein zweites Thema: Die männliche Beschneidung. Regisseur John Trengrove inszeniert diesen Ritus als klassischen Konflikt zwischen Jung und Alt, Moderne und Tradition, Stadt und Land. Vor einigen Jahren lief bei der Berlinale ein türkischer Film, der die Beschneidung eines Jungen als unterhaltsames soziales Ereignis darstellte. Das Publikum fühlte sich davon offenbar prächtig unterhalten und lachte freimütig mit. The Wound zeigt diese „Tradition“ etwas anders: als nicht-konsensualen, irreversiblen, medizinisch nicht notwendigen, unter unsanitären Bedingungen durchgeführten, gefährlichen und schmerzhaften Eingriff, an dessen Folgen jedes Jahr Hunderte junge Männer sterben. Juristen nennen das Körperverletzung oder auch einen Verstoß gegen das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit. Im Finale bleibt die Kamera einen Moment lang wie zufällig bei einem vielleicht sechs Jahre alten Jungen hängen. Dieser Blick in sein unschuldiges Gesicht stellt die Frage, ob auch er sich noch dieser Prozedur unterwerfen müssen wird – oder ob er bereits zur Zukunft gehört, in der Beschneidungen entweder im Krankenhaus oder gar nicht mehr stattfinden.


Dayveon

6/10 Punkte
Amman Abbasi, USA 2017
Sektion: Forum

Der 13-jährige Dayveon hat es geschafft: Nachdem er von den Mitgliedern einer Straßengang zusammengeschlagen und gedemütigt wurde, gehört er endlich zu ihnen – den Bloods. Die Gang verbringt ihre Tage hauptsächlich mit dem Konsumieren von Drogen, Schlafen und Jammern. Die Abendunterhaltung besteht aus Überfällen, bei denen sie Menschen, die genauso arm sind wie sie selbst, mit Waffengewalt ausrauben. Gut findet Dayveon das nicht, aber gleichzeitig ist er zu apathisch, um sich dagegen zu wehren. Zumal die Gang eben auch Unterstützung und Nähe bietet – manchmal öffnet sich der harte Panzer des Gangster-Lifestyles und es brechen Wärme und Empathie hindurch, wenn auch nur kurz. Amman Abbasis Film zeigt den Kreislauf von Armut, Gewalt und Kriminalität in schwarzen Communities in den USA. Von einer bürgerlichen Gesellschaft sind die Figuren so meilenweit entfernt, dass selbst ihre Überfälle ignoriert werden, eben weil sie „lediglich“ andere Abgehängte bestehlen. Dayveons Welt ist ein rechts- und hoffnungsloser Raum. Selbst seine Schwester und ihr Freund – der sich aufrichtig bemüht, Dayveon von Gewalt und Drogen fernzuhalten – sind arme Schlucker, obwohl beide Jobs haben. Abbasi präsentiert diese Geschichte als Mischung aus Drama und Thriller. Gelegentlich dringen experimentelle Verfremdungseffekte in den Sozialrealismus ein – dann flackert es auf der Leinwand, Zeit wird gerafft, die Mise-en-Scène changiert zwischen Neonfarben und Desaturierung. Primär aber zeigt der Film eine reale Tragödie aus dem Alltag von Millionen von Afroamerikanern, aus der Dayveon keinen Ausweg findet, weil ihm noch nie jemand einen solchen Ausweg gezeigt hat.

Belinda

6/10 Punkte
Marie Dumora, Frankreich 2017
Sektion: Panorama

„Girlhood“, so könnte dieser Dokumentarfilm auch heißen. Oder genauer: „Girlhood in Poverty“. Über viele Jahre hat Regisseurin Marie Dumora das französische Mädchen Belinda mit der Kamera begleitet. Zum ersten Mal sehen wir sie im Alter von neun Jahren. Den Eltern wurde das Sorgerecht entzogen, Belinda und ihre Schwester wohnen im Heim. Als die Beiden getrennt werden sollen, laufen sie weg. Diese frühen Szenen sind im engen 4:3-Format gedreht, mit einer anscheinend recht billigen Kamera. Erst als wir Belinda an der Schwelle zum Erwachsensein wiederbegegnen, weiten sich die Aufnahmen auf 16:9. Belinda ist Teil eines Kreislaufs der vererbten Armut. Ihr Leben ist karg, einen festen Job scheint niemand in ihrem Umfeld zu haben und irgendein Familienmitglied ist immer gerade im Knast. Die zeit- und energieintensive Entstehungsgeschichte dieses Films ist bewundernswert, das Ergebnis selbst hingegen naturgemäß spröde. Belinda führt kein spannendes oder spektakuläres Leben, sondern ein tristes, monotones. Dass sie zu der sozial marginalisierten Gruppe der Jenischen gehört, klingt nur ganz am Rande an – der Film behandelt sie nicht als Stellvertreterin einer Gemeinschaft, sondern als Individuum. Insofern liegt der Reiz des Films darin, einen detaillierten, ungeschützten Einblick in ein fremdes Leben zu bekommen, zu sehen, wie aus einem Menschen mit der Zeit ein anderer wird. Dass ihr ständiges Scheitern quasi vorprogrammiert ist, macht den Akt des Zuschauens mitunter zu einer traurigen Angelegenheit – schließlich sehen wir nicht einer Figur zu, sondern einem echten Menschen, der die Erde mit uns teilt und doch in einer ganz anderen Welt lebt.

The Dinner

6/10 Pkt
Oren Moverman, USA 2017
Sektion: Wettbewerb

Ein Film in fünf Gängen: Zwei Paare treffen sich in einem Edelrestaurant, zwischen ihnen soll „alles auf den Tisch“ kommen. Das erste Drittel ist eine ziemlich starke trockenhumorige Komödie, die Steve Coogan als herrlich garstiger Misanthrop quasi alleine trägt. Danach verheddert sich Regisseur Oren Moverman allerdings ziemlich in den diversen Erzählsträngen aus Herman Kochs gleichnamiger Romanvorlage. Spannend, amüsant und unterhaltsam bleibt der Film zwar die ganze Zeit, doch erzählerisch sind fünf Gänge einfach zu viel: Die Geschichten von drei Familien müssen aufgerollt werden, es geht um Beziehungen, psychische Krankheiten, der amerikanische Bürgerkrieg spielt auch irgendwie eine Rolle – vor allem aber steht eine moralisch schwierige Entscheidung im Mittelpunkt, die entweder zum Verdecken eines Verbrechens führen oder die Zukunft zweier Jugendlicher zerstören wird. Um all diese Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, muss der Film arg zerstückelt werden und wirkt so zunehmend unfokussiert. Manchmal haben Phrasen eben doch ihre Berechtigung: Weniger wäre hier mehr gewesen.

© 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Fogma


Pin It on Pinterest