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The Grand Budapest Hotel

The Grand Budapest Hotel

Wenn das große Gewusel wieder losgeht am Potsdamer Platz, wenn man von einem Kino ins andere rennt oder bei der Jagd nach Karten ungeduldig in der Reihe stehend panischen Blicks die Augen immer wieder sorgenvoll in Richtung elektronische Anzeigentafel lenkt, ob auch die heißbegehrte Vorstellung des burmesischen Independentfilms noch verfügbar oder vielleicht, katastrophalerweise, bereits schon ausverkauft ist,… und wie dann die Entspannung einsetzt, ganz offensichtlich, auch in der Körpersprache die völlige Erschlaffung sich äußert und selige Zufriedenheit im Blick sich einstellt bei all denen, die ihr Glück gemacht haben „in letzter Sekunde“ am Ticketcounter… und man sich beinahe taumelnd mit einer langen papiernen Luftschlange an Abreißtickets für die nächsten Tage auf eines der roten Polster setzt, ja halb dahinkollabiert – dann ist es manchmal ganz angenehm, wenn man sich in der Hektik für einen Moment an die Seite stellt, sich rausnimmt aus dem hektischen Fluss und das alles wie ein großes Theater betrachtet. Was einem in solchen Momenten ganz klar wird, und das gibt es leider viel zu selten – hier bestätigt es sich, was immer gelten sollte: das Wichtigste, das ist das Kino.

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The Grand Budapest Hotel Anderson 2

The Grand Budapest Hotel

Wie in einem großen Theater geht es auch in Wes Andersons Film THE GRAND BUDAPEST HOTEL zu. Der prunkvolle Film, vollgestopft mit allerhand Quirkyness, barockem Dekor, Art Déco, Wendeltreppen und Flurenhatz, Irrwitzigkeiten und Puppenstubentrickfilmallüren ist ein schönes Modell, das man auch als Allegorie auf die Berlinale als megalomanische Veranstaltung lesen kann. Andersons mehrfach verschachtelter und gerahmter Meta-Film eröffnete gestern die diesjährigen Filmfestspiele in Berlin. Sicherlich in angemessener Weise (groß, wild, komensumierbar, ein bißchen gefällig verspielt dabei ansprechend düster – und freilich voller Stars ) – allein, ich war nicht zugegen, so früh konnte ich noch nicht anwesend und in Berlin sein. Die Pressevorführung in Köln aber, bereits für den nächsten Vormittag terminiert, sollte also als persönliches Warmlaufen gelten, als Vorbereitung und Appetizer. Übrigens auch dieses Screening in einem schönen Kino, dem Residenz, wo früher einmal das Fantasy Filmfest logierte, nun frisch restauriert und alles nagelneu nachdem irgendeine Oliver Pocher-Show (oder so) hinausgeworfen worden war. Jetzt ein Eventkino für die Leute, die gerne mal 25 Euro für eine Vorstellung ausgeben, weil man hier die Sessel abkippen und Prosecco einkippen kann, ein Fußbänkchen hat für die Wildlederschuhe und auch sicher irgendwas bestellen kann, wenn während des Films urplötzlich der Zuckerspiegel sinkt. Hier ist natürlich kein Platz für Independent-Kino von Kapuzenpulli-Anarchisten, aber ein Film wie der über das fiktive Grand Budapest, wie es im Film immer genannt wird, ist hier mit seinem verschwenderisch roten Samtdecors und dem güldenen Vorhang völlig am richtigen Platz.

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The Grand Budapest Hotel

The Grand Budapest Hotel

Da man über diesen Film bereits einen Tag nachdem er gelaufen ist, schon zehntausend Kritiken im Netz lesen kann, spare ich mir das. Bei den US-amerikanischen Kritikern scheint er gut wegzukommen, wie eine kursorische Lektüre belegt, und in der Mainstreampresse ebenso. Aber die Mäkler gibt es natürlich immer und überall. Und auch mir scheint er dann doch etwas sehr forciert zu sein. So sehr, dass der ganze Irrwitz in der Republik von Zubrowka irgendwann in sein Gegenteil umschlägt, spätestens aber gegen Ende, wo der Film zum Bond-Movie mit Abfahrtsski und Schlittenhindernisrennen gerät. Anderson hetzt überhaupt durch seinen Film, sodaß überhaupt niemals Zeit bleibt, sich irgendwo umzukucken, anzukommen, reinzukommen. Der Film ist sehr schnell geschnitten, und die Witze zünden manchmal kaum noch, weil schon die nächste kleine Delikatesse auf dem Silbertablett hereingetragen wird. Mit flottem Akzent und K.u.k. Monarchie-Anspielung, mit Filmzitat und Gelperücke. Der Cast freilich ist über alle Zweifel erhaben, Ralph Fiennes als Hauptfigur und Tilda Swinton sind bravourös. Aber überall liegt ein bißchen sehr viel Make-up auf (oder eben Parfum an eitlen Männerhälsen) und das nächste Bergpanorama mit röhrendem Hirsch kommt bestimmt. Und das schneller als einem lieb ist. Gegen Ende also wird THE GRAND BUDAPEST HOTEL, so liebenswert die Details sein mögen, ob seines exzessiven Aktionismus schrecklich ermüdend. Irgendwie, ja, das muss ich schon zugeben, gehe ich nicht wegen solcher Filme auf ein Festival. Ganz im Gegenteil.

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The Grand Budapest Hotel

The Grand Budapest Hotel

Jeder muss freilich selbst wissen, warum er zu einer Berlinale, zu einem Festival fährt. Viele der größeren Filme kommen ja bereits kurze Zeit später ins Kino oder werden bald schon als DVD ausgewertet. George Clooneys MONUMENTS MEN und Lars von Triers NYMPH()MANIAC (1) bereits ab dem 20. 2. im Kino, GRAND BUDAPEST HOTEL ab dem 6. 3. 2014. Das alleine kann also nicht der Anreiz sein. Viele kleinere Filme aber, über die dann auch kaum gesprochen wird, geraten in Vergessenheit. Und manches, was auf der Berlinale hoch gelobt wird, gerät anschließend beim Kinostart zum Desaster – man erinnere sich an den supertollen Film DER RÄUBER von Benjamin Heisenberg. Mancher Film, der auf der Berlinale im Friedrichstadtpalast ein volles Haus garantierte, wie etwa vorletztes Jahr das Schlöndorffs Nazi-Besatzungsdrama, wird nachmittags unter Ausschluß der arbeitenden Bevölkerung auf arte „ausgewertet“ – und keiner merkt’s. Ist ja auch keiner zuhause. Es ist das Festival aber – ganz gleich wie die Bedingungen sind – immer eine Möglichkeit, völlig hemmungslos seiner cinephilen Leidenschaft zu frönen, um dann im cineastischen Strudel hoffentlich ein paar Perlen zu entdecken. Zum Beispiel so einen Film wie REVISION von Philip Scheffner, der auf formal brillante Weise einen zwanzig Jahre alten Mordfall zweier Roma an der deutsch-polnischen Grenze wieder aufrollte, der damals, wie sollte es anders sein, unaufgeklärt blieb. Ein Film, der dann schließlich doch noch irgendwann im Spätherbst mit ein paar Kopien ins Kino kam und allseits positive Kritiken einfuhr. Aber was ist, um noch ein anderes Beispiel zu nennen, nur mit Christian Mez‘ Film METAMORPHOSEN passiert, der auf visuelle großartige Weise von den Spätfolgen eines Reaktorunfalls, pardon, von einer „Störung“ im russischen Atomkraftwerk Mayak / Tscheljabinsk erzählt? Wo ist dieser Film heute eigentlich abgeblieben?

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Über die Filme von Teinosuke A PAGE OF MADNESS Kinugasa, dessen Film CROSSWAYS in der Retrospektive THE AESTHETICS OF SHADOW läuft, wollte ich auch noch etwas schreiben, aber die Uhr ist bereits vorgerückt. Der Film spielt in einem Rotlichtbezirk von Edo (in Yoshiwara) und mit avantgardistischen Mitteln wird in atemberaubenden Bildern die Geschichte eines verarmten Geschwisterpaares erzählt, das kurz vor dem Untergang ist. Hier kann man ein wenig dazu in meinem Blog nachlesen und über die Retro hat Friederike Horstmann beim Perlentaucher bereits einen schönen Überblickstext geschrieben. Ich wünsche uns allen ein schönes Festival!

Bilder-Copyright: 20th Century Fox

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