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ozu berlinale

© 1960/2013 Shochiku Co, Ltd.

Zugfilme sind toll. Wenn man da nur an Yasujiro Ozu denkt, oder an einen anderen Regisseur, den ich sehr liebe: Yoshitaro Nomura. Von Ozu kann man sogar einen seiner späten Filme in der Retrospektive-Untersektion namens Berlinale Classics sehen: LATE AUTUMN von 1960. Ein wunderbarer Farbfilm, restauriert von der Shochiku, und es geht natürlich mal wieder darum, dass endlich die Tochter verheiratet werden muss. Am kommenden Sonntag läuft der Film noch einmal – einen schöneren Abschluss für eine Berlinale kann man sich eigentlich kaum vorstellen.

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inferno berlinale

courtesy of Petzel Gallery, New York; Annet Gelink Gallery, Amsterdam, and Sommer Contemporary Art, Tel Aviv

Im Zug nach Berlin hatte ich persönlich weniger Spaß, da ich mich inmitten eines Kinderspielplatzes wiederfand. Ein Erlebnis, das mich definitiv um einige Erfahrungen reicher gemacht hat. In Berlin angekommen dann aber die Entschädigung: blauer Himmel, strahlender Sonnenschein am frühen Abend, und die Aussicht auf Filme. Nach Erledigung des Pressekrams streunte ich durch die Gänge auf der Suche nach einem Einlass zu einer Lichtspielstätte – für die Filme gab es keine Tickets mehr, oder sie waren bereits länger angelaufen. Glücklicherweise verschlug es mich dann ins Arsenal, wo der 22-minütige Kurzfilm INFERNO angesetzt war (Forum Expanded), ein Film von der aus Israel stammenden (Aktions-)Künstlerin Yael Bartana. Ausgangspunkt ist der Bau eines christlich-evangelikalen Tempelprojekts in Sao Paulo. Der Film stellt dies in einen Kontext biblischer Geschichte und christlicher Riten, der mehrere Jahrhunderte umfasst und in immer wieder stilisierten Tafelbildern, die dann in slow motion in Bewegung gesetzt werden und mit viel Tricktechnik erdspaltenöffnend auf Dantes Inferno anspielend, die wie sich opfernden Leiber verschlingt. Der Film beginnt höchstspektakulär mit einem Hubschrauberflug über die bewaldeten Berggipfel im brasilianischen Hinterland, der dann auf die Metropole zusteuert und völlig atemberaubende Bilder der Megalopolis liefert. Und das geht dann den ganzen Film so weiter. Eine ganz heiße Empfehlung.

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A011R3FP

© House on Fire

Auch ein Großstadtfilm, aber ganz anderer Natur ist dann Tsai Ming-liangs XI YOU / JOURNEY TO THE WEST. Der nunmehr sechste Teil seines Walker-Zyklusses begleitet Tsai-Regular Lee Kang-sheng und Denis Lavant (TOKYO!, HOLY MOTORS) durch Marseille, wie sie die Stadt mit der totalen Entschleunigung in Aufruhr versetzen. Langsam durch eine Stadt zu gehen, ist augenscheinlich ein Skandal, wie man an den Passanten beobachten kann. Und Lee, der in eine buddhistische Mönchsrobe gekleidet ist, wird da noch mehr Verständnis entgegengebracht, als dem mal wieder ziemlich zerlumpt aussehenden Lavant. Aber auch der Zuschauer wird an die Grenze seines cineastischen Horizonts getrieben, wenn im Eröffnungsshot sich eine statische Großaufnahme von Lavants Gesicht, der da aussieht wie ein gestrandeter Wal, über mehrere Minuten hinweg hinzieht und man nicht gewillt ist, sich auf den Film einzulassen. Was in einem Gesicht alles passiert, das sich überhaupt nicht bewegt, kann wahrhaftig spektakulär sein. Nur nimmt man sich für solche Entdeckungen leider nie die Zeit.

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rice bomber berlinale

© Kuo Cheng-Chang

BAI MI ZHA DAN KE / THE RICE BOMBER (Taiwan 2014) von der Regisseurin (und ehemaligen Produzentin) Cho Li ist dann wieder ein Rückfall in gewohnte Sehmuster: „auf einem wahren Fall beruhende Ereignisse“ werden in einem elegisch überformten Beziehungsdrama ausdekliniert, die eigentlich einen sehr politischen Hintergrund haben. Der Sohn eines Bauern will durch das Zünden von „Reisbomben“, also Sprengsätzen, die er in Lunchboxen platziert, „die Politiker“ (sic) aufrütteln und sie auf das Problem der billigen Agrarimporte nach Taiwan aufmerksam machen. Das ruiniert die Preise und gefährdet die Lebensgrundlage der einheimischen Bauern. Das ist politisch korrekt, bisweilen alles ganz schön photographiert, und auch an den Schauspielern ist nichts auszusetzen – allein, der Film gerät irgendwann sehr repetitiv, ganze Szenenfolgen wiederholen sich, dasselbe Musikstück dudelt immer wieder Shunji Iwai-esk zu langen Schwenks über einsame, saftiggrüne Reisfelder. Am Ende ist man einfach froh, dass dieser recht unambitionierte Film vorbei ist. Mit einem strafferen Skript und besserem Editing hätte das ein viel besserer Film werden können. Schade.

 

Bilder-Copyright: Berlin International Film Festival