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Bjoern Kommerell © Independent Artists Filmproduktion

Bjoern Kommerell © Independent Artists Filmproduktion

Es wird viel berichtet über Feo Aladags Wettbewerbsfilm ZWISCHEN WELTEN: Ronald Zehrfeld spielt den traumatisierten Soldaten Jesper, der nach Afghanistan zurückkehrt um dorthin zurückzukommen, wo sein Bruder durch eine Autobombe sein Leben verlor. Der Außenposten im Nirgendwo wird von den Taliban bedroht und ein ehemaliger Mudschaheddin mit der Gesinnung eines Warlords hält die Stellung. Mit ihm soll Jesper samt seiner Einsatztruppe zusammenarbeiten um die Taliban in Schach zu halten. Zur Seite steht ihm der Übersetzer Tarik, der sich und seine Schwester dadurch aber in Gefahr bringt. Bald gerät Jesper in verschiedene Zwickmühlen, etwa durch die Missverständnisse der sprachlichen Kommunikation oder durch die Verschiedenheit der kulturellen Differenzen, die zu Aktionen und Ereignissen führen, die er vor der eigenen, einer für die Probleme der Soldaten vor Ort blinden Bürokratie zu verantworten hat. Jesper ist der Belastung offensichtlich nicht gewachsen, und da ist es nur eine Frage der Zeit, bis er einen gravierenden Fehler macht. Auch wenn sein Handeln (langweiligerweise natürlich) moralisch richtig war. Wo man sicherlich nicht meckern kann, das sind die überwältigend schönen Landschaftsaufnahmen, mit denen uns dieses fremde Land präsentiert wird. Und auch was die Action angeht, da rummst es schon ganz auf Hollywoodniveau aus den Boxen und dröhnt durch die Gehörgänge, wenn eine Transall auf der Leinwand landet. Alles andere ist dann aber leider weniger gut. Dieses selbstgerechte Problemkino ist manchmal schwer auszuhalten, wie es, anstatt den Zuschauer herauszufordern, sich immer sehr genau zu positionieren weiß, damit die Maßstäbe der political correctness des Genfer Filmabkommens stets erfüllt werden. Eine ganz schlimme Szene etwa abends am Feuer, wo sich die beiden Kontrahenten annähern, als sie sich von ihren schlimmen Familienschicksalen erzählen – und sich tief in die Augen blickend schließlich endlich: verstehen. Dass es natürlich auch nicht ohne Trauma aus der Vergangenheit geht im deutschen Qualitäts-Kino, von Männern, die sich heroisch für ihr Land eingesetzt haben, ist das überdeutliche Kennzeichen einer Gesellschaft, die sich selbst immer in der Veratwortung sieht und sich dabei zugleich immer furchtbar wichtig nimmt. Und weil halt überhaupt nix fehlen darf im Schablonenkino, gibt es dann noch eine Disco-Sause wie es sich gehört unter Männern, pseudo-kontrovers sexistische Partytime mit BH und Stringtanga, bevor sich einer der Tanzenden hocheuphorisiert die afghanische Flagge durch die von Schweiß und Bier tropfende Arschritze zieht. Ganz schlimmer, manchmal geradezu peinlicher Film.

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Kurze Zeit später und ein Kino weiter wird ganz anders mit Vergangenheit umgegangen: das dokumentarische Filmessay LE BEAU DANGER von René Frölke portraitiert auf strukturell spannende Weise den Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden Norman Manea, der als größter rumänischer Schriftsteller seiner Generation gehandelt wird. Der Konnex zum Medium Buch, also Buchstabentext, stellt den Filmemacher vor Probleme: wie geht man eigentlich mit Text um, wenn man einen Film macht? Kurze Einblendungen oder doch lieber Voice-Over? Frölke macht das ganz radikal Hardcore. Da kommt dann nur der Text auf die Leinwand, und wenn es viel Text ist, dann ist es halt viel Text. Das geht bisweilen minutenlang, wie der Bildfluss unterbrochen wird, dass man hier einfach, ja, lesen muss. Freilich korrespondieren dann Text und immer wieder einsetzendes Bild miteinander, Manea zuhause, auf Lesung in Italien bei der Book Fair, in Südamerika. Die Bäume in Maneas Garten, das Sonnenlicht auf dem Bach, im Wald, hinterm Haus. Auch der Ton sabotiert permanent, ständig verschieben sich die Wahrnehmungsreize durch die Bild/Ton-Scheren. Das ist manchmal spannend, manchmal auch anstrengend. Ein Film aber, der macht, was er irgendwie machen muss um seinem Gegenstand und seinem Programm gerecht zu werden. Sicher einer der außergewöhnlichsten Filme dieses Festivals.

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In HITONO NOZOMINO YOROKOBIYO, der den etwas umständlichen internationalen Titel JOY OF MAN’S DESIRING trägt, erzählt der Japaner Masakazu Sugita von den Folgen des Erbebens in Fukushima. Die Häuser sind zerstört, die Eltern der jungen Haruna und ihrem kleineren Bruder Sohta sind verschüttet und kommen in den Trümmern um (was für ein Bild, die Haruna in eben diesen). Die Verwandten wollen sie aufnehmen, doch dem jungen Shota soll der Schock erspart werden und verschweigen deshalb den Tod der Eltern. In ruhigen Bildern, langen Einstellungen und überraschendweise viel Sinn für (leisen) Humor erzählt Sugita diese sehr grausame Geschichte, in der die Figuren mit dem Verlust umzugehen lernen müssen – und zunächst aber alles in sich hineinfressen. Der Film trägt eine tiefe Traurigkeit in sich, die kein sonnenhelles Bild der Kinder im Wald oder am Strand spielend zu vertreiben vermag. Das ist ein zu Tränen rührender Film, der den Zuschauer emotional völlig affiziert. Gegen Ende verliert er sich etwas in seiner zerdehnten Darstellung, wo er dann beinahe etwas schwerfällig gerät. Das sind aber kleiner Kritikpunkte, die den insgesamt sehr positiven Eindruck des Films nicht schmälern können. Ein sehr schöner Film.

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© Pushpendra Singh

© Pushpendra Singh

Im indischen Beitrag LAJWANTI von Pushpendra Singh wird in leuchtenden Bildern ein Volksmärchen aus Rajasthan erzählt, in dem sich eine junge Frau, die täglich zu einer Wasserquelle in der Wüste pilgern muss, in einen merkwürdigen älteren Herrn verliebt, der stets zwei Tauben mit sich herumträgt. Das alles wirkt mitunter etwas kryptisch und fremd für unseren Kulturkreis, man bleibt ein Stück weit außen vor. Doch neben den Charakteren wird ein anderes Element zur Hauptfigur des Films: das ist die Wüste. Die Bilder der geradezu gleißenden Dünen sind spektakulär und durch die offensichtlich genau komponierten Bilder gerät der Film selbst zu einem visuellen Genuß.

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Ganz anders dann EVERYTHING THAT RISES MUST CONVERGE von Omer Fast (Forum Expanded). Eigentlich ein richtiger Kulturschock. In einem auf vier Bilder aufgekachelten Splitscreen erzählt er simultan von einem Tag im Leben vierer Pornodarsteller, die sich alle an demselben Set einfinden. Was erst noch ein wenig nervt, der Wille zur Kunst, wird aber bald spannend, da man sich immer wieder neu orientieren muss und bald feststellt, dass Fasts Film dieselbe Szene mitunter aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt, aus eben den verschiedenen Perspektiven der übrigens recht sympathischen Protagonisten heraus (vom Frühstück bis zum zu Bett gehen). Ach, und dass keine Zweifel aufkommen, hier wird natürlich richtig Hardcore gevögelt, der Film darf das ungefragt zeigen irgendwie, er steht ja im Kunstkontext. Und damit das alles noch etwas spannender und skurriler wird, hat man sich dazu entschlossen, problematischerweise, eine fiktive wie gewaltsam hineingepflanzte Handlung hinzuzufügen, in der zwei blonde White-Trash-Zwillinge in einem Garten Dinosauriereier ausgraben. Nun gut, das ist schon eine Herausforderung, das intellektuell zusammen zu bekommen – aber wer will das schon wirklich, wenn er Schwänze und Muschis sehen kann? Da wird der Zuschauer urplötzlich tolerant. Aus den Boxen dröhnt übrigens dazu: College-Indiepop amerikanischer Prägung. Ziemlich unterhaltsam für einäugig Blinde, hippe Szene-Galeriebesitzer und solche, die es werden möchten.

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In IEJI / HOMELAND von Nao Kubota (Panorama) hat man es dann einmal mehr mit Fukushima und den Spätfolgen der Katastrophe zu tun. Ein junger Mann kehrt nach langer Abwesenheit in sein Heimatdorf zurück und richtet sich in seinem verlassenen Elternhaus ein, obwohl dies verboten ist. Wie auch der gesamte Ort entvölkert weil evakuiert ist – er befindet sich innerhalb der wegen der radioaktiven Belastung gesperrten Zone. Er will nicht mehr davonrennen, sich seiner Vergangenheit stellen. Warum er dafür sein Leben aufs Spiel setzt, wird im Film nicht wirklich schlüssig geklärt. Er hat es sich in den Kopf gesetzt und lässt sich nicht von seinem Plan abbringen. Triumph des Individuums. Eine herrliche Landschaft jedenfalls bietet der Film seinem Zuschauer, eine völlig entspannte Narration, einen sehr selbstgewissen, in sich ruhenden Protagonisten. Das hat alles einen durchaus konservativen Grundton, in Verbindung mit einem trotzigen Rebellentum, das sich vom korrumpierten Staat nichts sagen lässt. Besonders hervorzuheben ist aber, noch einmal, dias extrem entschleunigte Erzähltempo, das in Verbindung mit der reduzierten Klaviermusik durchaus ungut an japanische Kleinmädchenmelodramen gemahnen könnte und vor allem implizit und überdeutlich zugleich von großem, individuellem Verzicht kündet. Figuren, die ihren Schmerz in sich hineinfressen und niemals öffnen, die kein Wort sagen, auch wenn sie könnten, die sozial völlig blockiert sind. Die Entschleunigung erreicht dabei durchaus Momente eines völligen Stillstands, der dem Film jeden Drive und jede Geschmeidigkeit zu rauben droht. Es ist ein zähe, vergiftete Idylle, die HOMELAND abbildet. Dabei sind die Wiesen grün und man wird von Sonnenstrahlen geblendet. Und das ist das eigentlich Schockierende, was hinter dieser Idylle lauert.