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Martin Gobbins Berlinale Tagebuch: 4

von | 12 Feb 2017 | Berlinale 2017 | 0 Kommentare

Spoor (Pokot)

5/10 Punkte
Agnieszka Holland, Polen 2017
Sektion: Wettbewerb

In den Bergen an der polnisch-tschechischen Grenze wird ein Mann tot aufgefunden. Um ihn herum zahllose Hufabdrücke von Rehen. Es kommen weitere männliche Leichen hinzu im Laufe von „Spoor“ – immer sind es Jäger und immer führen Tierspuren zu ihren Körpern. Die Polizei sucht nach Erklärungen, die etwas hysterische Tierschützerin Duszejko hat da eine Theorie: Es ist die Rache der Tiere für all das sinnlose Leiden, das Menschen Rehen, Wildschweinen und Füchsen angetan haben. Das klingt nach magischem Realismus, doch als Regisseurin Agnieszka Holland den Fall an einer recht willkürlichen Stelle aufklärt, findet sie eine ziemlich offensichtliche Lösung, die dem Rest des Films jeglichen Reiz nimmt und selbst manchen TV-Krimi vergleichsweise clever wirken lässt. Die Erklärung ist dermaßen banal, dass ihre langwierige Vorenthaltung im Nachhinein ziemlich manipulativ erscheint. Das kitschig-esoterische Ende, für das die Regisseurin zuvor einen arg unglaubwürdigen Trick aus dem Reich der IT – ein „deus ex machina“, im wahrsten Sinne des Wortes – bemühen muss, macht es nicht besser.

El mar la mar

7/10 Punkte
Joshua Bonnetta & J.P. Sniadecki, USA 2017
Sektion: Forum

Was ist denn das für ein Gimmick? Diese Frage stellt sich zu Beginn der experimentellen Doku „El mar la mar“, wenn die Landschaftsaufnahmen des Prologs kaum zu erkennen sind, weil schwarze Balken über die Leinwand rasen und die Filmemacher so scheinbar um Aufmerksamkeit betteln. Dann aber, nach einigen Minuten, macht die Kamera einen Schritt zurück und wir sehen, woher die schwarzen Balken stammen: Die Kamera ist mehrere Minuten lang dicht an einem Zaun entlang gefahren – es ist ein Grenzzaun, der Arizona von Mexiko trennt. Die Regisseure geben dazu keine Erklärung ab, sie argumentieren weder für noch gegen diese prä-Trump’sche Trennwand. Sie zeigen einfach die beeindruckende Landschaft in schön verrauschten 16mm-Bildern und lassen Bewohner dieses Niemandslands zu Wort kommen, meist ohne sie je ins Bild zu setzen. Flüchtlinge erzählen von der gefährlichen, tagelangen Wanderung durch die Wüste, die Mitglieder einer bewaffneten Bürgerwehr berichten von ihrer Jagd auf die illegalen Einwanderer, andere Amerikaner rekapitulieren schreckliche Leichenfunde oder legen dar, wie sie den Flüchtlingen helfen, indem sie Wasserflaschen für sie auslegen. Das Faszinierendste sind jedoch die meditativen Bilder – lodernde Buschfeuer in der Nacht, der rötlich-violette Abendhimmel, ein Schwarm von Fledermäusen in so unscharfer Fokussierung, dass ihre Flugbewegungen auf der Leinwand wie ein abstraktes Lichtspiel aussehen. In einer Nacht inszenieren die Filmemacher eine Lichtshow: Scheinwerfer huschen über bizarre Kaktuspflanzen und lassen sie wie außerirdische Lebewesen aussehen. Und doch ist „El mar la mar“ eben mehr als ästhetische Schwelgerei – es ist ein unpolitischer Dokumentarfilm, der ganz nebenbei eine zutiefst politische Geschichte erzählt.


Vazante

5/10 Punkte
Daniela Thomas, Brasilien 2017
Sektion: Panorama

Die ersten Szenen zeigen weiße Siedler, die auf Pferden durch den Matsch reiten und eine Gruppe schwarzer Männer mit schweren Eisenketten hinter sich herziehen. Diese Welt tief im brasilianischen Urwald zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist nicht nur sozial, sondern auch visuell in kontrastreiches Schwarz und Weiß aufgeteilt. Die Sklaven wurden gerade aus Goldminen geholt, sie sollen fortan in der Landwirtschaft malochen. Nach diesem Beginn darf man wohl erwarten, dass sich das Drama „Vazante“ um die Versklavung von Afrikanern in Brasilien dreht – genau das hat auch Regisseurin Daniela Thomas zuvor angekündigt. Die tatsächlichen Protagonisten und Identifikationsfiguren sind dann aber kurioserweise doch allesamt weiß, kein Schwarzer im Film erfährt mehr als eine konturenhafte Figurenzeichnung. Zwar erzählt der Film durchaus etwas über ihr Leben: So gibt es etwa eine Abstufung der Schwarzen in kooptierte Diener mit Bewegungsfreiheit und jene Sklaven, die zumeist gefesselt sind und wie Gefangene gehalten werden. Das führt zu einigen bedrückenden Szenen, in denen schwarzes Dienstpersonal die schwarzen Häftlinge mit Waffen in Schach hält – eine perverse Perfektionierung des Sklaverei-Systems der Weißen. Es tauchen auch erste Hoffnungszeichen auf, dass Schwarz und Weiß sich näher kommen und künftig auf einer Stufe begegnen könnten. Angesichts dieser explosiven Themen – Rassismus und Sklaverei – gerät die erste Hälfte erstaunlich undramatisch. Das eigentliche Problem ist aber die zweite Hälfte: Hier tritt die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung fast völlig in den Hintergrund, im Fokus steht stattdessen das Leiden einer Weißen: Die minderjährige Beatriz wird von ihren finanziell unter Druck stehenden Eltern mit dem verwitweten Großgrundbesitzer Antonio verheiratet – sie fürchtet sich vor ihm, wird von ihm vernachlässigt und zum Sex gezwungen. Die Zwangsverheiratung junger Mädchen an ältere Männer ist eine widerwärtige Form der Misshandlung und Fremdbestimmung, die in vielen Teilen der Welt bis heute andauert – sie aber mit Sklaverei gleichzusetzen beziehungsweise ihr eine noch höhere Bedeutung zuzuschreiben, das ist zumindest ein ziemlich schiefer Vergleich. So stecken zwei Geschichten in „Vazante“ – und die der Schwarzen wird von jener der Weißen deutlich überragt.


Newton

6/10 Punkte
Amit V Masurkar, Indien 2017
Sektion: Forum

Ein Crowd Pleaser im Forum – das gibt es auch nicht alle Tage. Die Sektion ist vor allem für ihre oft spröden, experimentellen, herausfordernden Werke bekannt. „Newton“ aber ist stets vergnüglich und bringt das Publikum über große Teile seiner Laufzeit zum Lachen. Was möglicherweise in all der Komik etwas untergeht, ist seine durchaus komplexe Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Indien. Da ist Newton, ein junger idealistischer Akademiker, der sich freiwillig als Wahlbeobachter meldet und seine Begeisterung für die Demokratie in ein abgelegenes Dschungeldorf tragen will. Dort stößt der City Boy zunächst auf störrische Soldaten, die bass erstaunt sind, dass er tatsächlich Wahlstimmen einsammeln will – sie zu fälschen wäre doch viel bequemer und zudem weitaus ungefährlicher, immerhin lauern im Dschungel militante maoistische Rebellen. Der eigentliche Schock trifft Newton aber erst, als er mit viel Ausdauer und Willenskraft doch endlich die 76 Wähler des Landkreises erreicht, diese aber überhaupt kein Interesse an der Wahl zeigen, außerdem nicht lesen können und von politischen Parteien noch nie gehört haben. Gerade im Finale wird der Film arg klamaukig und dann folgt auch noch die saccharinhaltige Anbahnung eines „love interest“. Und dennoch: Regisseur Amit V Masurkar gelingt das Kunststück, zwei sehr unterschiedliche Erzählebenen zu verbinden. Man kann „Newton“ als lockerleichte Komödie genießen, man kann darin aber auch eine Analyse der gesellschaftlichen Gegensätze in der weltweit größten Demokratie finden.


The Bomb

6/10 Punkte
Kevin Ford & Smriti Keshari & Eric Schlosser, USA 2016
Sektion: Special

Ästhetik statt Aufklärung: Informative Dokus über die Gefahren von Nuklearwaffen gibt es zuhauf. „The Bomb“ nähert sich der Bombe mit einem rein ästhetischen Zugang, was anfangs gewöhnungsbedürftig ist angesichts des Leidens, das Atombomben in Hiroshima und Nagasaki verursacht haben. Allerdings ist es durchaus schwer, sich der visuellen Sogwirkung jener (fast kommentarlosen, stattdessen mit Musik unterlegten) Bilder zu entziehen, die das Regie-Trio aus Archivmaterial zusammengestellt hat: In gigantischen Machtdemonstration sehen wir Unmengen von Soldaten in perfekt synchronisiertem Gleichschritt marschieren. Atombomben-Tests entwickeln sich zu Rohrschach-Tests – mal sehen die Pilze aus wie monströse Aliens, mal wie stehende Menschen. Feuerbälle explodieren, von immensen Kräften vorangeschobene Staubmassen wälzen sich unaufhaltsam wie Lawinen übers Land, Häuser werden fortgepustet, wie Neptun steigt ein Marschflugkörper aus dem Wasser auf, ab und zu krepiert eine Rakete. Es ist ein Ballett des schönen Schreckens. Doch nach rund einer halben Stunde wird der Film etwas formelhaft, weil derivativ-politisch: Plötzlich beginnt das Filmteam doch, den Zuschauer zum Mitleiden statt zum Staunen zu bewegen: Grausige Aufnahmen zeigen, wie Tiere als Studienobjekte geopfert werden, um die Verstrahlung bei einem Nuklearangriff zu studieren. Weiter geht es mit einigen aus heutiger Sicht amüsanten Aufklärungsfilmchen der US-Regierung, die ihre Bürger zu Zeiten des Kalten Krieges anwies, sich im Fall eines Angriffs auf den Boden zu werfen – darüber haben sich aber schon zahlreiche andere mokiert. Und am Ende folgt pflichtbewusst der Wunsch nach einer friedlichen, atomwaffenfreien Welt – zu diesem Zeitpunkt hat „The Bomb“ jene Originalität verloren, die ihn anfangs von anderen thematisch verwandten Dokumentationen abhob.


Foto:  © the bomb

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