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THE LOOK OF SILENCE (Joshua Oppenheimer – Dänemark, Norwegen, Finnland, Indonesien, Großbritannien)

THE LOOK OF SILENCE, © Lars Skree

THE LOOK OF SILENCE, © Lars Skree

Mit seinem dokumentarischen Zweiteiler über die Massenmorde, die in Indonesien infolge des Militärputsches von 1965 an vermeintlichen Kommunisten begangen wurden, wird Joshua Oppenheimer in die Filmgeschichte eingehen. Einer so direkten, beinahe unerträglichen Konfrontation mit dem Bösen hat uns das Kino nie zuvor ausgesetzt. Nach THE ACT OF KILLING, der 2013 im Berlinale-Panorama lief, ist nun THE LOOK OF SILENCE zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Während sich ersterer voll und ganz darauf konzentrierte, wie die Schlächter von damals ihre Taten noch heute als Heldenepen inszenieren – wie also Geschichten (hier über viele Jahrzehnte hinweg) zur Selbsttäuschung konstruiert werden, um sich der eigenen Schuld nicht stellen zu müssen – weitet THE LOOK OF SILENCE den Blick auf die gesamtgesellschaftliche Situation.

Dazu macht uns der Film mit Adi und seiner Familie vertraut. Adis Bruder war eines der auf bis zu eine Million geschätzten Opfer des Massakers und wurde auf brutalste Weise hingerichtet. Adi selbst ist erst drei Jahre später geboren. Das Sichten von Oppenheimers Material zu THE ACT OF KILLING bewegt ihn dazu, die ehemaligen Täter zu treffen. Diese sind bis heute politische und finanzielle Machthaber – und Nachbarn der Angehörigen ihrer Opfer. Über Adi findet auf diese Weise der Versuch statt, einen Dialog zu führen. Im Gespräch konfrontiert er die ehemaligen Leiter von Tötungskommandos ohne sie anzuklagen: höflich, sachlich und doch sehr direkt. Mit Fragen, die uns selbstverständlich scheinen. Mit Fragen, die unglaublicherweise bislang nie gestellt worden sind.
Der zweite Teil von Oppenheimers Projekt zeigt, dass die Protagonisten aus THE ACT OF KILLING und der zutiefst schockierende Stolz, mit dem sie ihre Taten bis ins kleinste Detail schildern, keinesfalls eine Ausnahme sind, sondern die erschreckende Regel. Überall – selbst unter den überlebenden Opfern – begegnet man Adi mit Erstaunen und mit Feindlichkeit gegenüber seinen zu tief bohrenden Fragen, die „alte Wunden aufreißen“ und „zu neuem Blutvergießen führen“ würden. Adis Unternehmen ist nicht zuletzt auch ein Versuch zu verzeihen – doch wie soll das möglich sein, wenn er doch auf keinerlei Schuldeingeständnis, auf keinerlei Reue stößt. Stattdessen wird Propaganda von vor 50 Jahren abgespult, die auch in der Schule immer noch auf dem Lehrplan steht. Eine Auseinandersetzung hat hier niemals stattgefunden. Auf der Suche nach einer Erklärung für die unsagbaren Gräueltaten, nach dem Ursprung des Bösen, zeigt sich, dass dieser im kollektiven System und seinen Mechanismen der Mythenbildung liegt, dass das Schweigen und Vergessen hier gesellschaftlich tief verwurzelt ist.

Unsere Fassungslosigkeit spiegelt sich in langen Aufnahmen von Adis verstummtem Gesicht. Immer wieder streut Oppenheimer stille Bilder ein, die Einblicke in den Alltag von Adis Familie und in die ländliche Umgebung bieten. Als erwarte man Antworten von diesen ruhenden Landschaften, die erbarmungslos geheimnisvoll bleiben, hinter denen so viel verdrängte Geschichte verborgen ist. Hier zeigt sich besonders deutlich der hohe künstlerische Anspruch, mit dem Oppenheimer das filmische Medium zur Reflexion nutzt. Oder wie Schirmherr Werner Herzog es in einem anschließenden Podiumsgespräch auf den Punkt bringt: Wir haben es mit einem Dokumentarfilm zu tun, der kein Journalismus ist, sondern Kino.

Obwohl Adis Bemühungen kläglich scheitern, gibt seine eigene Klarsicht Grund zu einer Hoffnung, die in THE ACT OF KILLING noch ganz und gar abwesend war. Auch wird Adi zumindest von der Tochter eines Täters die warme Bitte um Vergebung entgegengebracht. Vor allem aber Joshua Oppenheimers Wahnsinnsprojekt selbst, das aus zehn Jahren Zusammenarbeit mit Menschenrechtsorganisationen, Universitätsprofessoren und einer todesmutigen Crew hervorgegangen ist, lässt positiv in die Zukunft blicken. THE ACT OF KILLING wurde von zahlreichen Indonesiern gesehen, in den nationalen Medien beginnt schleichend eine Auseinandersetzung. Die Anerkennung, die Oppenheimer für seinen wertvollen Beitrag dazu, das Schweigen möglicherweise Schritt für Schritt zu brechen, entgegengebracht werden muss, kann nicht groß genug sein.

EL BOTÓN DE NÁCAR/THE PEARL BUTTON (Patricio Guzmán – Frankreich, Chile, Spanien 2015)

THE PEARL BUTTON, © Hugues Namur

THE PEARL BUTTON, © Hugues Namur

Auch Patricio Guzmáns Film THE PEARL BUTTON, der als einziger Dokumentarfilm im Wettbewerb läuft, wagt den Versuch einer Annäherung an die blutdurchtränkte und gleichsam wenig aufgearbeitete Geschichte eines Landes. In seinem filmischen Essay nutzt er das Wasser als zentrales Motiv, mit dessen Hilfe er nach einem Zugang sucht. Zunächst vermittelt er mit aller poetischen Macht der Bilder wie der Sprache (den durchgängigen subjektiven Off-Kommentar spricht Guzmán selbst) eine große Faszination für dieses allumfassende, rätselhafte Element, aus dem die kleinsten Lebewesen ebenso wie die Weiten des Kosmos zum Großteil bestehen. Immer wieder zieht er dabei Verknüpfungen zu seinem Herkunftsland Chile: 4000 Kilometer Küste – und doch hat die chilenische Zivilisation es versäumt, einen Kontakt zu dieser kosmischen Kraft herzustellen.

Im Laufe des Films spannt THE PEARL BUTTON ein immer dichteres Geflecht aus cleveren Bezügen, errichtet ein faszinierendes Gedankenkonstrukt um das Wasser herum, um schließlich eine Parallele zwischen der gewaltsamen Vertreibung der traditionellen Völker West-Patagoniens durch chilenische Siedler im späten 19. Jahrhundert und den Menschenrechtsverletzungen an tausenden Gegnern der Pinochet-Diktatur rund 100 Jahre später herzustellen. Dem poetischen Zauber der Natur folgt die Brutalität der menschlichen Geschichte. Die Urvölker Patagoniens, die in tiefem Einklang mit dem Meer lebten, wurden gewaltsam von ihm getrennt – heute ist den zwanzig letzten direkten Nachkommen das Befahren der See mit jenen selbstgebauten Booten, mit denen sie einst tausende Kilometer Küste abfuhren, aus Sicherheitsgründen untersagt. Unter der Militärdiktatur ist die See zum Massengrab der desaparecidos geworden. In beiden Fällen handelt es sich um eine Geschichte der Vernichtung, deren Zeuge das Meer ist. Das Meer habe ein Gedächtnis, glauben die Ureinwohner – und in Guzmáns Film auch eine Stimme.