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Simone Falso © ITACA

Simone Falso © ITACA

TORNERANNO I PRATI / GREENERY WILL BLOOM AGAIN (Ermanno Olmi – Italien)

Bevor es an ein Resümee zum Festival geht, noch ein paar knappe Worte zu einem Highlight, das von mir bisher unerwähnt geblieben ist: Ermanno Olmis meisterlicher Film GREENERY WILL BLOOM AGAIN schließt mit der Zeile “War is an ugly beast that wanders the earth and never comes to a halt”. In der absoluten Konzentration auf diesen Befund erschafft Olmi ein abstraktes Stück über die Sinnlosigkeit des Krieges wie es pointierter, dichter und eindringlicher nicht sein könnte. Erzählt wird eine knappe Geschichte in einem ebenso knappen Film (der keine 80 Minuten dauert) von italienischen Truppen, die während des Ersten Weltkrieges an der tief im Schnee verschütteten Frontlinie inmitten der Alpen einen selbstmörderischen Befehl erhalten.

Bilder, stellenweise so farbentleert, dass sie beinahe monochrom erscheinen, zeichnen eine verlorene Landschaft, deren trügerische, beinahe erhaben wirkende Ruhe vom Warten auf den Tod getränkt ist. Es gibt keine Geräusche hier, nur ab und an ein dumpfes Dröhnen und einmal der Gesang eines Soldaten, der den Kämpfern auf beiden Seiten gleichermaßen Trost spendet. Nicht nur dunkle Tannenwälder und vereinzelte Grenzzäune setzen die Kontrastpunkte in der stufenlos weißen Schneelandschaft, sondern letztlich auch die schwarzen Fontainen der Bombeneinschläge – wunderschön und grausam zugleich.

In dieser Szenerie beobachten wir aus der Totalen, wie sich ein Soldat, stockend durch bitterste Kälte kriechend, schließlich auf die sinnlose Mission begibt. Es fällt ein Schuss, der Soldat robbt noch ein paar Züge weit und bleibt dann liegen – keine drei Schritte von seinem Ausgangspunkt entfernt. Mucksmäuschenstill kommen Gewalt und Schrecken daher in dieser klaren unerbittlichen Vision des Krieges, fernab von jeglichem Spektakel.

Ein Resümee

28 aus einem Gesamtprogramm von mehr als 400 Filmen habe ich in meinen acht Tagen auf der Berlinale gesehen. In der Rückschau lassen sich einige Tendenzen festhalten: Es dominieren vor allem Filme, die ein Statement über die Gegenwart, zumeist des eigenen Herkunftslandes, abgeben. Häufig liegt ihnen dabei ein kritischer Umgang mit Geschlechterrollen, mit der Aufarbeitung von Geschichte, mit gesellschaftlich und staatlich verwurzelter Repression, mit den Mühlen der Globalisierung zugrunde. Daneben findet sich viel Lust am Experimentieren: Essayistisches, Poetisches, Selbstreflexives, auch in Verbindung mit dem genannten politischen Bewusstsein der engagierte Versuch, Bilder zu finden, Allegorien zu konstruieren – zumeist eher pessimistische, düstere.
Obwohl sich damit ein Profil erkennen lässt, das dem aktuellen Filmschaffen mit den wohl richtigen Prämissen begegnet, fallen viele der von mir gesehenen Filme eher schwach aus.
Aber vielleicht ist das nun mal so mit dem Experiment ebenso wie mit der politischen Relevanz: Wenn auch kein allzu gelungener Film dabei herauskommt, lohnt sich dennoch der Blick darauf.

Mein Zwischenfazit hat sich indes bestätigt: Bis auf wenige Ausnahmen blicke ich auf einen vergleichsweise guten Wettbewerb zurück – Filme außer Konkurrenz seien hier außen vor, da die meisten davon ja ganz unverhohlen nichts als dem Starrummel zuträglich sind. Obwohl sich andernorts gegenteilige Meinungen finden, hielten Panorama und Forum für mich kaum wahre Fundstücke bereit. Das mag jedoch der persönlichen Auswahl geschuldet sein.

Was den Wettbewerb angeht, wurden bis auf KING OF CUPS und SWORN VIRGIN alle sehenswerten Filme von der Jury unter dem Vorsitz von Darren Aronofsky mit Preisen bedacht. Den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung (Kamera) teilen sich meine klaren Favoriten VICTORIA und UNDER ELECTRIC CLOUDS. Einen weiteren Silbernen Bären erhält THE PEARL BUTTON für das beste Drehbuch, der Große Preis der Jury geht an EL CLUB, der Preis für neue Perspektiven an IXCANUL. Und der Goldene Bär – ja, scheinbar vielleicht eine gefällige Entscheidung, gibt man doch hier ein Plädoyer für künstlerische Freiheit ab, aber sicher eine, mit der man angesichts eines grandiosen Filmes einverstanden sein muss – für Jafar Panahis TAXI.

Jedes Berlinale-Jahr ertappe ich mich auf’s Neue dabei, wie ich allmorgendlich nach den Listen im Tagesspiegel und der Berliner Zeitung geiere, in denen Kritiker die Wettbewerbsfilme nach einem eindimensionalen Punktesystem bewerten. So wie ich mich dabei zugegebenermaßen wohl als Freund der verkürzten Kritik entpuppe, folgt hier meine persönliche Bestenliste aus 28 gesehenen Filmen:

1. Pod electricheskimi oblakami / Under Electric Clouds (Alexey German Jr. – Russische Föderation, Ukraine, Polen)

2. Victoria (Sebastian Schipper – Deutschland)

3. The Look of Silence (Joshua Oppenheimer – Dänemark, Norwegen, Finnland, Indonesien, Großbritannien)

4. Necktie Youth (Sibs Shongwe-La Mer – Südafrika, Niederlande)

5. The Pearl Button (Patricio Guzmán – Frankreich, Chile, Spanien)

6. Taxi (Jafar Panahi – Iran)

7. Torneranno i prati / Greenery will bloom again (Ermanno Olmi – Italien)

8. Ixcanul / Ixcanul Volcano (Jayro Bustamante – Guatemala, Frankreich)

9. Une Jeunesse Allemande / A German Youth (Jean-Gabriel Périot – Frankreich, Schweiz, Deutschland)

10. Knight of Cups (Terrence Malick – USA)

11. Vergine giurata / Sworn Virgin (Laura Bispuri – Italien, Schweiz, Deutschland, Albanien, Republik Kosovo)

12. El Club / The Club (Pablo Larraín – Chile)

13. Sangailé / The Summer of Sangaile (Alanté Kavaïté – Litauen, Frankreich, Niederlande)

14. Al bahr min ouaraikoum / The Sea is behind (Hicham Lasri – Marokko)

15. Aferim! (Radu Jude – Rumänien, Bulgarien, Tschechische Republik )

Außerdem gesehen (unsortiert):
Queen of the Desert (Werner Herzog – USA)
Al-Hob wa Al-Sariqa wa Mashakel Ukhra / Love, Theft and Other Entanglements (Muayad Alayan
Palästinensische Gebiete)
Journal d’une femme de chambre / Diary of a Chambermaid (Benoit Jacquot – Frankreich, Belgien)
Life (Anton Corbijn – Kanada, Deutschland, Australien)
Every Thing Will Be Fine (Wim Wenders – Deutschland, Kanada, Frankreich, Schweden, Norwegen)
Chorus (François Delisle – Kanada)
Eisenstein in Guanajuato (Peter Greenaway – Niederlande, Mexiko, Finnland, Belgien)
Je suis Annemarie Schwarzenbach / My Name is Annemarie Schwarzenbach (Véronique Aubouy – Frankreich)
Viaggio nella dopo-storia / Journey into Post-History (Vincent Dieutre – Frankreich)
Out of my Hand (Takeshi Fukunaga – USA, Liberia)
Cha và con và / Big Father, Small Father and Other Stories (Phan Dang Di – Vietnam, Frankreich, Deutschland, Niederlande )
La Maldad / Evilness (Joshua Gil – Mexiko)
Pionery-geroi / Pioneer Heroes (Natalya Kudryashova – Russische Föderation)