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Der Mann, der König sein wollte

Ludwig II., Luchino Viscontis vierstündiger Schwanengesang auf den bayerischen Traum-König, der schon zu Lebzeiten zum historischen Anachronismus wurde, sei sein Lieblingsfilm, sagt Olivier Assayas. Er habe ihm den Weg gewiesen, die Geschichte zu erzählen von Illich Ramirez Sánchez, genannt „Carlos“, der in den 1970er und 80er Jahren der Kopf des internationalen Terrorismus war. Eine sonderbare Konstellation, auf den ersten Blick. Wie Visconti, so greift auch Assayas weit aus. Fünfeinhalb Stunden dauert Carlos – Der Schakal in der fürs Fernsehen entstandenen Fassung, immerhin drei Stunden kamen auf die Leinwand. Entstanden ist aber kein elegisches, langsam sich entwickelndes Epos wie bei Visconti, sondern dessen Kontrafaktur: ein forciert geschnittener Film episodischen Charakters, in dem die Zeit gewaltsam zum Rasen gebracht wird, in dem Träume und Utopien von einer anderen Welt nur noch in Sekunden aufblitzen, um von jedem Terrorakt dementiert und zerstört zu werden.

Was Carlos zu jenem höchst bedrohlichen Mann werden lässt, der 1975 in Wien sogar die Vertreter der Ölmagnaten der OPEC attackiert, ist bei Assayas nicht Politik, nicht Ideologie, die entsichert wird. Wenn Carlos sich in die Guevara-Pose schwingt, wenn er hantiert mit Waffen und mit Frauenkörpern, wenn er so tötet, wie er seine Autos fährt: schnell und ohne einen Gedanken, dann zeigt sich nichts als die schiere Lust am gefährlichen Leben, das über Leichen geht. Carlos will mit Gewalt herrschen. Carlos, und das mag Assayas an ihm denn vor allem interessiert haben, ist die zum Killer gewordene Perversion des Situationisten Guy Debord, den Assayas so bewundert: die Perversion von Debords Traum vom Leben als einem Projekt absoluter Freiheit.

Wenn Assayas zu Aktionen von Carlos Popsongs hören lässt, wird nicht nur klar, was ihn antreibt: der intensiv empfundene Moment des Selbst-Genusses im destruktiven Agieren; es wird auch klar, dass dieses Agieren nichts ist als ein bösartiges Spektakel. Bei Assayas ist der Terrorist, der hoch auffliegen will, ein Söldner im Dienst von Männern, die ihm an schäbigen Orten in der Wüste oder in luxuriösen VIP-Lounges ihre Kommandos geben, von Männern, deren Pläne er nicht durchschaut; der Egomane, der König sein will – nur eine Spielfigur auf dem Feld der internationalen Politik, auf dem sich auch die Grenzen zwischen neuer Guerrilla und alten Faschisten verwischen. Wie Viscontis König, so verfällt schließlich auch Carlos immer mehr, wird fett und unbeweglich, und als mit dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten die Weltlage sich ändert, ist er ein Relikt der Vergangenheit, das weggeräumt werden kann.

Carlos – Der Schakal
R: Olivier Assayas
D: Édgar Ramírez, Alexander Scheer, Alejandro Arroyo, Ahmad Kaabour
Frankreich, Deutschland 2010, 550 Min. (TV-Fassung)
Copyright: 2009 Films En Stock – Egoli Tossell Film

Über den Autor: PD Dr. Bernd Kiefer

PD Dr. phil. Kiefer (Jahrgang 1956) ist seit 1993/94 Akademischer Rat am Institut für Filmwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er promovierte mit einer Arbeit über Walter Benjamins ästhetische Theorie der Moderne, nachdem er sein Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, der Neueren Deutschen Literatur und der Philosophie abgeschlossen hatte, lehrte anschließend an der Universität Mainz für die Vergleichende Literaturwissenschaft. Zudem war er hier als Postdoktorand am Graduiertenkolleg „Drama und Theater als Paradigmen der Moderne“ tätig. 2007 folgte seine Habilitation zum Thema „Passagen der Moderne. Studien zur neueren Filmgeschichte und Filmästhetik“. Publikationen (Auswahl): „Die bizarre Schönheit der Verdammten. Die Filme von Abel Ferrara“ (Marburg 2000, mit Marcus Stiglegger); „Western“ (Stuttgart 2003, mit Norbert Grob); „Pop und Kino“ (Mainz 2004, mit Marcus Stiglegger); „Das Gedächtnis der Schrift. Perspektiven der Komparatistik“ (Mainz 2005, mit Werner Nell); „Grenzsituationen spielen. Schauspielkunst im Film“ (2006, mit Marcus Stiglegger); „Nouvelle Vague“ (2006, mit Norbert Grob).