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NEGATIV_GAME OF THRONES_Unbowed, Unbent, Unbroken_Myrcella Baratheon, Trystane Martell

Two households, both alike in dignity, in fair Westeros, where we lay our scene… Die junge Liebe der beiden star-crossed lovers Myrcella und Trystane steht unter keinem guten Stern. Die unmögliche Beziehung eines Martells mit einer Lannister ist die GAME OF THRONES-Variante von Romeo und Julia.

Zeit für erste Resultate: Mit UNBOWED, UNBENT, UNBROKEN beginnt die zweite Hälfte der fünften Staffel GAME OF THRONES. Cersei spielt die Tyrells aus in King’s Landing, Jorah und Tyrion fallen Sklavenhändler in die Hände, in den Water Gardens kommt es zum Showdown, Arya dringt ins Innerheiligste der Faceless Men vor und Sansas Hochzeit in Winterfell wird – wie zu erwarten – furchtbar. Das Endergebnis in der sechsten Folge ist beachtlich, doch war der Weg dahin lang, sehr lang. Wie auch die Folge davor war das Erzähltempo gemächlich. Während in KILL THE BOY die gewonnene Zeit jedoch zum Ausspielen der Charaktere genutzt wurde, fühlte sich UNBOWED, UNBENT, UNBROKEN stellenweise sehr gestreckt an. Die Folge hatte seine Höhen, seine Tiefen und so einiges dazwischen. Komisch, stammte sie doch vom gleichen Gespann wie die Folge davor: Bryan Cogman (Drehbuch) und Jeremy Podeswa (Regie).

Beginnen wir mit den Tiefen. Bei seiner Ankunft in den Water Gardens staunt Jaime nicht schlecht, als er Myrcella statt der erwarteten Gefängniszelle in enger Zweisamkeit mit dem jungen Trystane vorfand. Dass seine Tochter in Dorne tatsächlich glücklich ist, damit hatte Jaime nicht gerechnet. Ebenso wenig, dass Myrcella sich weigern würde, mit ihm mitzukommen. Wie auch die anderen Prinzessinnen in Westeros hat die junge Lannister-Dame ihren eigenen Willen und lässt ihren angerittenen Retter abblitzen. Es ist von einer tragischen Ironie durchzogen, dass die einzige arrangierte Hochzeit in GAME OF THRONES, die tatsächlich von gegenseitiger Liebe erfüllt ist, durch beide Familien mit Gewalt verhindert wird. Gibt es außer vielleicht Cat und Ned jemals eine Ehe in Westeros, die unter einem glücklichen Stern steht?

Trotz der interessanten Konfliktsituation blieb die Konfrontation zwischen Jaime, Bronn und den Sand Snakes jedoch hinter ihren Erwartungen zurück. Völlig unspektakulär schmuggeln sich der Kingslayer und der Söldner in die Sommerresidenz der Martells, in der zufälligerweise die Sand Snakes zeitgleich dabei sind, ihren Coup auszuführen. Die über Folgen aufgebaute Spannung in Dorne – Jaime versucht mit der verzweifelten Rettungsaktion sich selbst von Schuldgefühlen zu befreien, die Sand Snakes wollen Oberyns Tod rächen und suchen den Krieg – verpufft schließlich in einer uninspirierten Kampfszene. Jaime und Bronne stehen den wilden Kriegerinnen gegenüber und werden, kaum dass der Kampf begann, von Areo Hotah und den Wachen unterbrochen. War das schon alles? Hoffentlich nicht. Immerhin ist jetzt Prinz Doran am Zug. Dieser wird sicherlich nicht so stümperhaft ausfallen wie Jaimes verzweifelte Rettungsmission oder Ellaria Sands unüberlegte Rache. Außerdem hatte Doran viel Zeit zum Nachdenken.

Aufrechte Unaufrichtigkeit

NEGATIV_GAME OF THRONES_Unbowed, Unbent, Unbroken_Arya Stark

„Who are you?“ Arya macht sich und den Faceless Men etwas vor, wenn sie vorgibt, ihre Persönlichkeit für den Many-faced God völlig aufgeben zu können. Also kommt man zu einem Kompromiss: Ihr altes Ich kann sie vielleicht nicht negieren, aber sie kann jemand anders werden.

Ebenfalls durchmischt diese Woche war Aryas Handlungsstrang. Im Vergleich zum Dorne-Plot erwies sich der Pay-Off in Braavos als lohnenswert. Arya beweist, dass sie der Lüge fähig ist und schenkt einem schwerkranken Mädchen die Gabe des Many-faced God, indem sie sie mit einer erfundenen Geschichte davon überzeugt, vom Wasser des Tempels zu trinken. Jaqen H’ghar scheint überzeugt. Er führt Arya in die geheimnisvollen Kammern der Faceless Men, in der sie die Gesichter tausender Menschen aufbewahren. Arya ist bereit für den nächsten Schritt. Die Szene mit dem Mädchen war stark, das Grusel-Kabinett der Faceless Men ein schöner Schauwert. Aber musste die Handlung solange brauchen, bis sie an diesen Punkt gelang? Aryas Problem, ihre alte Identität nicht abschütteln zu können, sowie ihre Unzufriedenheit mit dem Verlauf ihrer bisherigen Ausbildung wurde bereits in HIGH SPARROW ausgereizt. Das Wiederaufgreifen von Aryas Konflikten, um sie dann zu einer ersten Auflösung zu führen, war in UNBOWED, UNBENT, UNBROKEN um einige Minuten zu lang. Und in einer Serie wie GAME OF THRONES sind es gerade die Minuten, die zählen.

Besser dagegen lief es in King’s Landing. Hier haben sich die Ereignisse von Cerseis Intrige gegen die Tyrells geradezu überschlagen. Olenna Tyrell ist in King’s Landing angekommen, um Margaery bei der Befreiung von Loras aus den Fängen der Sparrows zu unterstützen. In einem kleinen Schlagabtausch fertigt Cersei die Queen of Thorns jedoch eiskalt ab. Es kommt zum Verhör von Ser Loras durch den High Sparrow. Dabei dementieren sowohl der Angeklagte selbst auch seine Schwester sämtliche Vorwürfe. Dann betritt Olyvar die Bühne. Littlefingers Prostituierte gesteht seine intime Beziehung zu Loras und bestätigt, dass Margaery sehr wohl von dem Laster ihres Bruders wusste. Er erzählt, wie die junge Königin ihren Bruder mit ihm im Bett erwischte und sich nicht überrascht zeigte. Ein netter Verweis auf eine kleine, damals noch unbedeutend wirkende Szene aus THE WARS TO COME. Der neue Septon hat genug gehört, einer Verhandlung gegen Loras steht nichts mehr im Wege. Der Ritter der Blumen wird abgeführt, ebenso seine Schwester Margaery. Die Königin hat vor den Göttern falsches Zeugnis abgelegt und steht nun ebenfalls unter Anklage. Ohnmächtig schaut König Tommen seiner um Hilfe rufenden Braut hinterher, während seine Mutter Cersei sich das Grinsen nicht verkneifen kann. Alles scheint ganz nach ihrem Plan zu verlaufen.

Ein Höhepunkt der Folge findet sich schließlich in einer Szene zwischen Tyrion und Jorah. Wieder teilen sie sich einen schönen Moment, bevor sie abermals von der Story einholt werden (diesmal in Gestalt von Sklavenhändlern, die sie nach Meereen verschleppen). Tyrion erzählt Jorah, weshalb er aus Westeros geflohen ist. In der Beziehung zu ihren Vätern scheinen sie sich auf den ersten Blick zu ähneln: Als verlorene Söhne haben beide auf ihre Art „Schande“ über die Familie gebracht und ihren Erzeuger enttäuscht. Jorah, weil er illegal Sklaven verkaufte und daraufhin nach Essos ins Exil fliehen musste und Tyrion, weil er seinen Vater ermorderte. Und doch unterscheidet sich das jeweilige Vater-Sohn-Verhältnis der beiden um Welten. Tyrion blieb die Anerkennung seines Vaters bis zum Ende versagt. Statt Zuneigung oder zumindest Respekt erntete er nur Verachtung. Als Resultat begleicht Tyrion Hass mit Hass und tötet Tywin in THE CHILDREN, bevor dieser ihn zuerst tötet. Jorah dagegen hegt noch große Zuneigung zu seinem Vater. Als Tyrion ihm von dessen Tod jenseits der Mauer berichtet, öffnet sich die verschlossene Miene des Bären und seine ansonsten gut kontrollierten Gefühle treten zutage: Trauer, Bedauern über eine verpasste Aussöhnung und vielleicht auch ein wenig Schuld. Ein rührender Moment und eine starke Leistung von Schauspieler Iain Glen. Eine interessante Verschränkung: Der Vatermörder Tyrion berichtet Jorah von der Ermordung dessen Vaters und bekundet dem Trauernden sein aufrichtiges Beileid.

Bowed, Bent, Broken?

NEGATIV_GAME OF THRONES_Unbowed, Unbent, Unbroken_Nymeria Sandt

Kein Rückzug, kein Aufgeben: In Tyene Sand wie auch in ihren Schwestern steckt nicht nur das hitzige Temperament von Oberyn, sondern auch der ungebrochene Kampfgeist der Martells an sich.

Unbowed, Unbent, Unbroken. Der Titel der sechsten Folge ist dem Motto von Haus Martell entnommen. Es ist die Westeros-Übersetzung des berühmten Ausspruchs von Revolutionsführer Emiliano Zapata: „Besser aufrecht sterben, als auf den Knien leben!“ Von den Sieben Königreichen ist Dorne das einzige, welches nie unter fremde Herrschaft geriet. Als die Targaryens vor drei Jahrhunderten über Westeros herfielen, war es ihnen doch nicht möglich, Dorne zu erobern. Die Bewohner der sonnigen Wüstenlandschaften lieferten den Eindringlingen erbitterte Guerilla-Kämpfe. Erst zwei Jahrhunderte später sollte eine Heirat sollte das Dornische Land an die Krone binden und einen Bündnis besiegeln, das auf beidseitigem Respekt gründete. Immer wieder kam es zu Vermählungen zwischen den beiden Häusern, am Ende standen ausgerechnet die Martells den Targaryens während Roberts Rebellion treu zur Seite.

Aufrecht kämpfen, aufrecht sterben. Das dem Motto der Martells entnommene Motiv der unbeugsamen Integrität zog sich als roter Faden durch die gesamte Folge. In den Water Gardens begegnet Jaime, der mit seinem Spitznamen „Kingslayer“ als unaufrichtiger Mann gebrandmarkt ist, nicht nur der überzeugten Rache der Sand Snakes, sondern auch der aufrichtigen Liebe zwischen Myrcella und Trystane. Arya benutzt die Lüge, um das kranke Mädchen von dem Geschenk des Todesgottes zu überzeugen, während in King’s Landing das gewohnte Spiel der höfischen Verstellung und Unaufrichtigkeit durch die fanatischen Sparrows mächtig ins Wanken gerät. Doch ist das Streben nach Ehrlichkeit in der Hauptstadt eine Selbstlüge, würde man jeden falschen Adligen für seine geheimen Laster bestrafen, hätte die Stadt bald keinen einzigen Bewohner mehr. Tyrion und Jorah gewinnen schließlich aneinander an Vertrauen, weil sie einander ihre aufrichtigen Gefühle zu ihren Vätern bekunden.

NEGATIV_GAME OF THRONES_Unbowed, Unbent, Unbroken_Sansa Stark

Die schaurige Atmosphäre der Hochzeit von Sansa und Ramsay vor dem heart tree in Winterfell war ein dunkler Vorbote auf die darauffolgende Hochzeitsnacht.

Beständigkeit, Kämpfergeist, Stärke. Kein Wunder, dass gerade in der südlichen Kultur der Dornishmen Frauen eine gleichgestellte Position innehaben. Denn das Motto der Martells lässt sich auch sehr gut auf die weiblichen Charaktere in GAME OF THRONES übertragen – In der Welt von Westeros sind Frauen die größten Krieger. Sie kämpfen mit den unterschiedlichsten Mitteln. Mit Intrige, List und Lügen, mit Charme, Empathie und Anpassung, mit ihrem Körper oder mit ihrer Körperkraft, mit Worten oder mit Waffen. In der brutalen Welt von Westeros haben sie am meisten Gewalt zu fürchten und müssen sich am stärksten in der von Männern dominierten Welt behaupten. Die Frauenfiguren von GAME OF THRONES zählen zu den ambivalentesten und interessantesten Charakteren. Gleichzeitig führt gerade die Darstellung der Frau in der Serie für die meisten Diskussionen. Eine Essenz dessen findet sich in Sansas Handlungsstrang aus UNBOWED, UNBENT, UNBROKEN.

Seitdem sie Winterfell verlassen hatte, war Sansa der psychischen und physischen Gewalt der Männer ausgesetzt. Ein naives Mädchen, deren Träume vom edlen Prinzen und glücklichen Leben am Hof schnell an der bitteren Realität zerschellte. Ihre Verwandlung in THE MOUNTAIN AND THE VIPER aus der vierten Staffel ließ zum ersten Mal die Hoffnung zu, dass sie sich endlich aus den Fängen der Männer befreien und ihre Unabhängigkeit erlangen wird. Tatsächlich ist die Lady Stark, die in UNBOWED, UNBENT, UNBROKEN an Ramsay Bolton verheiratet wird, eine andere als das junge Mädchen, das einst Prinz Joffrey versprochen wurde. Selbstbewusst behauptet sie sich gegen die Drohungen von Ramsays Geliebten Myranda. Und doch ist sie der Gewalt ihres sadistischen Ehegatten erlegen. Sansas Hochzeitsnacht mit Ramsay am Ende der Folge, in welcher der Bastard ihre Unschuld vor den Augen eines aufgelösten Theons raubt, verstört den Zuschauer und hallt über den Nachspann hinweg noch lange nach.

So etwas war zu erwarten: Ramsay wird seine Grausamkeit nicht verbergen können, Sansa kann nicht auf ewig die unberührte Rose bleiben. Und doch hat die Szene mit voller Wucht eingeschlagen. Fans rund um die Welt reagierten empört, angewidert, aufgebracht. Ein Shitstorm zog über Twitter daher, ähnlich wie schon bei der Vergewaltigungsszene zwischen Jaime und Cersei aus BREAKER OF CHAINS. Die gleichen Vorwürfe werden wieder laut: Warum mussten wir das sehen? Warum muss es so viel frauenverachtende Gewalt geben in der Serie? Nun, es ist der Preis für die allseits gepriesene realistische Darstellung einer mittelalterlichen (Low) Fantasy-Welt. Doch darf man Fiktion nicht mit Realität verwechseln. Indem die Autoren Gewalt und Degradierung von Frauen darstellen, heißt es nicht, dass sie es gutheißen. Vielmehr stellen sie mit aller Drastik einen Missstand dar, um auf ihn aufmerksam zu machen und sich dagegen zu positionieren. Wie weit man dabei in der Drastik gehen kann, ist natürlich ein schmaler Grat. Schließlich ist das Ziel einer solchen Szene, eine Reaktion beim Zuschauer herauszufordern, seine Standhaftigkeit zu prüfen und ihn dazu zu zwingen, Stellung zu beziehen. Und das hat geklappt. Allemal.

Andere Gedanken:

  • Littlefinger hat mal wieder nicht enttäuscht. In King’s Landing angekommen (wahrscheinlich reist er mit demselben Jetpack durch Westeros wie einst Locke in OATHKEEPER), nimmt er ohne mit der Wimper zu zucken seine Machtspielchen wieder auf. Gerade, wo man dachte, seine Pläne zu durschauen, überrascht der Emporkömmling mit einer neuen Finte. Jetzt hat er Cersei dazu gebracht, ihn zum Warden of the North zu ernennen, falls er den Sieger aus der bevorstehenden Schlacht von Winterfell – Stannis oder Roose Bolton – mit seiner Armee aus der Vale schlägt. Hat er Sansa ans Messer geliefert? Spielt er ein doppeltes Spiel? Wieder einmal zeigt sich, dass die einzige Loyalität von Littlefinger bei Littlefinger liegt.
  • Die Routine, seinen Gesprächspartner zu ignorieren und mit latenter Verachtung zu strafen, in dem man ihm nicht zuhört und sich ganz dem Schreiben eines Briefes widmet, war eine Spezialität von Tywin Lannister. Mit dem einfachen, aber effektiven Trick konnte er Tyrion in VALAR DOHAERIS, Cersei in AND NOW HIS WATCH IS ENDED und Olenna Tyrell in THE CLIMB abfertigen. Doch während er an tatsächlichen Briefen arbeitete, durchschaute Olenna in UNBOWED, UNBENT, UNBROKEN Cerseis schlechte Scharade – die Queen Mother hat tatsächlich nichts geschrieben. Ein subtiles Zeichen dafür, wie erfolglos Cersei versucht, ihren mächtigen Vater zu imitieren.
  • Dass Jorah und Tyrion nun versklavt worden sind, ist auf mehrfache Weise ironisch: Erstens kämpft Dany gegen Sklaverei in Essod. Zweitens ist Ser Jorah gerade deswegen aus Westeros verbannt worden, weil er Sklaven verkaufte und drittens hat Danys Eröffnung der fighting pits den beiden die Möglichkeit gegeben, trotzdem nach Meereen zu kommen.
  • Apropos: In Essos führen alle Wege nach Meereen. Langsam wird es zum running gag, dass jeder, der Tyrions Weg in Essos kreuzt, ihn zunächst entführt und dann im Endeffekt genau dorthin bringt, wo er sowieso schon hinwollte. Was kommt als nächstes? Werden die Sklavenhändler von einer Bataillon ehemaliger Sklaven aus einer der befreiten Städte überfallen und dann nach Meereen gebracht, um von der Drachenmutter gerichtet zu werden?
  • Hoffentlich wird die Punchline des derben Liedes The Dornishman’s Wife, die Bronn dem Zuschauer schuldig blieb, noch einmal aufgegriffen.
  • Bronn wurde im Kampf mit den Sand Snakes verwundet. Wenn Oberyns Töchter ihrem Vater wirklich so ähnlich sind, ist zu befürchten, dass diese Klinge vergiftet war…
  • Darf Sansa einfach so ohne Scheidung an Ramsay verheiratet werden? Ist ihre Ehe mit Tyrion nicht noch gültig (auch wenn er sie nicht vollzogen hat)? Manchmal drehen sich die Menschen in GAME OF THRONES die Gesetze und religiösen Vorschriften einfach so hin, wie es ihnen gerade passt. Das zeigt, was für eine säkularisierte Welt Westeros eigentlich ist.

Bildcopyright: HBO

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