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Copyright: Twentieth Century Fox

Copyright: Twentieth Century Fox

Die Emailkonversation führten Christian Cuypers, Felix Schledde und Simon Born

 

Christian hat geschrieben:

Oh Mann, ich glaube ich habe das letze Mal so herzlich über ernstgemeinte Dialoge gelacht, als ich Fluch der Karibik 3 damals im Kino gesehen habe.

Dies ist eine Blume, aber Kritiker können das wegen ihrer ganzen Label nicht sehen.

Ich habe mich kaputt gelacht, aber der Film meint das ja anscheinend toternst. War das ein (unabsichtlicher) Kommentar auf den Postmodernismus? Ce n’est pas une pipe. Was für prätentiöser pseudointellektueller, nein eigentlich antiintellektueller Bullshit.

Holywood ist so dumm und Theater ist dumm und die Zuschauer sind dumm und die Kritiker sind dumm, aber du, der du diesen Film siehst, du bist nicht dumm. Denn dieser Film ist Kunst, KUNST. Die Southpark/GTA Sozialkritik Schule im Sinne von Alle doof außer uns!

Satire mit der Brechstange, Charaktere von der Stange, Dialoge, die aus schauderlichen Klischees bestehen ( haha, mein Vater hat mich nie geschlagen, ich bin auch ein Schauspieler haaha…yeah, sure, never saw that coming) und kein bisschen Herz. Wenn man schon versucht einen Kommentar über Kunst zu verfilmen, dann sollte man vielleicht mehr zu sagen haben als „Oh my Gawd, you guys, everything is so fake [Jaja, die Sucht des 21. Jahrhunderts nach der Authenzität, da sind wir wieder bei den Youtube Stars] Art is more than that. Real Art is REAL.“
Und dann sollte man vielleicht nicht seiner eigenen Kritik zum Opfer fallen. Wenn man schon so einen ‚der kleine Mann/common sense‘ Ansatz wählt (Action Filme sind dumm, Theater tut nut so als wäe es klug, aber WAHRE Kunst ist für jeden gleich erkennbar; Herz statt Kommerz), dann sollte man vielleicht auch daraufhin deuten, dann sollte man dem Film die Liebe für das Medium anmerken. Aber durch das schauderlich schlechte Skript wirkt das ganze wie eine technisch höchstwertig gemachte leere Hülle.
So viel verschenktes Potential, ich fasse es nicht.

PS: Die Toilletten Rollen Szene. Die Menschheit ist noch so jung. Wir sind nicht wichtig im Universum, das ist nur unser Ego. Und dann wischt sich Keaton den Mund damit ab. SYMBOLISM. Und dann weist Emma Stone noch mal – für slow joe in the back row- darauf hin: Du hast dir gerade den Mund mit der Menschheitsgeschichte abgewischt. SEIN EGO, SEIN EGO, SEIN EGO.
Als würde der Drehbuchautor neben dir sitzen und dich die ganze Zeit anpieksen „Guck mal, wie schlau ich bin. Guck mal, wie schlau ich bin. Soll ich dir erklären, warum ich so schlau bin?“ und man hat das Gefühl, man säße neben seinem 16 jährigen Ich, das gerade den Existenzialismus entdeckt hat.

 

Felix hat geschrieben:

Ich finds immer wieder interessant was für krasse Reaktionen dieser Film bei manchen auslöst – nicht nur bei dir, sondern auch bei einigen anderen Leuten, mit denen ich über Birdman gequatscht hab. Das wird dann entweder sehr euphorisch im Sinne von: der hat seine Oscars voll verdient! Oder wirklich häufiger total abgefuckt à la: mega überschätzter Film, der gerne arty farty wäre. Hmm. Wenn ich entscheiden müsste wäre ich wohl eher bei den Leuten die sagen, dass der Film überschätzt wird und scheiße ist. Nur dass ich ihn nicht scheiße fand, sondern eher unterhaltsam. Nettes Plädoyer für den Schulterschluss zwischen Theater und Popkultur. Aber zwölfzig Oscars? Sheeesh, das war übertrieben. Sie hätten Boyhood ein bisschen was abgeben können.

 

Christian hat geschrieben:

Ich würde einfach mal behaupten, als Filmfan WILL man diesen Film mögen. Er sieht verdammt gut aus, die Schauspieler sind toll, die Kulisse ist toll, aus dem Thema kann man so viel herausholen. Ich wollte auch das Ende mögen, Emma Stone verkauft es auch beinahe, aber so ein whimsical Ende passt halt nicht, wenn der ganze Rest des Films so superernst daherkommt.
Wenn sich der Film vielleicht nicht selber so verdammt ernst genommen hätte…
Der Film tritt mit dicksten Eiern an und scheißt erst einmal auf alles und jeden, aber unter der schönen Verpackung steckt dann ja letztlich nichts von Bedeutung. Ich mein, kein Wunder, dass sich Leute verarscht vorkommen…

Und dann diese Szene, in der Birdman dem Zuschauer quasi ins Gesicht kotzt, dass er, der Zuschauer, zu blöde sei, echte Kunst wertzuschätzen und nur stumpfe Unterhaltung wolle. Das ist echt so billig.
Und man sitzt da und denkt sich: Ey, Inarritu, ich schaue mir hier gerade deinen Film an und WILL intellektuell gefordert werden, nur dass so mancher Superheldenfilm Birdman intellektuell wahrscheinlich in die Tasche stecken könnte. Also erzähl mir hier nicht die Mär vom dummen Publikum, sondern liefer lieber mal einen Film, der sich anzuschauen lohnt, der vielleicht auch was zu sagen hat, der eine menschliche Note hat, der das kann, was Actionfilm-Hollywood nicht liefern kann/will.
Aber da kam ja nichts und ich habe mir während dieser Szene wirklich gedacht:
Ja, gib mir mehr Action und mehr von dem mechanischen Riesenvogel, der ist sehr schön designt und außerdem muss ich dann diese schauderlichen Dialoge nicht mehr hören.

Ich habe in dem Film leider kein Plädoyer für den Schulterschluss von Theater und Popkultur finden können. Als solch ein Plädoyer hätte ich den Film wahrscheinlich unendlich viel besser gefunden. So wirkt er einfach nur zynisch und kindisch und lazy. Dass es in Hollywood um Kohle und Vermarktung geht und nicht in erster Linie um Kunst und das Theater auch gerne mal Nabelschau ist, das ist doch keine beißende, riskante Satire, das sind offene Türen, die der Film da einrennt. Der Film beschäftigt sich natürlich auch nicht wirklich mit den tieferliegenden (strukturellen) Problemen/Auswrikungen von Berühmtheit oder von Kommerzialisierung von Kunst oder sonstwas. Und natürlich hinterfragt sich der Film auch kein Stück selbst. Er begnügt sich damit, Fässer aufzumachen und dann lächerlich oberflächlich abzuhandeln + Michael Ketaon war Batman. Get it? *zwinker, zwinker*

Ich glaube, die, die sich über den Film aufregen, fühlen sich enttäuscht. Aber ich würde behaupten, sie sind nicht mit der falschen Erwartungshaltung an den Film hernagetreten, sondern der Film baut Erwartungen auf, die er nicht einhält. Der Film ist einfach eine (schön anzusehende) Mogelpackung und es würde mich sehr wundern, wenn der Film mit etwas zeitlichem Abstand nicht doch sehr viel kritischer betrachtet würde, als zur Zeit der Fall ist.

 

Simon hat geschrieben:

Der sogenannte „Crash“-Effekt: Holy fuck, den Film fanden wir so toll und haben ihm einen Arsch voll Oscars gegeben? DIESEM Film?

Hmm, also mich hat der Film nicht so angepisst, muss ich sagen. Er hatte für mich alle Zutaten, ihn zu mögen: Unglaubliche Kameraarbeit mit komplizierten Plansequenzen, magischer Realismus, Michael Keaton, Emma Stone, Edward Norton. Würde ich den Film auf seine Story, seine Motive und die Haltung, mit der er sie dem Zuschauer präsentiert, konzentrieren, würde ich vielleicht wie beim Schälen der Zwiebel auf ähnliche Ergebnisse kommen: Schichten über Schichten, aber kein substantieller Kern. Das ist für mich aber auch eine Definition der Postmoderne. Das ein Film klüger tut, als er eigentlich ist, kennt man schon von „Inception“. Dass er aber mit der Haltung auftritt, intelektuell zu sein, herausfordernd, reines Kunstkino – und es vielleicht nicht ist, ist natürlich ein größeres Verbrechen (und der Grund, warum Hollywood bei den Oscars einmal mehr sich selber feiert, indem sie den Film so prämieren. War doch bei „The Artist“ genauso). Deshalb habe ich „Birdman“ um seines eigenen Wohles und dem meinen Willen nicht als Arthouse-Film rezepiert, sondern als etwas schrägeres Popcornkino. Da wurden meine Gefühle nicht verletzt, ich hatte meinen Spaß, und die Kameraarbeit geht mir immer noch nicht aus dem Kopf.

Boyhood hätte zumindest die „Beste Regie“ gewinen sollen. Linklaters Leistung schätze ich höher als die von Inarritu, so hoch, dass ich zu faul bin, dieses komische n mit der Schlange drüber herauszukramen und Inarritus Namen akzentfrei schreibe.

 

Christian hat geschrieben:

Ich frage mich, ob ich eine ähnliche Einstellung zum Film hätte, wenn ich ihn im Kino gesehen hätte. Die technische Virtuosität wirkt auf der Kinoleinenwand bestimmt noch mal viel speltakulärer.
Allerdings waren es vor allem die Dialoge, die mich immer wieder aus dem Geschehen gerissen haben. Emma Stone und Edward Norton auf dem Dach z.B. Man will diese Szenen so gerne mögen, aber ständig erzählen die Charaktere sich gegenseitig, wie sie sich fühlen, was sie als Menschen definiert etc.
Ja, du bist nur auf der Bühne ‚echt‘, bla bla. Method Actor, we get it. Das ist seit der ersten Szene klar, in der du auftauchst, spätestens als du betrunken auf der Bühne gschauspielert hast, wir wissen Bescheid. Warum erzählst du uns das alles noch mal?
Oder Keaton’s Story mit George Clooney im Flugzeug. Soll das clever sein? Wir haben’s gecheckt. Birdman hat Angst davor, dass sich niemand an ihn erinnert. Film, hör auf mich mit dem Zaunpfahl zu schlagen. Und man hat ständig das Gefühl, das habe man doch schon mal in einem Film gesehen. Lass uns Wahrheit oder Pflicht spielen…sowas sagen doch nur Filmcharaktere. Es ist als wolle der Film eine deepe Aussage über das Leben machen, anhand von Charakteren, die als Figuren in Filmen auftauchen, weil sie überzeichnete Stereotype real existierender Personengruppen sind. Und falls nicht ganz klar ist, was ich mit diesem Matryoshka Vergleich meine – Die Charaktere und Dialoge in Birdman haben mich teilweise an diesen (schrecklichen) Song von Casper erinnert:

Hulk fasst es in einem Tweet besser zusammen, als ich in den letzten 57 Mails:

Ich frage mich, ob das Drehbuch so oft gegen die Show Don’t tell Regel verstößt, weil der Fim am Theater spielt, der Dialog an Theatersszenen erinnern soll. ISt nicht meine Interpretation, aber fand ich eine interessante Interpretation. Würde ich als Entschuldigung allerdings nicht gelten lassen…

Ich mag Magical Realism, das Voice Over fand ich teilweise hart an der Grenze, aber das Ende, obwohl eine schöne Idee, habe ich dem Film einfach nicht abgekauft. Es passte einfach nicht zum Ton des restlichen Filmes. Ich könnte mir vorstellen, dass irgendwo eine Drehbuch Fassung existiert, in der so ein magical whimsical Ende Sinn ergibt, weil der ganze Film etwas leichter und weniger bierernst ist. Aber da der Film nach Szene in der Keaton durch die Stadt geflogen ist, sehr deutlich macht, dass er eigentlich Taxi gefahren ist, wirkte das Ende auf mich einfach…unpassend?!
Ich würde den Fim auch nicht als ‚postmodern‘ bezeichnen. Da fehlt mir einfach die ironische Brechung. Birdman dekonstruiert auch nicht, der Film will einfach viel sein, was er nicht ist. Diese grandiose Kritik am Status Quo von Hollywood & Broadway, eine Reflexion der Auswirkung von moderner Technik und sozialen Netzwerken und ein tiefgründiges psychologisches Charakterprofil eines washed up Schauspielers.
Ich denke man kann viel über postmoderne Kunst sagen, aber dass sie sich zu ernst nimmt oder eine tiefe Aussage machen will, gehört nicht dazu. Und ich glaube, dass ist das Hauptproblem von Birdman. Kickass oder vor allem Super, das sind Filme, die irgendwie postmodern mit dem Superheldengenre spielen. Birdman will viel und kann nichts 😛