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Die Facebook-Seite „Decaying Hollywood Mansions“ verwies auf einen Artikel der L.A. Times, in dem es um einen widerlichen Gestank ging, der seit einigen Tagen über Kalifornien hinwegweht. Dieser faulige Geruch hat wohl seinen Ursprung im Salton Sea, an dessen östlichem Ufer die Siedlung Bombay Beach gelegen ist. Unter dem Artikel fand sich in einem Kommentar die Erkenntnis: „California stinks more and more every day“. „Decaying Hollywood Mansions“ postet für gewöhnlich – ganz dem schön-wehmütigen Namen entsprechend – Fotos und Videos aus der guten alten Goldenen Ära Hollywoods. Vermutlich war der Artikel über den Gestank nun einfach nur dazwischen, weil die Person, die die Seite betreibt, in Kalifornien lebt und selbst darunter leidet. Vielleicht aber liest ihr nostalgischer Geist den Text und die Leserreaktionen auch als Bestätigung für das, was sie selbst fühlt: Kalifornien und sein Herz Hollywood fällt endgültig dem Untergang anheim. Und zwar, weil immer mehr von dem, was antithetisch zu dem Image Hollywood steht, über dieses hereinschwappt. Ein solches Gegenteil zu Hollywood findet sich in Kalifornien selbst, an eben jenem Salton Sea. Und dieser scheint mit seinem Dreck, seiner Fäulnis, seiner Verwahrlosung und seinem Verfall, der in den unerträglichen Geruch mündet, ganz Kalifornien zu überspülen.

Der Salton Sea selbst war zu der Zeit, als Hollywood seine Glanzzeit erlebte, ebenfalls ein Ort der Traumerfüllung, des modernen Lebens und des Luxus. Durch einen Unfall war er einst entstanden, als 1905 am Colorado River ein Damm brach und Wasser ins Land floss. Später war der salzige See dann beliebtes Ausflugsziel, Stars logierten in Ferienhäusern. Aus dem Unfall wurde ein Wunder – so stellt es auch der Werbefilm aus den Fünfzigern dar, der BOMBAY BEACH einleitet. Bevor noch das „The End“ gänzlich auf der Leinwand erscheinen kann, schneidet Regisseurin Alma Har’el hart in die Gegenwart über – Überreste salzigen Wassers in der staubigen Wüste, davor ein Schild, das vor der Gegend warnt. Vom Wunder ist nichts geblieben. Das ist das Schicksal, das einige für Hollywood befürchten.

BOMBAY BEACH nun schert sich wenig um Hollywood, den Rest Amerikas oder gar den Rest der Welt. Der Dokumentarfilm legt seinen Fokus ganz auf diese Gegend und ihre Bewohner; entfernen sich die Menschen davon, wird immer eingeblendet wie viele Meilen sie von diesem Zentrum weg sind. Eine Trennung zwischen Bewohnern und Landschaft, zwischen Belebtem und Unbelebtem ist nicht möglich. So wie der Film die Menschen nicht isoliert von ihrer Umgebung einfangen kann, so zeigt er die ungewöhnliche weite, karge Landschaft nie ohne Menschen darin oder ohne zumindest ihre Anwesenheit zu implizieren. Diese Einheit bedeutet auch, dass weder über die Menschen noch über das Land eine Aussage zu machen ist, ohne das jeweils andere zu beachten. Und hier mache ich schon einen Fehler, weil ich Menschen und Landschaft einander gegenüberstelle. BOMBAY BEACH zeigt nicht Verschiedenheiten. Und das deshalb, weil nicht versucht wird, die Welt in einem einfachen Schema zu fassen, das von klar abgegrenzten Kategorien definiert wird. Unfall und Wunder sind nicht einfach erstaunlicherweise vereinigte Gegensätze, sie sind vielmehr Elemente einer vielschichtigen Wirklichkeit.

Ambivalenz, Offenheit und Unerklärlichkeit gehen mit diesem Zugang zu einer vorfilmischen Welt einher und so prägen sie die Einblicke, die Har’el den Zuschauern in das Leben dreier Menschen gewährt. Der alte Zigarettenschmuggler Red, der vor Gangs in die Einöde geflüchtete CeeJay und der hyperaktive Junge Benny gehören zu den wenigen Menschen, die noch am Ufer des Salton Seas heimisch sind. Leicht ließen sich wohl die meisten Bewohner Bombay Beachs in Gruppen wie White Trash, Penner, Hippies, Junkies, Geisteskranke einordnen. Doch Har’el stellt weder Elend aus, noch romantisiert sie die Lebensläufe. Sie verlässt sich darauf, die Menschen sprechen zu lassen, und ihre Umgebung einzufangen. Das ist leicht hingesagt, doch der Mut, eine filmische Welt voller Widersprüchlichkeit und Uneindeutigkeit stehen zu lassen, macht einen großen Filmemacher aus.

Har’el versucht dabei keinesfalls ihren Einfluss auf das Gezeigte zu verheimlichen. Im Gegenteil weist sie in eindeutig inszenierten Tanzszenen, in denen die Menschen zu sehen sind, auf diesen hin. Einerseits verwendet sie hier den Tanz und die Musik von Beirut und Bob Dylan, um auf die Sphären aufmerksam zu machen, die Interview- oder Alltagsszenen nicht von einem Leben auszudrücken vermögen. Die getanzten Figuren sind einfach und greifen auf universell verständliche Ausdrucksformen zurück, gleichzeitig offenbaren sie innerste Gefühle und enthalten einen Hinweis auf die dahinter steckende Fülle an Emotionen, Ideen und Geschichten. Auf der anderen Seite lässt sie Dokumentation und Inszenierung verwoben nebeneinander stehen und erweitert so den enthaltenen Diskurs um die Vielschichtigkeit auf den Film selbst.

Ein Gefühl stellt sich beim Schauen von BOMBAY BEACH allerdings doch ziemlich eindeutig ein. Es ist die Melancholie, die auch hier am Anfang meines Textes stand. Der Soundtrack, das oftmals goldene Licht, viele Aussagen der Menschen – und natürlich der Schauplatz an sich mit seiner Geschichte im Hintergrund – verbreiten diese Stimmung. Doch auch hier beschreitet der Film keineswegs leichtfertig einen eingefahrenen Weg und das liegt vor allem an dem großartigen Filmende. Benny träumt davon, einmal Feuerwehrmann zu werden. Am Ende darf er in Uniform und mit aufgeklebtem Schnurrbart einen Feuerwehrmann spielen und mit einem großen Löschzug durch das Abendlicht brausen. Dem vorangestellt war ein Kommentar des alten Reds, der sagte, dass manche Kinder – egal wie sehr sich eine Gemeinschaft auch bemüht – zwangsläufig auf die schiefe Bahn gelangen. Zeigt das Filmende einen Lebenstraum, der nie Erfüllung finden wird? Oder will er Hoffnung machen, dass es der verhaltensauffällige Benny doch schaffen kann? Eine Antwort wird es natürlich nicht geben und doch ist hier eines ganz klar: Der Film ermöglicht dem Kind die Erfüllung seines Wunsches. Har’el und mit ihr die Zuschauer haben den gesamten Film aufmerksam zugehört und so zeigt die Regisseurin am Ende auch unseren Traum.

BOMBAY BEACH wirft also keinen wehmütigen Blick auf das Leben, das er zeigt, sondern einen lebensbejahenden. Kein Anti-Hollywood findet Har’el in der verlassenen Gegend Kaliforniens, sondern die Vielfältigkeit des Lebens. Die Einsicht, dass sie es ist, woraus sich das Medium Film speist und seine Kraft zum Träumeerfüllen zieht, und der Mut, sie einzufangen, könnten mit einem leichten Wind öfter nach Hollywood hinüberwehen.

 

Bild-Copyright: Rapid Eyes

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