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Vielleicht sind Wes Anderson und Guy Maddin keine Filmemacher, bei denen man auf den ersten Blick an große Gemeinsamkeiten denken würde. Andersons Filme sind nostalgisch-skurrile Märchen, die zwar nur an der Oberfläche wie Kinderfilme wirken, aber doch immer leichtfüßig und unterhaltsam daherkommen. Dahingegen entfalten Maddins meist schwarz-weiße Part-Talkies, die besonders auch zur persönlichen Vergangenheitsbewältigung des Regisseurs herhalten, eher albtraumartige Szenarien. Und trotzdem findet man bei den beiden extrem eigenständigen Regisseuren in mancher Hinsicht mehr Ähnlichkeiten als womöglich mit den meisten anderen Filmemachern der Gegenwart und Vergangenheit. Für die Werke beider Männer ist nämlich ein Merkmal fundamental: Es handelt sich dabei um eine schwer zu fassende Gleichzeitigkeit von einem Ausstellen der Absurdität der Figuren und Gegenstände, die meist einer abgeschlossenen, oftmals vergangenen oder fantastischen Welt angehören, und von einer ernsthaften Sehnsucht nach gerade dem Zustand, der Welt, wo sich Figuren und Gegenstände befinden und ihren Wert behaupten. In diesem Zusammenhang spielt bei beiden die Weltsicht von Kindern eine große Rolle.

Gerade Wes Andersons jüngster Film Moonrise Kingdom, der jüngst als Eröffnungsfilm in Cannes antrat, macht aufgrund seiner offensichtlichen autobiografischen Züge noch einmal einen großen Schritt in Richtung Maddin, der sich vor allem mit der eigenen Kindheit auseinandersetzt. Anderson und Maddin jedoch begeben sich in ihren Filmen meistens in eine Zeit zurück, die sie selbst nicht oder wenn dann nur sehr unbewusst wahrgenommen haben können. Das heißt bei beiden richtet sich der Blick auf die Zeit, in der die eigenen Eltern jung waren. Die Phantasie ist bestimmt von der Vorstellung einer Welt, in der alles simpler war, in der die Familie Familie war, die Liebe Liebe war, die Wahrheit Wahrheit war. Dass Zweifel an dem Objekt der Sehnsucht dabei aber grundsätzlich eingeschlossen sind, macht deutlich, dass es eben mehr um den Wunsch geht, um die pure Hoffnung. Beide Filmemacher wenden sich in derselben nostalgisch-ironischen Weise auch ihrem Medium zu. Maddin schöpft aus den vergessenen Techniken des Stummfilms, während Anderson sich als Anhänger der Aufbruchszeit im Kino der 60er und 70er präsentiert, wo auch so vieles möglich schien.

Moonrise Kingdom spielt 1965, vier Jahr vor Andersons Geburt, im Jahr des Beginns des Vietnamkriegs. Anderson betreibt weniger wie Maddin die Etablierung eines Mythos konkret um sich und sein direktes Umfeld. Bei ihm geht es auch um sein Land, seine Kultur – im besonderen Maße die Popkultur. Die Jungs tragen Waschbärmützen, die Mädchen übertrieben blauen Lidschatten, die präpubertierenden Pärchen tanzen zu Francoise Hardy – und das alles ironiefrei. Der ironische Blick ergibt sich nur dadurch, dass wir heute – in unserer Zeit und in unserem Alter – diese Dinge nicht mehr ohne Ironie sehen können. Mit der sturen Ernsthaftigkeit seiner Figuren führt Anderson uns aber seine eigene und die unsrige Sehnsucht nach einer solchen Welt vor Augen.

Lest hier unsere Kritik zu Moonrise Kingdom von Rüdiger Suchsland aus Cannes.

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