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1Jesse, I need you to believe this – Walt

6 Stunden, nicht mehr. 6 Stunden haben Vince Gilligan und seine Autoren, um eine der besten Fernsehserien der letzten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, zu einem würdigen Abschluss zu bringen. Und wie „Blood Money“ zeigt, gehen sie dabei keine Kompromisse ein. Denn gleich in der ersten Episode der zweiten Staffelhälfte suchen sie die direkte Konfrontation zwischen Hank und Walt, statt diese noch mehrere Folgen hinauszuzögern. Sieht man sich jedoch das Cold Open an, scheint der Kampf zwischen Hank und Walt nicht mehr als ein Nebenkriegsschauplatz zu sein.

Hello, Carol!

Der Pool der Familie White hatte für die Serie schon immer eine besondere Bedeutung. In den ersten Staffeln war er Zeichen für das Chaos, das über die Familie hereingebrochen ist: Er war Auffangbecken für Flugzeugteile, Feuerlöscher für Walts Blutgeld und Spuckeimer für Walt Jr. Sein bedrohlich blaues Funkeln tauchte in der letzten Staffel das Haus der Whites in ein düsteres Licht und fungierte als ständiges Mahnmal für das Leben, für das Walt sich entschieden hat. In „Blood Money“ ist der Pool leer, Skater haben ihn zur Half-Pipe umgebaut. Das White’sche Haus ist verlassen. Wie ein Tumor sticht es aus dem geordneten Vorstadtbezirk hervor. Walt betritt das Haus am gleichen Tag, an dem er das Diner in „Live Free or Die“ verlässt, es ist sein 52. Geburtstag. Zum dritten Mal in der Serie öffnet er die Haustür an seinem Geburtstag, nur dass er dieses Mal keine Überraschungsparty erwartet. Der Niedergang von Walt lässt sich kaum besser in Bildern festhalten als durch den direkten Vergleich dieser drei Szenen. In der Pilotfolge ist er überrascht und verschreckt, dass so viele Menschen an seinen Geburtstag gedacht haben. In „Fifty-One„, der vierten Folge der fünften Staffel, ist es nur Walt Jr., der ihn noch uneingeschränkt liebt und auf ihn wartet. Knapp ein Jahr später erwartet ihn niemand mehr. Stattdessen ist in großen gelben Lettern an der Wand „HEISENBERG“ zu lesen. Anscheinend ist er nun kein Unbekannter mehr, die Öffentlichkeit weiß endlich, wer Heisenberg wirklich ist. Vermutlich lautet das Motto der zweiten Staffelhälfte nicht umsonst „Remember my name“. Auch Carol, seine Nachbarin, weiß um die Gefährlichkeit Walts und lässt nach Walts Gruß ihre Einkaufstüte fallen, aus der Orangen rollen. Und spätestens seit „Der Pate“ sind Orangen immer Zeichen für den bevorstehenden Tod einer Figur.

Perks of being the boss, huh?

Während Hank erst langsam das gesamte Ausmaß seiner Entdeckung realisiert, versuchen Walt und Skyler ihr neues Leben in möglichst gerade Bahnen zu führen. Beide arbeiten in der Autowaschanlage und diskutieren über die perfekte Position für Pinien-Duftbäumchen an der Kasse. Doch auch hier lassen sich erste Anzeichen erkennen, dass Walt immer noch nicht ganz aus dem „Empire Business“ („Buyout„) ausgestiegen ist. Er schlägt Skyler vor, noch eine Filiale zu eröffnen, um noch mehr Geld und Autos waschen zu können. Skyler, die sich bereits in der vierten Staffel als fähige Komplizin erwiesen hat, lehnt diesen Vorschlag nicht rundheraus ab – auch in ihr wächst die Gier nach Mehr.

Als Lydia die Waschanlage betritt, wird deutlich, wie ähnlich Walt Gus Fring geworden ist. In der dritten und vierten Staffel war es Walt, der hysterisch die Los-Pollos-Hermanos-Filiale betreten hat. Gus hat ihn in diesen Situationen immer höflich aber bestimmt zurecht gewiesen. Genau dasselbe tut Walt in „Blood Money“ nun mit Lydia. Todd, der das Walts Geschäft übernommen hat, kann nicht die gewünschte Qualität liefern. Statt 99 % Reinheitsgrad erhält Lydia momentan nur 68 %, Tendenz fallend. Sie bittet Walt, Todd noch ein letztes Mal zur Seite zu stehen, da sie sich um ihr Leben fürchtet. Zu viele Beteiligte erwarten eine gleichbleibende Qualität und schrecken nicht davor zurück, diese auch mit Gewalt einzufordern. Walt sowie Skyler weisen Lydia ab. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass diese zurückkommen wird. Schließlich ist sie auch diejenige, die einen Auftragsmörder auf Mike angesetzt hat. Es kann durchaus sein, dass Mike, der Walt schon lange gewarnt hat, Lydia nicht zu vertrauen, doch noch Recht behalten wird.

I am a dying man who runs a car wash

2Nicht nur diese Szene in der Autowaschanlage erinnert an die dritte Staffel der Serie. Auch damals hatte Walt die Gelegenheit, ein für alle Mal auszusteigen, ließ sich jedoch schnell wieder von Gus überzeugen. Die Konsequenzen dieses Pakts mit dem Teufel muss er heute noch tragen. Walt gibt sich ganz seinem neuen Leben hin und versucht mit aller Kraft möglichst gewöhnlich zu sein. Dies zeigt sich unter anderem durch seine Kleidung. Trug Heisenberg in der letzten Staffel meist nur schwarz, ist Walt nun wieder zurück zu Beigetönen. Doch die Rückkehr zum alten Leben ist nur Fassade.

Die Unmöglichkeit, ein richtiges Leben im falschen zu führen, ist zentral für „Blood Money“. Im Innersten weiß Walt, dass er eine Lüge lebt. Deswegen bittet er Jesse inständig, dass er ihm glauben muss. Selbstsüchtig wie er ist, geht es ihm dabei nicht um Jesse, sondern nur um ihn selbst. Der Mitwisser Jesse, der die Fassade natürlich durchschaut, soll beziehungsweise muss ihm bestätigen, dass diese noch keine Risse hat. Breaking Bad präsentiert hier zwei Möglichkeiten aus dem Drogengeschäft auszusteigen: Ignoranz und Selbstreflexion. Während Walt und Skyler versuchen, dort weiterzumachen, wo sie aufgehört haben, ist dies für Jesse nicht möglich. Er ist die einzig moralisch integere Figur der Serie. Er muss sich selbst seinen Taten stellen und einen Weg finden, mit diesen umzugehen. Zeichen für Walts innere Verfaultheit ist der Krebs, der wieder zurückgekehrt ist. Wie seine Vergangenheit versteckt er diesen vor seiner Familie. Jedoch brechen ungelöste Konflikte nur um so heftiger hervor, wenn sie verdrängt werden. Drohen sie zu eskalieren, muss dann ein letztes Mittel her. Wie zum Beispiel ein M60-Sturmgewehr.

Auch in der Szene, in der Walt auf der Toilette erbricht, zeigt sich seine zunehmende Ähnlichkeit zu Gus. Denn dieser hat ebenfalls ein Handtuch unter seine Knie gelegt, um zu erbrechen.

Waiting for the cancer to come back

Es wird spannend zu beobachten sein, wie Skyler mit Nachricht, dass ihr Mann schon wieder an Lungenkrebs erkrankt ist, umgehen wird. Wünschte sie ihm vor wenigen Monaten („Fifty-One„) noch den Tod, scheint sie sich nun wieder an ein Leben mit ihm gewöhnt zu haben. Die Diagnose bringt sie jedoch abermals in eine Position, in der sie keinerlei Handlungsspielraum hat – genau wie Hank.

Dass die Konfrontation zwischen Hank und Walt schon in dieser Episode stattfindet, mag zwar etwas überraschend sein, ist allerdings angesichts nur 7 weiterer Episoden auch verständlich. Es ist ein Moment, auf den Zuschauer schon seit der ersten Folge gewartet haben – und sie wurden kaum enttäuscht. Dean Norris transportiert mit einem Blick mehr als tausend Worte sagen könnten, Hank ist gleichzeitig gekränkt, sauer und zutiefst verwirrt. Die Szene ist eine der intensivsten, mit der die Serie bislang aufwarten konnte. Und wie bei Gus Fring wird die Genugtuung, Heisenberg geschnappt zu haben, ausbleiben. Nicht nur hat Walt nur noch circa 6 Monate zu leben und wird daher nie ein Gefängnis von innen sehen. Auch Hanks Job steht auf dem Spiel, musste doch sein ehemaliger Boss wegen zu enger Verbindungen zu Gus Fring seinen Hut nehmen. Walt gibt Hank nur einen Rat:

If that’s true. If you don’t know who I am. Then, maybe your best course would be to tread lightly.

In diesem Moment bröckelt die Walter-White-Fassade. Bryan Cranston macht durch sein Spiel deutlich, dass hier zwar Walter White spricht, im Inneren aber Heisenberg regiert. Die nächsten Episoden werden zeigen, wie Hank mit seinem Wissen umgeht. Einen weiteren Hinweis könnte man auch an dieser  Stelle bei Coppolas Paten suchen:

Kleinigkeiten:

  • Die Szene zwischen Huell und Jesse enthält einen Verweis auf die Vergiftung Brocks. Schließlich hat Huell Jesse die Zigarette entwendet.
  • Auch wenn es ab hier immer düsterer wird, ist es schön zu sehen, dass Breaking Bad sich auch weiterhin für Comic Reliefs Zeit lässt. Die Star-Trek-Episode klingt vielversprechend, wenn doch nur Badger sie endlich einmal niederschreiben würde.
  • Zurzeit kursiert eine interessante Theorie bezüglich Walt. Ihr könnt diese hier lesen
  • Der Song, der in Hanks Garage gespielt wird, ist „Wordmule“ von Jim White:

Bilder: AMC

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