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Billions, with a ‚B‘. – Walt

Hannibal Lecter hat eine, Charles Foster Kane hat eine, erst recht jeder Charakter aus Lost und nun auch Walter White: eine Backstorywound. Das von Michaela Krützen in „Dramaturgie des Films: Wie Hollywood erzählt“ entwickelte dramaturgische und erzähltheoretische Konzept lässt sich heute in vielen Serien und Filmen nachweisen. Die Backstory ist dabei ein produktionstechnischer Begriff und umfasst die Vorgeschichte der Figur, bevor die eigentliche Filmhandlung beginnt. Die Backstorywound ist ein vergangenes Trauma der Figur, das ihre Handlungen erklärbar macht und ihre Motivation verdeutlicht. Wird im Film eine Backstorywound aufgedeckt, handelt es sich hierbei immer um eine Schlüsselszene, die den Rest des Gesehenen erst wirklich begreifbar und oft auch psychologisch plausibler macht.
Seit „Buyout“ besitzt nun auch Walter White eine Backstorywound. Besser gesagt: Seit heute weiß der Zuschauer, was in Walts Leben schiefgelaufen ist, wieso er es als hochbegabter Chemiker nur zum Chemielehrer der örtlichen High-School gebracht hat.

Ein Zerwürfnis mit seinen früheren Geschäftspartnern Elliott und Gretchen wurde schon in der ersten und der zweiten Staffel angedeutet, in der heutigen Episode allerdings noch weiter ausgeführt, eins der letzten Puzzleteile zu Walts Psyche wie auf dem Silbertablett präsentiert:

„I took a buyout for 5000 Dollars. Now at the time, that was a lot of money for money. […] 2.16 billion as of last friday, I look it up every week. And I sold my share, my potential for 5000 Dollars.“

Interessant an diesem Puzzleteil ist, dass es die Grundprämisse der Serie, nämlich dass jeder für die Konsequenzen seines eigenen Handelns selbst verantwortlich ist, noch weiter ausgestaltet. Walt hat die Firma freiwillig verlassen und hat bis zu seinem fünfzigsten Geburtstag mit den Folgen dieser Entscheidung gelebt, so wie er jetzt mit den Folgen seiner Entscheidung leben muss, Meth zu kochen.
Geld ist für Walt nur noch ein Schnellindikator für Erfolg und Misserfolg. Während für Jesse große Geldbeträge irgendwann ihren Wert verlieren, weil der Bezug zur Alltagswirklichkeit verschwindet, betrachtet Walt als Naturwissenschaftler Geldbeträge als absolute Beträge. Auch wenn er bei seinem derzeitigen Lebensstil nie den Unterschied zwischen 5 Millionen und 300 Millionen Dollar spüren würde, will er sich dennoch nicht mit weniger zufrieden geben, sondern das Maximum herausholen. So lässt sich rückblickend auch erklären, warum Walt in der letzten Episode darauf beharrt hat, 1000 Gallonen zu stehlen und nicht schon bei 950 Todd und Jesse zum Rückzug beordert hat.

Heisenberg Enterprises

Ebenfalls in der Rückschau erscheint ein Zitat aus „Corneredw“ (Staffel 4, Episode 6) in ganz neuem Licht. In der berühmt gewordenen „I am the one who knocks“-Szene sagt Walt folgendes:

„Do you know what would happen, if I suddenly decided to stop going into work? A business big enough that it could be listed on the NASDAQ goes belly up. Disappears. It ceases to exist without me.“

Nachdem der Zuschauer schon seit einiger Zeit weiß, dass es Walt längst nicht mehr um das Geldverdienen geht, scheint diese Erkenntnis nun auch Jesse zu dämmern. Anders als er ist Walt im „empire business“. Die nächste Folge trägt den Titel „Say my name“, in der Walt sich vermutlich seinen Konkurrenten als neuer Kingpin präsentieren wird, als Macht, mit der man rechnen muss. Je mehr ihm die Anerkennung und der Respekt in seinen eigenen vier Wänden abhanden kommt, umso mehr versucht er sich diesen im Geschäftlichen zu erkämpfen. Auch wenn er dafür Opfer bringen muss, wie das kurze MacGyver-eske Entfesselungskunststück bewiesen hat.

Ob Vince Gilligan und sein Team mit der Enthüllung der Backstorywound sich selbst einen Gefallen getan haben, ist schwer zu beurteilen. Gerade der Umstand, dass nie genau klar war, was Walt in seiner Vergangenheit passiert ist, kann einen großen Reiz ausmachen. Die Verschleierung seiner ganzen Geschichte erweckt den Anschein, als könne Ähnliches jedem von uns passieren. Jeder kann Unglücke nur über eine bestimmte Zeit ertragen und zerbricht entweder daran oder geht gestärkt daraus hervor. Die Backstorywound setzt nicht an den Gemeinsamheiten an, die Menschen vereinen, sondern an den individuellen Problemen jedes einzelnen. Darüber hinaus liefert sie schlimmstenfalls gleich eine passende psychologische Interpretation mit, die andere Interpretationen verhindert. Allerdings kann es sehr gut sein, dass Walt inzwischen so böse und irrational erscheint, dass die Einführung der Backstory eine neue Ebene des Verstehens ermöglicht und seine Taten in neuem Licht erscheinen lässt.

„Like yo whatever happened to truth in advertising?“

Schon in meinem Text zu „Fifty-One“ bin ich kurz auf das veränderte Ambiente im Haus der Whites eingegangen. In „Buyout“ wird nach der Poolparty wieder eine Standardsituation der Whites aufgegriffen, nämlich das gemeinsame Essen. Die Einladung Jesses ist ein weiteres Kapitel im erbitterten Rosenkrieg der Whites, ein weiteres Kräftemessen. Bemerkenswert ist, wie die Parallele zu den Mahlzeiten mit Walt Jr. auch auf der Bildebene präsent ist. Junior isst meist nur Frühstück, das Wohnzimmer ist hell ausgeleuchtet und er sitzt links neben Walt. Jesse als Walts rechte Hand sitzt hingegen rechts von ihm, statt Frühstück gibt es Abendessen mit viel Alkohol und das Zimmer ist nur spärlich ausgeleuchtet. Jesse wird allein über die Bildebene als Zweit-Sohn Walts etabliert. Nicht Walt Jr., sondern Heisenberg Jr.

Skyler scheint sich nach ihrem Nervenzusammenbruch immer weiter zu fassen. Nachdem sie Walt an seinem Geburtstag gestehen musste, dass sie keinen Plan hat, außer die Situation einfach auszusitzen, kehrt sie dieses Aussitzen nun offensiv nach außen. In einer der lustigsten Szenen der bisherigen Staffeln, versucht sie erst gar nicht die Fassade der heilen Familie aufrecht zu erhalten und geht nicht auf die kläglichen (und gerade deshalb großartigen) Stand-Up-Witze Jesses ein. Skyler, die in der dritten und vierten Staffel immer wieder ähnlich gute Problemlösungsqualitäten wie Walt an den Tag gelegt hat, könnte für ihn noch zur größten Bedrohung seines „Imperiums“ werden.

Exit Strategy

Es ist beinahe ein wenig unglaubwürdig, wie schnell über den Tod des Jungen hinweggekommen ist, ist er doch beim letzten Mal über einen ähnlichen Fall in eine depressive Verstimmung gefallen. Immerhin hat er relativ schnell seine Konsequenzen aus dem Vorfall gezogen, erst recht, als er spürte, wie wenig Walt sich um das Schicksal des Jungen scherte. Inzwischen werden von Walt und Jesse zwei vollkommen unterschiedliche Prinzipien verkörpert. Für Walt zählt die Frage „Was kann ich tun?“, die Konsequenzen sind ihm egal, für Jesse zählt jedoch die alte kantische Frage „Was soll ich tun?“. Gerade zu diesem Zeitpunkt der Handlung, an dem auch Jesse ohne Probleme Walts Formel kochen kann und die Folgen immer drastischer werden, gewinnt für jede Figur die eigene zentrale Frage immer mehr an Bedeutung. Und erst nach dem langen Gespräch mit Walt scheint es Jesse zu dämmern, dass sich der Partner gar nicht für die moralischen Konsequenzen zu interessieren scheint. Und dabei ein fröhliches Lied pfeift.

Kleinigkeiten:
– Ich bin nicht sicher, welches Lied Walt pfeift, hatte aber am Anfang den Verdacht, dass es das hier ist. Habt ihr andere Lieder rausgehört?

  • Nach Emo McGee hatten wir in dieser Woche Ricky Hitler. Nur noch einer, dann könnten sie beinahe eine Band gründen.
  • Es war großartig zu sehen, wie schnell Skyler im Gespräch mit Marie von am Boden zerstört zu rasend vor Wut umgeschaltet hat.

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