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„What have I done?“ fragt Colonel Nicholson (Alec Guiness) am Ende von Die Brücke am Kwai, als er einsieht, dass er aus Stolz die völlig falschen Entscheidungen getroffen hat. Er zieht die Konsequenzen und zerstört, tödlich verwundet, die Brücke. Die Brücke am Kwai entlässt den Zuschauer mit den berühmt gewordenen Schlussworten „Madness, madness“ und nichts anderes bleibt zu der heutigen Episode Breaking Bad zu sagen.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass Hector Salamanca sich in dieser Episode ausgerechnet jene Szene des Films ansieht. Sie bereitet den Boden für das Ende, wenn Walts und Skylers Kartenhaus endgültig zusammenbricht. Nur der Keller scheint noch Schutz zu bieten. Denn obwohl man es zu Beginn noch nicht ahnt, ist das Ehepaar White das klare Zentrum dieser Episode. Die vierte Staffel hat diesen Moment des Zerfalls deutlich voraus geplant, genau genommen schon in der letzten Folge der dritten Staffel, in der Skyler Walt darum bittet eine Autowaschanlage für die Geldwäsche zu kaufen. Doch bis zu der heutigen Episode gab es keine Aussprache zwischen den beiden. Skyler bekam zwar in der sechsten Episode eine grobe Ahnung der wahren Hintergründe von Walts Einkommen („I am the one who knocks“), doch richtete sie sich schnell als Buchhalterin eines Drogenkochs ein und entscheidete sich für dieses Leben bewusst. Walt war zwar von Anfang an gegen den Kauf der Waschanlage, freundete sich aber doch schnell mit dem Gedanken an, durch das gemeinsame Geheimnis seiner Frau wieder näherzukommen. Doch bis auf den Umstand, dass er ein Drogenkoch ist, weiß sie nichts. Und dieses Nichtwissen rächt sich in Crawl Space (S04E11). Denn Skyler hat schon längst eigene kriminelle Züge entwickelt, schickt sogar zwei Schläger zu Ted Beneke, damit dieser endlich unterschreibt. In der Gewissheit, dass Walt ihr jeden Monat knapp 500000 Dollar in die Anlage bringt, ist für sie das Bezahlen der Schulden Benekes ein geringer Verlust von etwas mehr als einem Monatseinkommen. Nur Walt weiß seit dem Serienopener Box Cutter, dass Gus jede Möglichkeit nutzen wird, ihn umzubringen.

Und der Tat kam Gus in dieser Episode erstaunlich nahe. Bei den letzten Treffen zwischen Walt und Gus mitten in der Wüste, blieb ersterem immer noch die Rolle Heisenbergs als letzte Bastion. Das schwarze Hemd samt Hut schien auszusagen, dass er ihn zwar töten könne, doch er würde mit Würde gehen. Genau diese Würde wurde ihm nun vollkommen genommen. Übel zugerichtet, mit einem schwarzen Sack über dem Kopf kniet Walt auf dem heißen Sand. Der einzige Grund, warum ihn Gus mit dem Leben davonkommen lässt, ist Jesses kümmerlicher Rest an Loyalität zu Walt. Retten kann er diesen zwar nicht, vor allem nicht vor sich selbst, doch erreicht Jesse es zumindest, dass Walt statt seinem Leben nur seinen Job verliert. Die Szene erinnert stark an die letzte Episode der dritten Staffel; sie steht innerhalb der Staffeldramaturgie beinahe an ähnlicher Stelle. In der Folge Full Measures ließ Gus Walt ein letztes Mal gewähren und musste kurz darauf den Tod Gales hinnehmen.
Gus gibt ihm auch eine letzte Drohung mit auf den Weg: Wagt er es, in die Ermordung Hanks einzugreifen, wird Gus seine gesamte Familie töten. Walt sucht daraufhin nach der „Exit-Strategie“ nach der ihn Skyler in der neunten Folge schon einmal fragte. Er plant sich für eine halbe Million Dollar neue Identitäten für sich und seine Familie zu kaufen und in einem letzten Manöver Hank einen Wink zu geben.

Genau wie Colonel Nicholson scheint sich Walt, zusammengekauert auf dem Boden seines Kellers liegend, die Frage „What have I done?“ zu stellen. Über diese Frage droht er beinahe den Verstand zu verlieren. Was ist passiert? Zwei Handlungsstränge, die man nie so konfliktträchtig wahrnahm, kollidieren. Zumindest ich dachte bis zu dieser Episode, dass Skylers Subplot eher zu ihrer Charakterisierung dient, als wirklich in den Hauptplot einzugreifen. Breaking Bad wirft seine Figuren immer wieder zurück, alles was Walt nun von dem gesamten Jahr (erzählte Zeit) bleibt, sind Immobilien. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem er in einer Stunde mobil sein muss.

In Momenten wie diesen erreicht Breaking Bad die Qualität und Intensität für die die Serie berüchtigt ist. Wir alle wissen, dass Walt nicht in den nächsten Episoden sterben wird, wissen wir doch von der erweiterten fünften Staffel mit insgesamt 18 Episoden. Vorstellbar wäre es allerdings. Die Autoren haben ihre Figur in der gesamten Staffel so heruntergewirtschaftet, unsympathisch erscheinen lassen und andere Figuren in den Vordergrund gerückt, dass eine weitere Staffel ohne Walt zwar unmöglich, aber denkbar wäre. Dieser Gedanke ist wohl die höchste Form der Bedrohung, die eine Serie für ihre Figuren darstellen kann: So gut zu sein, dass das Schicksal der Hauptfigur nicht mehr im Zentrum steht.