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There are two kinds of heists. Those that get away with it. And those that leave witnesses. – Mike

Als Hank zu Walt Jr. (Flynn) sagt, er hätte HEAT auf BluRay ausgeliehen, ist das mehr als nur eine Einladung zu einem DVD-Abend bei Schraderbrau und Popcorn. Es ist eine Vorwegnahme des schockierenden Endes, wenn Todd einen Jungen erschießt, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. In HEAT gibt es zu Beginn eine ganz ähnliche Heist-Szene, die mit dem nicht notwendigen Tod dreier Sicherheitsmänner endet, weil Gangster McCauley die Hintergründe seines neusten Team-Mitglieds nicht genügend geprüft hat. Und so ohne es zu wissen, einen Psychopathen ins Team gelassen hat.

In HEAT markiert dieser Mord den Anfang vom Ende und auch in Breaking Bad wird sich nach dieser Episode einiges ändern. Gewalt, die an Kindern verübt wird, war in Breaking Bad bisher immer das letzte Tabu. Der kaltblütige Mord an Andreas 11-jährigem Bruder Tomas hat letztendlich zu Gus‘ Tod geführt. An diesem Punkt in der Serie wurden die leichten Spannungen zwischen Gus und Walt/Jesse zu wirklichen Problemen. Der Versuch Brock zu vergiften schweißte Walt und Jesse in „Face Off“ wieder zusammen, da sich beide gegen das größere Übel namens Gus verbündeten. Der Mord an einem Kind blieb in Jesses Augen das, was Walt von Gus unterscheidet.

You guys thought of everything.

Mit dem kaltblütigen Erschießen des kleinen Jungen stellen sich den Charakteren unweigerlich moralische Fragen, die seit ein paar Folgen in den Hintergrund getreten sind. Die direkten Konsequenzen des eigenen Handelns waren lange nicht mehr so deutlich spürbar wie in „Dead Freight“. Bisher verlief das Meth-Kochen von Walt und seinen Partnern wie in einem Vakuum. Sie kochen direkt unter der Nase der allgemeinen Bevölkerung und erst recht unter der des DEA, sind ungemein effizient und unauffällig. Nur das direkte familiäre Umfeld spürt die Konsequenzen aus ihrem Handeln. Beim Zuschauen hat man oft das Gefühl, als sei die Massenproduktion von Meth so einfach wie das Führen einer kleinen Sparkassenzweigstelle. Dieser Eindruck entsteht auch durch die geringe Figurenanzahl, die alle entstehenden Konflikte vergrößert, aber ab einem gewissen Punkt das Alltägliche verliert. Das Ende von „Dead Freight“ markiert den radikalen Einbruch der Realität in Walts Pläne: Die Welt lässt sich nicht wie in einem Reagenzglas kontrollieren, unendliche Variablen können die einmal gemachte Gleichung zerstören und zu purem Chaos führen.

Mit dem Tod gingen Jesse und Walt noch nie so leichtfertig um, wie man es bei Drogendealern erwarten würde. Tony Soprano oder Avon Barksdale bzw. Stringer Bellhaben nie lange gezögert, jemanden, der ihnen im Weg steht, umzubringen. Das Töten gehört zum Spiel dazu. Und auch, wenn man bei Walt und Jesse gewisse Gewöhnungseffekte beim Töten beobachten kann, kennen beide den hohen Preis eines menschlichen Lebens – besonders Jesse tut sich immer noch schwer damit, Töten als Bestandteil seines „Berufs“ zu akzeptieren. In „Dead Freight“ sucht er nach immer neuen Möglichkeiten, dass Lydia nicht doch ihr Leben lassen muss und hat mit seiner Verzögerungstaktik sogar Erfolg. Es wird spannend zu sehen sein, wie Jesse mit dem Mord an dem unschuldigen Jungen umgehen wird, ob er es akzeptieren kann, dass bei seiner Arbeit Unschuldige als Kollateralschaden angesehen werden. Als moralisches Zentrum aller Figuren wird er sich zwischen seinem Gewissen und seiner Loyalität zu Walt entscheiden müssen. Wie so oft in Breaking Bad sind es nicht greifbaren Veränderungen, vor denen Walt sich fürchten muss, sondern eher die psychologischen, tieferliegenden.

For the man who has everything.

Wie schon in „Live Free or Die“ steht in „Dead Freight“ ein großer Coup im Zentrum der Folge, ein Coup, der in seiner Vorbereitung und Ausführung in so schwindelerregenden Tempo abgehandelt wird, dass es recht untypisch für die Serie an sich wirkt. Probleme in früheren Staffeln brachten immer wieder neue Teilprobleme mit sich und die Lösung dieser konnte schon beinahe eine halbe Staffel in Anspruch nehmen. Jetzt läuft Vince Gilligan die Zeit davon, in Windeseile muss er den 52. Geburtstag Walts erreichen. Vielleicht liegt es daran, dass viele Szenen in „Dead Freight“ so überhastet wirken.

Walts Verhalten wirkt an einigen Stellen überhaupt nicht mehr rational: Warum sollte er in Hanks Büro Fingerabdrücke am Netzwerkstecker hinterlassen? Warum sollte er für lediglich 50 Gallonen sich und seine Crew gefährden? Durch sein Verhalten, seine Kleidung und seine neuhinzugewonnenen Accessoires (Uhr und teures Auto) spielt er beständig mit Feuer. Er fordert das Schicksal heraus und versucht sich aus noch so unmöglichen Situationen mit Hilfe immer trickreicherer Manöver herauszuwinden. Der Mord am Ende der Folge hat auch ihn sichtlich erschreckt. Und einen guten hat McCauley aus Heat auch für Walt:

„Don’t get attached to anything you can’t walk out on in 30 seconds flat if you feel the heat around the corner.“

Kleinigkeiten:

– Die grandiose Szene aus HEAT findet ihr hier.

– Skyler scheint schon wesentlich abgeklärter zu sein als noch in der letzten Folge. Könnte sie versuchen Walt in falscher Sicherheit zu wiegen, um dann irgendwann zuzuschlagen?

– Es war toll, Bill Burr mal wieder zu sehen.

– Walt Jr. nennt sich wieder Flynn. Oder wie Hank ihn nennt: Emo McGee.

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