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No more prolonging the inevitable
– Walt

In der dritten Staffel gab es einen Moment, da hätte Walts Leben eine ganz andere Wendung nehmen können. In einem Moment äußerster Klarheit und Reue ließ er die vergangenen Monate Revue passieren und kam zu dem Entschluss, mit dem Drogenkochen aufzuhören. Er sagte damals: I’m sorry, but the answer is still “no”. I made a series of very bad decisions, I cannot make another one. (Breaking Bad, Staffel 3, Episode 5) Hier war sie, die Exit-Strategie, die Skyler erhofft und Walt hat diese Möglichkeit aus dem tödlichen Spiel auszusteigen willentlich verpasst. Seine Motive: Stolz und Gier.

Zu diesen beiden Todsünden tritt in der vorletzten Folge der vierten Staffel nun noch der Zorn. Und nicht nur Todsünden spielen hier eine entscheidende Rolle, viel mehr scheint End Times durchzogen von christlicher Symbolik, mit der Vince Gilligan nur allzu gern spielt. Die Geschichte, die die Folge erzählt ist eine klassische Läuterungsgeschichte, die dazu noch sämtliche Konflikte der Staffel auf ihren Klimax treibt. Die wellenartige Dramaturgie der Serie erlebt hier ihren Höhepunkt, die nächste Folge wird die Konfrontation unausweichlich machen und damit in die fünfte und letzte Staffel überleiten. Nachdem der Kniefall Walts in der letzten Folge unfreiwillig war, ist aus diesem nun eine bittende Geste geworden. Davon überzeugt, dass die Geschichte nun ihr Ende finden wird, hat er sich mit seinem eigenen Tod abgefunden, zu schwer wiegen seine Taten. In der christlichen Kultur ist Reue stets der erste Schritt zu wahrer Vergebung vor Gott. Dieser richtet aber nicht über ihn, sondern Jesse.

Grund für Jesses Wut ist die Ricinvergiftung des kleinen Brocks. Außer Walt und Jesse habe niemand von der vergifteten Zigarette gewusst, folglich müsse also Walt den Jungen vergiftet haben. Walt folgert daraufhin, dass Gus den Jungen vergiftet haben muss, nur um Jesse zum Mord an Walt zu bringen. Während sich Walt in der gesamten Staffel immer weitere in eine ausgewachsene Paranoia hineinsteigerte, die ihn die Freundschaft zu Jesse kostete, scheint sich diese Paranoia nun als Wahrheit zu erweisen. Gus’ Plan, die beiden endgültig zu trennen, schweißt sie umso enger aneinander.

Dennoch sind die End Times, so der biblische Titel der Episode, noch nicht angebrochen. Viel mehr regiert Stillstand. Walt will das Haus nicht verlassen und wartet auf seinen Henker, seine Familie kann das Haus nicht verlassen und Jesse muss auf Krankenhausfluren auf die Genesung Brocks warten. Die Würfel sind gefallen, aber noch nicht zum Stillstand gekommen. Verständigt wird sich nur per Telefon, die Welt nach Hause geholt. Jede der Figuren weiß, dass jederzeit ein erbitterter Grabenkampf ausbrechen könnte, so werden die letzten Vorbereitungen für die wahren End Times getroffen. Im Christentum bezeichnet die Endzeit die Zeit, die die Wiedergeburt Jesu Christi einläutet. Naturkatastrophen, Kriege und Seuchen reißen alle Ungläubigen mit sich, nur die, die ohne Sünde sind kommen in den Himmel. Bis auf Walter Jr. und Holly wäre da also niemand.

Bei all der christlichen Symbolik, die in dieser Episode dargeboten wird, stellt sich natürlich Frage, wer in dem begrenzenten Breaking Bad-Universum nun Gott ist. Blickt man auf die letzte Szene, scheint es Gus zu sein, zumindest Gott auf Erden, genauer Albuquerque. In beinahe übernatürlicher Voraussicht spürt er die Bedrohung, in Form einer Autobombe, förmlich und geht nach einem langen Blick über die Dächer der Stadt, als würde er die Präsenz des Emporkömmlings Walt ahnen, wieder ab. Die spirituelle Erhöhung Gus’ karikiert sein wahres Ich, das eines skrupellosen Geschäftsmanns. Gott ist in dieser durch und durch kapitalistischen Gesellschaft nur noch ein Titel, den man sich für viel Geld  auf sein Klingelschild schreiben kann. Die Machtkämpfe der gesamten Staffel finden in diesem Bild des über der Stadt stehenden Gus’ ihren vorläufigen Höhepunkt – und Gott ist vielleicht bald tot.

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Bilder: AMC