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I won.

Filmemacher haben es zeitweise einfacher als Autoren von Fernsehserien. Steht die Finanzierung für die Produktion, können erstere sich sicher sein, dass aus ihrer Vision eines Tages ein fertiger Film werden wird, auch wenn es noch nicht sicher ist, dass dieser jemals in den Kinos läuft und oft nur mit großer Kompromissbereitschaft entstehen kann. Serien hingegen müssen sich Jahr um Jahr, Staffel um Staffel beweisen. Die Produktionskosten müssen durch Werbeerlöse, Gebühren oder den DVD-Markt wieder eingespielt werden. Das Damoklesschwert der Absetzung hängt über dem Kopf eines jeden ausführenden Produzenten, der doch nicht mehr will als seine Geschichte zu Ende erzählen zu können. Gerade Serien des Quality TV, wobei hier quality oft nur für Produktionsqualität steht, mit ihren horrenden Produktionskosten sehen sich diesem Druck ständig ausgeliefert. So wurde auch um die Fortführung von Breaking Bad in diesem Sommer hart verhandelt – erst nach Wochen wurde die Serie um eine finale, 16 Episoden zählende Staffel verlängert. Das Ergebnis dieser Verhandlungen kann man nun in der finalen Episode der vierten Staffel besichtigen, fühlt es sich hier doch zeitweise so an, als sei die Serie an ihrem Ende angelangt.

Liest man Interviews mit Vince Gilligan, benutzt dieser immer wieder den Vergleich von Mr. Chips, der sich langsam aber sicher in Scarface verwandelt. Genau wie Tony Montana muss sich auch Walter White erst seines Bosses entledigen, damit er selbst zum obersten Drogenboss aufsteigen kann und erreicht dabei die vorläufige moralische Talsohle. Breaking Bad bricht hier mit der gewohnten Erzählstrategie und so muss man einen Schritt zurücktreten um die gesamte Tragweite dieser Episode überschauen zu können. Bislang wurde das Geschehen immer aus auktorialer Perspektive erzählt. Die Serie glich einem filmischen Versuchsaufbau in dem alle Zutaten bekannt waren und man gespannt den Ausgang des Experiments beobachten konnte. Diese Erzählweise wurde nun, mit der Preisgabe, dass es Walt war, der den jungen Brock vergiftet hat, gezielt außer Kraft gesetzt. Dieses Wissen stellt die Hälfte der letzten Episode auf den Kopf (und damit auch meine Einschätzungen). Walt ist keineswegs geläutert, er ist böser denn je. Alle Personen in seinem Umfeld sind für ihn nur noch Spielfiguren in einem Schachspiel auf Leben und Tod gegen Gus. Die haarfeine moralische Trennlinie zwischen ihm und Gus, die er letzte Woche noch gegenüber Jesse beschworen hat, ist nicht mehr vorhanden. Dabei ist es nicht nur die willentliche Vergiftung eines unschuldigen Kindes Anzeichen für die endgültige Metamorphose in Heisenberg, sondern auch die anderen Bauernopfer, die er bewusst eingeht. So schickt Walt in der letzten Episode seine Nachbarin in sein Haus, obwohl er ahnt, dass dieses von Gus’ Männern besetzt ist. Er bringt eine selbstgebastelte Rohrbombe in die Kinderstation des Krankenhauses und steckt ein riesiges Laboratorium in Brand, wohl wissend, dass über seinem Kopf noch ahnungslose Arbeiter sind. Natürlich tut er all dies um seine Familie zu beschützen, doch viel mehr geht es ihm um die Abrechnung mit einem Gegner seines eigenen Kalibers. Von dieser Einstellung zeugt Walts Bemerkung zu Skyler am Telefon. „I won.“

Doch nicht nur die Rücksichtlosigkeit von Walts Plan ist bemerkenswert, viel erstaunlicher ist es beinahe schon, dass dieser überhaupt funktioniert hat. Bislang scheiterte noch jeder Plan Walts, besonders in dieser Staffel. Immer wieder war auf kurzfristige Improvisation angewiesen und konnte sich erst in letzter Sekunde mit heiler Haut davonstehlen. Es scheint, als funktionieren seine Pläne erst dann, wenn er auch das letzte Fünkchen Menschlichkeit abstreift. Schon oft konnte man in der Serie beobachten, wie mit den Sympathien der Zuschauer gespielt wurde, nur um Walts Entwicklung noch ein Stück weiterzutreiben. Aus dem nicht verhinderten Tod einer Unschuldigen in der zweiten Staffel wird in der vierten Staffel die Vergiftung eines Kindes – egal, ob Walt die Menge des Gifts so eingeschätzt hat, dass Brock mit dem Leben davonkommt oder nicht. Die Reue in der vorletzten Episode Jesse gegenüber, die sich im Nachhinein als Schauspielerei herausstellt, ist somit auch ein Schlag in das Gesicht des Zuschauers, der naiverweise an eine Läuterung glauben will – genau wie ich übrigens auch.

Wie kann es nun also weitergehen, unterscheidet sich dieses Staffelfinale doch so grundlegend von dem vorigen. Alle Konflikte scheinen gelöst, Walt steht triumphierend über den Dächern von Albuquerque so wie es Gus vor einer Woche noch tat und die Partnerschaft mit Jesse scheint beendet. Chekhov’s Gun nennt sich ein dramatisches Prinzip, dass handlungsentscheidende Elemente schon früh in einer Geschichte aufkommen lässt, sodass sie bei ihrem Einsatz schon aus dem Gedächtnis des Publikums verschwunden sind. Von Alan Sepinwall auf ein solches Prinzip angesprochen, bejahte Vince Gilligan dieses Konstruktionsprinzip, er wolle die Grundlage für zukünftige Konflikte schon so früh wie möglich legen. So ist der finale Showdown zwischen Tio und Gus schon seit der achten Folge angelegt gewesen, damit der Konflikt gründlich genug ausgespielt werden konnte. Legt man also dieses Prinzip zugrunde, könnte man immerhin vermuten, in welche Richtung sich die letzte Staffel bewegt. Schon seit einiger Zeit scheinen die Autoren Hinweise auf eine mögliche Wiedererkrankung Walts zu geben. In der heutigen Episode häufte sich sein Husten. Wenn Walt tatsächlich wieder an Krebs erkrankt, könnte das das bestimmende Thema der letzten Staffel werden und Walt noch einmal sein Leben überdenken lassen. Immerhin ist die „Lily of the Valley“ (Maiglöckchen) in der Bibel das Zeichen für die Wiederkehr Jesu Christi. Andererseits würde ein zynischer Einsatz dieses Symbols ganz den schwarzen Humor der Autoren treffen. Ganz sicher wird Mike in der nächsten Staffel nach Albuquerque zurückkehren. Spätestens hier wird sich zeigen, wo seine Loyalität liegt, war er doch bislang nur eine Art Privatsöldner für Gus. Viel interessanter ist hingegen Hanks veränderte Rolle in der fünften Staffel. Er hat recht behalten, doch die Genugtuung, Gus selbst die Handschellen anzulegen, hat er nicht bekommen. Besonders spannend wird es aber zu beobachten, ob Jesse hinter Walts dunkelstes Geheimnis kommt. Der Konflikt zwischen den beiden könnte in der fünften Staffel auf einer höheren Ebene ausgetragen werden, mit Mike an Jesses Seite. Ob der Widersacher der fünften Staffel nun Hank, Mike oder Jesse heißt, eins bleibt sicher: Nach der Machtübernahme kommt der Machterhalt, der wohl noch brutaler ausfallen dürfte.

Was auch kommen mag, mit der heutigen Episode geht eine fantastische vierte Staffel zu Ende. Den Autoren bleiben noch 16 Folgen um die Serie zu einem befriedigenden Ende zu führen. Ein Ende, dem man mit lachendem und weinendem Auge entgegensieht.

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Bilder: AMC


Eine kleine Ankündigung in eigener Sache:
Simon Born und ich wollen morgen Abend um 19 Uhr auf Google+ in einem Hangout über Breaking Badreden. Wir wollen alle Leser gerne einladen, an der Diskussion über die gesamte vierte Staffel teilzunehmen. Ein Hangout ist ein Gruppenvideochat zu dem man nicht mehr braucht als ein Google+-Konto und ein Mikrofon, bzw. Webcam. Weitere Fragen beantworte ich gern in den Kommentaren.

Update: Für den Hangout einfach diesem Link folgen -> http://gplus.to/altegedanken. Daraufhin kommt ihr zu meinem Profil, wo um 19 Uhr der Hangout startet.
Hier noch ein Video, dass die technische Seite erklärt: