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BB 16

I liked it. 

Am Ende verlief dann doch alles nach Plan. Walt hat gewonnen. Vereint mit seiner großen Liebe, dem Produkt seiner Genialität, kann er endlich in Ruhe sterben. Es ist das erste und zugleich das letzte Mal, dass einer seiner Pläne aufgeht, ohne dass dieser furchtbare Konsequenzen für seine Nächsten mit sich bringt. Dieses Mal ist der Preis, den er zahlen muss, sein eigenes Leben. In allerbester Breaking-Bad-Tradition ist der Titel der Episode überaus mehrdeutig. Die offensichtlichste Möglichkeit ist, dass „Felina“ lediglich das Anagramm von „Finale“ ist. Eine weitere findet sich gleich im Cold Open: Als Walt das Auto startet erklingt Marty Robbins Countryballade „El Paso„. In dieser geht es um einen Cowboy, der sich unsterblich in eine Mexikanerin mit dem Namen „Felina“ verliebt. Als er endlich mit seiner Liebe vereint wird, stirbt er in ihren Armen. Folgt man dieser Lesart, findet sich hier schon ein Hinweis auf die letzte Einstellung der Serie. Aber vielleicht die interessanteste Deutungsmöglichkeit ist, dass  „Felina“ nicht ein Name, sondern ein chemische Verbindung ist: Ferrum, Lithium und Natrium. Oder anders gesagt: Blood, Meth and Tears. Diese Deutung würde sich auch an der Struktur der Folge belegen lassen, da diese drei ganz klar von einander getrennte Höhepunkte aufweist.

Vince Gilligan bezeichnet nicht umsonst „Ozymandias“ als die beste Episode der Serie. Hier liegt der wahre Kern der Serie, Heisenberg wird endgültig vom Thron gestoßen. „Granite State“ und „Felina“ wirken daher eher als Epilog denn als großer Showdown. Gilligan und seine Autoren geben uns die Chance, im Stillen von Walt Abschied zu nehmen – auch wenn dieser sich mit einem großen Knall verabschiedet. Das Cold Open, welches eines im wahrsten Sinne des Wortes war, gibt auch in „Felina“ wieder einmal den Ton für die gesamte Folge vor: Walt fleht eine höhere Instanz an, dass diese ihn nur als New Hampshire geleiten soll, den Rest erledigt er schon alleine. Kurz darauf findet er die Schlüssel für den Fluchtwagen versteckt hinter der Sonnenblende. Erst nach der Überwindung seiner Hybris mögen ihm seine Pläne wieder gelingen, da er weiß, dass er am Ende alleine den Preis für diese begleichen muss. Ob er geschnappt wird oder beim Versuch, Hank zu rächen, stirbt, ist ihm einerlei: Das Spiel ist aus, er tritt die Flucht nach vorn an.

Heisenberg Rex

Aber bleiben wir noch kurz bei „Ozymandias„. Denn im Grunde genommen präsentierten uns die Autoren drei verschiedene Enden, die sich in Ton und Stil sehr stark von einander unterschieden. „Ozymandias“ ist das Ende, das das Breaking-Bad-Universum, in dem jede Handlung eine unmittelbare Konsequenz nach sich zieht, für Walt vorgesehen hätte. Walt verliert nicht nur seine Ehre, sein Geld, sondern auch seine Familie. Es ist die letzte typische Breaking-Bad-Episode, mit einem besonders starken Westerneinschlag. Die Geschichte Heisenbergs endet mit Walts Flucht aus Albuquerque. „Granite State“ hingegen ist der Abschied der Autoren von Walt. Stück für Stück wird die Figur dekonstruiert, bis nur noch ein Häufchen Mensch übrig bleibt. Wäre es nicht für „Felina“, hätte die Serie ebenso gut hier ihr Ende finden können. Der physisch zu Grunde gegangene Walt erliegt in einer unwirtlichen Umgebung seinen Leiden.

„Felina“ wirkt wie das Ende, das Walt für sich selbst geschrieben hätte. Wie ein Geist schwebt er durch Albuquerque, obwohl er der meistgesuchte Verbrecher der USA ist, wird er nicht geschnappt. Ihm gelingt es, sowohl finanziell für seine Familie zu sorgen als auch die Produktion des Blue Meth mit sich selbst untergehen zu lassen. Auch auf der Bildebene gelingt es Gilligan, die Transzendenz Walts einzufangen. Vanitas-Symbolik findet sich überall in „Felina“, sei es Walt, der besserer Tage erinnernd durch sein altes Haus schleicht, sein Verschwinden hinter dickem Milchglas oder Jesses Tagtraum. Die Dreiteilung des Endes, das wir in den letzten drei Episoden erleben konnten, entspricht darüber hinaus exakt dem Aufbau des klassischen Dramas. Den Höhepunkt, also den dritten Akt, markiert hier „Ozymandias„, während „Granite State“ das retardierende Element darstellt. Die Katastrophe findet dann – wie aus dem Lehrbuch – in „Felina“ statt. Und auch für Breaking Bad gilt der alte Witz: Woran stirbt der Held? Am fünften Akt.

Blood, Meth and Tears: 1. Tears

Die Konsequenz und Unversöhnlichkeit dieses Serienfinales ist wohl das, was es am meisten auszeichnet. Obwohl ein versöhnliches Ende kaum zur Serie gepasst hätte, ist es den Autoren dennoch hoch anzurechnen, Walt unversöhnt mit seiner Familie und Jesse sterben zu lassen. Ähnlich zur dreiteiligen Struktur der letzten Episoden, lassen sich auch in „Felina“ drei klar definierte Höhepunkte ausmachen. Der emotionale Höhepunkt findet sich exakt in der Mitte der Episode: Walts Abschied von Skyler.

Auch hier bedient sich Breaking Bad eines alten Tropus, der Anagnorisis. In antiken Dramen bezeichnet Anagnorisis den Moment, in dem sich zwei Personen wiedererkennen. So erkennt Ödipus in Ödipus Rex plötzlich, dass er selbst der Mörder seines Vaters ist. Hank hatte in der ersten Hälfte der fünften Staffel einen ähnlichen Anagnorisis-Moment, das Monster, das er jagt, hat sich all die Zeit direkt vor sich befunden. Wo genau der Anagorisis-Moment in „Felina“ und „Granite State“ liegt, lässt sich sagen. Jedoch ist er in „Felina“ zum ersten Mal seit „Fly“ ganz bei sich. Die Maskerade hat ein Ende:

I did it for me. I liked it. I was good at it. And I was really … I was alive

Endlich gesteht er Skyler und sich selbst seine Hybris ein. Mehr gibt es nicht zu sagen, keine tränenreiche Versöhnung, keine Familienzusammenführung. Walt mag zwar endlich seinen Egoismus zugegeben haben, doch verziehen wird ihm dieser nicht. Bevor er gehen muss, darf er noch ein letztes Mal Holly im Schlaf streicheln – mehr wird ihm nicht vergönnt. Die Spaltung zwischen Skyler und Walt wird auch auf der Bildebene deutlich. Eine große Säule trennt die beiden von einander. Seit „Gliding over all„, der Episode, in der Walt seinem alten Leben den Rücken gekehrt hat, fand sich dieses visuelle Element nicht wieder. Jetzt ist die Spaltung aber stärker denn je. Gilligan gelingt der Balanceakt zwischen einem zu offenen und zu geschlossenen Ende an dieser Stelle besonders. Skyler hat zwar durch das Lotterieticket die Möglichkeit, die Dinge für sich zum Besseren zu wenden, ausformuliert wird dies jedoch nicht. Gilligan zeichnet eine mögliche Zukunft für die Figuren nur in groben Zügen und lässt gerade genug Spekulationsraum.

Blood, Meth and Tears: 2. Meth

Auch wenn „Felina“ keine typische, voltenreiche Episode ist, hielt sie doch eine große Überraschung bereit: Walt hat nicht vor, Gretchen und Elliot umzubringen, sondern nutzt sie, um seiner Familie doch noch sein Erbe zukommen zu lassen. In „Granite State“ sagte Gretchen noch, dass der nette, brillante Wissenschaftler, den sie einst kannte, nicht mehr leben würde. Da sie also das Monster Heisenberg erwarten, spielt ihnen Walt das Monster. Gilligan spielt in dieser Szene gezielt mit den Erwartungen des Zuschauers. Die großen Türen, die Walt hinter sich schließt, erinnern an die Türen zu Tony Montanas Büro in Scarface.

Mit diesem Coup schlägt Walt gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Es gelingt ihm nicht nur, für seine Familie zu sorgen, er erlangt auch späte Genugtuung. Gretchen und Elliot, die mit den Ergebnissen seiner Forschung reich geworden sind, müssen endlich für ihre Schuld zahlen. Die größte Genugtuung dürfte für ihn jedoch sein, dass sie nicht mit ihrem Geld, sondern mit seinem zahlen müssen. Sein Stolz, der in der ersten Staffel verhinderte, dass er auch nur einen Cent von Gretchen und Elliot annahm, wird nicht verletzt. Die Hierarchie hat sich in ihr Gegenteil verkehrt. Walt genießt es, die beiden kurz vor seinem Lebensende leiden zu sehen, und schließt mit den Worten:

Cheer up, beautiful people. This is where you get to make it right.

In Skylers neuer Wohnung spricht diese ihn auf sein heruntergekommenes Aussehen an. Walt erwidert nur, dass er zwar schlecht aussehe, sich aber gut fühle. Elliot und Gretchen wird es bis zu Walt Jr.s 18. Geburtstag anders ergehen.

Blood, Meth and Tears: 3. Blood

Spätestens seit dem kaltblütigen Mord an Hank und dem Raub von Walts Lebenswerk stand fest, dass das M60 Maschinengewehr für Uncle Jack und seine Gang bestimmt ist. Wie genau Walt aber den Tod Hanks rächen wird, blieb noch offen. Seit „Live free or die“ (Yeah bitch, magnets) hat uns die Serie keine an Mac Gyver angelehnten Gadgets mehr präsentiert. Die Vorzeichen, unter denen Walt die Selbstschussanlage baut, sind aber dieses Mal andere als bislang.

Wie schon andere zuvor hat auch Uncle Jack Walt unterschätzt, seine Schwäche war schon immer seine größte Stärke. Auch in dem Shootout, das schon seit „Live Free or Die“ angedeutet wurde, verweist die Serie auf sich selbst. Genau wie in „Gliding over all“ gelingt es Walt sich mit einem Streich zahlreicher Feinde zu entledigen, nur sind dieses Mal die Nazis selbst das Ziel. Doch anders als im Finale der ersten Staffelhälfte wird die Gewalt hier nicht ästhetisiert. Das Massaker ist so schnell vorbei wie es begonnen hat. Nur Todd und Jack überleben. Der Mord an Krazy-8, der Walt zum ersten Mal mit den moralischen Konsequenzen seines Handelns konfrontiert hat, wird hier ebenfalls implizit wieder aufgenommen. Jesse stranguliert Todd genau wie Walt es einst mit Krazy-8 gemacht hat.

Genau wie beim Abschied von Skyler ist es den Autoren hoch anzurechnen, dass die letzte Szene zwischen Jesse und Walt ebenfalls unversöhnlich ist. Alles was bleibt ist ein stilles Übereinkommen, dass alle Rechnungen beglichen sind, eine Aussöhnung ist nicht möglich. Jesses Ablehnung Walt zu erschießen lässt sich nicht als Akt der Gnade verstehen. Vielmehr ist Jesse nun endlich emanzipiert und folgt nicht mehr Walts Anweisungen. Sein Lächeln als er endlich fliehen kann ist die einzige Spur von Glück in der gesamten zweiten Staffelhälfte. Und auch hier ist es nicht ein absolutes Glück, sondern ein relatives: Jesse ist im letzten halben Jahr durch die Hölle gegangen und kommt mit dem Leben davon. Mehr nicht.

My baby blue

Mit einem erlösten Lächeln darf Walt sterben. Neben sich seine große Liebe, die Chemie. Die Einstellung, die das Auffahren der Seele aus dem Körper andeuten soll, fand sich schon einmal in Breaking Bad. In „Crawl Space“ wurde durch diese Einstellung klar, dass ein Teil Walts unwiderbringlich gestorben ist, kurz darauf entwickelt er den Plan Brock zu vergiften. War es damals der letzte Rest an moralischem Empfinden, der gestorben ist, ist es nun Walt selbst. Guess he got what he deserved.

Wie das Finale in Zukunft bewertet werden wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen. Dafür sind die Eindrücke einfach noch zu frisch, die Wunden noch nicht verheilt. Eins ist aber sicher: Jegliche Kritik ist Kritik auf höchstem Niveau, eine Katastrophe wie beim Finale von Lost wussten die Autoren zu verhindern. Gilligan hat den richtigen Zeitpunkt abgepasst, um die Geschichte Walter Whites enden zu lassen. Er durfte, genau wie Walt, bestimmen, wann es Zeit ist zu gehen. Was bleibt sind 62 fantastische Episoden und die Erinnerung, dabei gewesen zu sein, als Fernsehgeschichte geschrieben wurde. Oder um es mit Walts Worten zu sagen:

I liked it.

Wir haben es auch gemocht.