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Everyone dies in this movie, don’t they?“ – Walt

Die Autoren von Breaking Bad spielen liebend gerne mit popkulturellen Referenzen und nutzen sie als zu dechiffrierende Interpretationshinweise, zum Beispiel in „Crawl Space“ (Staffel 4, Episode 11) oder „Shotgun“ (Staffel 4, Episode 5). Auch in „Hazard Pay“ finden sich zwei solcher Verweise, die ein und dieselbe Szene aus zwei komplett verschiedenen Blickwinkeln darstellen. Zwei Blickwinkel, die die Serie seit jeher prägen.

Als Walt und Jesse mit ihrer Arbeit fertig sind, sehen sie sich im Fernsehen einen Three-Stooges-Film („A Bird in the Head„, USA 1946), in dem ein betrunkener Gorilla in einem Labor mit einem Maschinengewehr um sich schießt. Wenige Minuten später zeigen uns die Autoren die Parallelstelle: Tony Montanas berühmte „Say hello to my little friend“-Szene aus Scarface.

Gewaltdarstellung in Filmen funktioniert noch heute oft auf die Weise, wie sie in den ausgewählten Szenen funktioniert. Durch Übertreibung verliert sie ihren Schrecken, kann sogar – wie bei den Stooges – zum Slapstick werden. Breaking Bad hat sich in den letzten Staffeln immer wieder Übertreibungen bedient, man denke nur an den Sturz Ted Benekes.

„Shut up, shut up, shut up, shut up, shut up …!“

Als Skyler Walt und Walt Jr. gemeinsam Scarface sehen sieht, wirkt die Übertreibung auf sie nicht, sie sieht bloß den blanken Schrecken der Bilder. Sie weiß, dass das, was Walt in Realität tut, weitaus schrecklicher ist. Heisenberg hingegen hat sich mit der Gewalt soweit abgefunden, dass er mit jugendlicher Faszination über Scarface spricht. Skylers Entwicklung ist bislang die interessanteste der fünften Staffel, ihre Depression wird für Walt zusehends zum Risikofaktor, wie die Szene mit Marie bewiesen hat. In „Cornered“ (Staffel 4, Episode 6) hatte sie noch die Chance alles hinter sich zu lassen, kurz nach dem „I am the one who knocks“-Monolog. Nun muss sie mit ihren Entscheidungen leben und droht an ihnen zu zerbrechen. Das Krebsgeschwür ihres Familienlebens, Walt, ist aus der Remission zurückgekehrt, schläft jede Nacht neben und zieht wieder ein. In der Pilotfolge fragte Jesse Walt, warum er Crystal Meth kochen wolle und ob er vielleicht verrückt geworden sei. Walt antwortet daraufhin nur, er sei nun erwacht. Genau das Gleiche gilt für Skyler, die sich nun keine falschen Vorstellungen mehr macht. Anna Gunn spielte in „Hazard Pay“ so überzeugend wie selten zuvor, ihre Depression ist beinahe physisch erfahrbar. Ihre Entwicklung ist ähnlich zu der Jesses in der vierten Staffel, der erst durch Mike und Andrea wieder aus seinem Tief herausgeholt wurde. Die nächsten Folgen werden zeigen, ob sie genau wie Jesse gestärkt aus ihrer Depression herauskommen kann oder an ihr zerbricht.

Vamonos Pest

Die größte Frage, die sich nach der Zerstörung des Superlabs gestellt hat, war lange: Wo sollen Jesse und Walt in Zukunft kochen? „Hazard Pay“ gab auf diese Frage endlich die Antwort und sie gehört zu jenen genialen Einfällen, die Breaking Bad schon lange auszeichnen. Walt und Jesse werden in Zukunft in Häusern kochen, die gerade vom Kammerjäger ausgeräuchert werden, mitten in den Wohnzimmern fremder Familien. Es ist eine Fortführung des „Right under my nose“ aus der letzten Folge und zum ersten Mal seit langem wird wieder die Schönheit des Kochens beschworen. In einer grandiosen Sequenz wird das neue Equipment zu „On A Clear Day You Can See Forever“ eingeweiht. Solche Sequenzen zeigen, dass Breaking Bad nicht nur wegen dem fantastischen Drehbuch oder den großartigen Schauspielern, sondern auch wegen der Regie und Bildsprache zur besten Serie der Gegenwart gezählt wird.

„Just because you shot Jesse James, don’t make you Jesse James.“

Walt macht in „Hazard Pay“ mit der gleichen Arroganz dort weiter, wo er in der letzten Folge aufgehört hat. Als Saul ihn fragt, wie er es finde, dass Mike die geschäftliche Seite übernimmt, sagt er nur „He handles the business, I handle him.“, sich immer noch nicht bewusst, wie gefährlich Mike wirklich werden kann. Auf dem Papier sind Walt, Jesse und Mike zwar gleichberechtigte Teilhaber der Produktion, jedoch sieht es Walt als naturgegeben an, dass er im Zweifelsfall den Fortgang entscheidet.

Die 13-Episoden-Struktur der früheren Staffeln wird von Gilligan in der fünften Staffel aufgebrochen, die Serie in zwei Hälften zu achten Folgen geteilt. Es wird spannend sein zu beobachten, wo in dieser Staffel die Cliffhanger liegen werden. Behält man das Cold Open der ersten Episode im Hinterkopf, könnte es sein, dass Gilligan die erste Hälfte nutzt, um Walt als neuen Kingpin nördlich der Grenze zu etablieren und dann ein Jahr überspringt. Zurzeit hat Walt die Zügel noch nicht in der Hand, denn Mike verhindert seine Bestrebungen, die Macht an sich zu reißen. Nicht nur Mikes Illoyalität (er ist lediglich mit an Bord, weil er keine andere Wahl hat), sondern auch die Gehaltszahlungen an seine alte Crew sind Walt ein Dorn im Auge. Und so spricht er schon jetzt, in Folge 3, gegenüber Jesse die Möglichkeit eines Mords an Mike an. All hail the king.

Generell scheint es, dass Walt immer besser in der Kunst der Manipulation wird. So bringt er Jesse mit umgekehrter Psychologie dazu, sich von Andrea zu trennen. Er weiß, dass Brocks Vergiftung, wenn sie einmal ans Tageslicht kommt, das Band zwischen ihnen unwiederbringbar zerstören wird. Walts Lügen sind inzwischen um so viele Ecken gedacht, dass er sie fast schon selbst als Wahrheit glauben konnte. Eine ähnliche Situation bietet sich Walt, als Marie ihn mit Skylers Nervenzusammebruch konfrontiert. Er erzählt Marie, dass Skyler wegen Ted Beneke so außer sich sei – eine Geschichte, die so abstoßend wie plausibel ist. Auch hier ist die Lüge so elaboriert, dass es fast so scheint, als glaube Walt sie selbst.

Der wahre Ikarus

Nachdem Mike in einem zähen Akt das Geld geteilt hat, nimmt Walt Jesse beiseite. Er erzählt ihm, dass er in der letzten Zeit viel über Victor nachgedacht habe:

„All this time, I was sure that Gus did what he did to send me a message. But maybe there’s another reason. Victor trying to cook that batch on his own? Taking liberties that weren’t his to take? Maybe he flew too close to the sun, got his throat cut.“

Dieser letzte Satz ist doppelt adressiert: Zum einen ist er gen Mike gerichtet, der Walt gerade um einen Großteil seines Anteils gebracht hat. Er versucht Jesse als seinen Business-Partner davon zu überzeugen, dass Mike gehen muss. Zum anderen verkehrt aber im selben Moment den Gedanken einer gleichberechtigten Partnerschaft ins Absurde, da er gleichzeitig Jesse warnt, nicht den gleichen Fehler zu begehen wie Viktor. Wie schon in früheren Episoden kompensiert Walt eine gerade erlittene Niederlage durch die Einschüchterung Jesses.

Walt weiß, dass er momentan nur das fünfte Rad am Wagen ist. Jesse könnte problemlos auch ohne Walt weiterkochen, während Mike sich um das Geschäft kümmert. Momentan ist der wahre Ikarus Walt.

Kleinigkeiten:

  • Wer hätte gedacht, dass Skinny Pete so gut Klavier spielen kann?
  • Ikarus wird im Mythos von den Göttern, symbolisiert durch die Sonne, für seine Hybris bestraft. Überträgt man dieses Detail auf Walts Dialog mit Jesse, findet sich hier noch einmal ein Hinweis auf seinen Gott-Komplex.
  • Todd, einer der Kammerjäger, könnte in den kommenden Folgen noch eine größere Rolle spielen.
  • Es war generell eine gute Episode für die Nebencharaktere, neben Saul, Badger und Skinny Pete, hatten auch Huell, Andrea und Brock einen Auftritt.
  • Vor Kurzem zeigte Patrick Radden Keefe im New Yorker die erstaunlichen Parallelen zwischen Breaking Bad und dem real existierenden Handel mit Crystal Meth auf. Den Text findet ihr hier.


Breaking Bad Staffel 5


 

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