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Schon in der gesamten Staffel zeichnet sich ab, dass sich Breaking Bad immer weiter von seiner Hauptfigur entfernt, der Aufstieg und Niedergang des Walter White steht nicht mehr unmittelbar im Mittelpunkt. Vielmehr sind es die Nebenfiguren, die in dieser vierten Staffel an Gewicht gewinnen; Figuren, die zwar durch Walts Entscheidungen in Mitleidenschaft gezogen wurden, nun aber selbst Entscheidungen treffen. In Salud, der zehnten Episode der vierten Staffel, vollzieht sich diese Entfernung von Walt auch auf räumlicher Ebene. Während Gus, Mike und Jesse nach Mexiko fliegen, bleibt er, blutverschmiert und zusammengekauert, in seiner Wohnung zurück.

Eine Folge Breaking Bad ist so dicht erzählt, dass all die kleinen Konflikte, die sich in den 45 Minuten finden lassen, nur schwer in einen Text passen. So habe ich letzte Woche absichtlich Skylers Subplot ausgelassen, hole es aber diese Woche nach. Schon in früheren Folgen dieser Staffel konnte der allmähliche Wandel Skylers beobachtet werden, die sich von einer sorgenden Ehefrau zur rationalen Geschäftsfrau wandelt. Schien zuvor noch so, als sei die Steuerhinterziehung Ted Benekes für Skyler nur ein weiteres Zeichen des moralischen Verfalls in ihrer Umgebung, wird diese nun wieder aufgegriffen. Die Hinterziehung und die damit einhergehende Bundesuntersuchung bedrohen stark ihre eigenen windigen Geschäfte. Der eigens auferlegte Wahlspruch „The devil is in the details“ erfüllt sich hier ein zweites Mal. So entschließt sich Skyler in Salud, Beneke die Mittel für die Rückzahlung der Steuerschulden zukommen zu lassen. Saul eröffnet diesem, dass seine Großtante Birgit aus Luxemburg ihm etwas mehr als 600 000 Dollar hinterlassen habe. Doch statt seine Schulden zu bezahlen, leistet sich dieser einen Mercedes SL5, heuert einen neuen Anwalt an und versucht seiner insolventen Firma neues Leben einzuhauchen. Skyler sucht die Konfrontation und hier zeigt sich, dass sie genau wie Walt zu ähnlich bedrohlichen Fehlern neigt: Sie gibt ihre Maskerade auf und offenbart Ted, dass das Geld von ihr stammt. Beneke wird so zum Mitwisser ihrer illegalen Geschäfte, dabei weiß sie genau, dass die Tarnung durch Walts Spielsucht nur noch begrenzt glaubwürdig ist. Der Stolz, den Walt einst dazu trieb, Hank zu ermutigen, mit seinen Ermittlungen fortzufahren, führt auch bei Skyler zu irrationalen und gefährlichen Fehlern.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr die Autoren der Serie mit den Sympathien der Zuschauer zu den Figuren spielen. Walt wurde in den letzten Episoden Stück für Stück demontiert. Seine Aufopferungsbereitschaft für seine Familie trat in den Hintergrund und wurde zum puren Selbstschutz. Seit er in dem Glauben lebte, dass Gus ihn jederzeit umbringen könnte, rückte er selbst noch viel tiefer in das Zentrum seines egozentrierten Universums. In Salud wird dem Zuschauer ein Blick hinter diese Fassade aus Welt-Misstrauen geliefert. Der verantwortungsbewusste und rationale Walt scheint noch zu existieren, wie sich in dem Gespräch mit seinem Sohn offenbart. Es ist eine Szene, die zeigt, wie sehr Sympathien zu einer Figur bewusst gelenkt werden, besitzt diese innerhalb der Serie doch eine ganz eigene – dem Zuschauer oft unbekannte – Vorgeschichte, die das Bild eines Charakters für die anderen viel stärker prägt. Für den Zuschauer sind seit der Pilotfolge bereits mehr als drei Jahre vergangen, innerhalb der Serie ist es jedoch nur ein Jahr. In einem Monolog gibt Walt seinem Sohn gegenüber zu, furchtbare Fehler gemacht zu haben und bricht daraufhin in bittere Tränen aus. Walter jr. bringt seinen angeschlagenen Vater daraufhin wieder ins Bett. Dieser Moment der Schwäche, den Walter sich erlaubt, ist der erste seit der berühmten Episode Fly aus der dritten Staffel, in der er übrigens auch unter Schmerzmitteln stand. Bemerkenswert ist die Dreifachadressierung dieses kleinen Moments der puren Aufrichtigkeit. Zunächst entschuldigt er sich zweifelsohne bei Walter jr., auch wenn dieser gar nicht versteht warum. Erst ein Freud’scher Versprecher gegen Ende offenbart eine Doppeladressierung, Walt verwechselt seinen Sohn mit Jesse. Und auf der dritten Ebene ist dieser Moment eine Entschuldigung an die Zuschauer. Walt erscheint menschlicher denn je, die selbstzerstörerische Paranoia, die ihn lange beherrscht hat, scheint durch den Kampf mit Jesse gebrochen. Diese Paranoia war es auch, die das Verhältnis zu Jesse gelöst hat – er ist der einzig Zurückgebliebene, der ohne Unterstützung mit dem Rücken zur Wand steht. Es wird spannend zu beobachten sein, wie diese Konstellation in Zukunft weiter ausgebaut wird. Alan Sepinwall verweist in seinem Blog in diesem Zusammenhang auf ein schönes Zitat der Pilotfolge: „It’s all about growth, decay, transformation“ Wir sind inzwischen bei „decay“ angekommen.

In der nächsten Szene sehen wir einen viel kontrollierteren Walt, der versucht, den Moment der Schwäche wieder ins rechte Licht zu rücken. Ausführlich erzählt er von seinem eigenen Vater, der gestorben ist, als Walt vier Jahre alt war. Während alle Bekannten versuchten, den noblen Charakter des Vaters für den Jungen zu skizzieren, blieb ihm selbst nur eine Erinnerung an ihn, nämlich die eines todkranken Mannes am Ende seiner Kräfte. Walt möchte nicht, dass sein Sohn ihn so in Erinnerung behält. Doch für Walter jr. ist genau dieser geschwächte Walt, die Essenz seines Vaters. Für ihn ist der Mann, der Walt das gesamte letzte Jahr (also die letzten vier Staffeln) war, nicht sein Vater. Interessant an dieser Szene ist neben den eben erwähnten unterschiedlichen Wahrnehmungen innerhalb und außerhalb des Breaking Bad-Universums, das vermehrte Aufkommen des Themas Krankheit die letzten Folgen über. Es mehren sich die Anzeichen, dass Walters Krebs sich wieder ausbreitet. Denn obwohl er seiner Familie sagte, dass dieser noch in Remission sei, könnte sein kurzes Zögern doch von einer erneuten Erkrankung zeugen.

Während bei Walt die Maskerade fällt, kann sich Jesse jedoch nur durch eine solche schützen. Wie in der letzten Episode angekündigt, soll dieser dem mexikanischen Kartell das Rezept für Walters Meth beibringen. Der mexikanische Chemiker ahnt sofort, dass Jesse kein Chemiker ist, beherrscht er doch noch nicht einmal simple Grundfertigkeiten. Es ist ausgerechnet die Rolle Heisenbergs, die ihm – und vermutlich auch Gus und Mike – das Leben rettet. In einem Wutausbruch verbirgt er seine eigene Inkompetenz und erinnert dabei stark an Walts „I am the one who knocks“-Rede aus der sechsten Episode dieser Staffel. Doch sein Erfolg soll ihm teuer zu stehen kommen, scheint es doch so, als hätte ihn Gus als Arbeitssklave an das Kartell verkauft.

Dass dies eben nicht so ist, zeigt sich erst im zweiten Höhepunkt. Während Walts Szenen eher den psychologischen und emotionalen Höhepunkt markieren, findet sich hier der eigentliche Plot-Höhepunkt. Am gleichen Pool, an dem vor mehr als zwanzig Jahren Gus’ Partner starb, vollzieht dieser nun seine Rache am Kartell. Mit einem vergifteten Tequila – der die gleiche blaue Farbe hat wie Walters Meth – entledigt er sich Don Eladios und all seinen Capos. Im anschließenden kurzen Feuergefecht mit einem verbliebenen Soldaten Eladios wird Mike schwer verwundet. Reflexartig erschießt Jesse den Soldaten und fährt den Fluchtwagen mit Gus und Mike vom Anwesen.

Spätestens nach dieser Folge sollte die Loyalität Jesses für Gus außer Frage stehen. Er hätte die Chance gehabt beide sterbend zurückzulassen. Walts Probleme wären auf einen Schlag gelöst gewesen. Doch stattdessen hat sich Jesse für Gus’ Seite entschieden. Gemeinsam werden sie nun Walt gegenüber stehen. Dessen einzige Möglichkeit, sein Leben zu retten, könnte von nun an sein Schwager Hank sein. Nachdem das Kartell nun keine Bedrohung mehr ist, der Krieg an einer Front also gewonnen wurde, wird sich Gus nun Hank annehmen – und damit auch Walt.

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