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„Jesse: What? I can smoke, right?
Mike: Not a chance.“

Dieser Text enthält Spoiler der vierten Staffel.

Strategien der Postmoderne lassen sich in der AMC-Serie Breaking Bad vielleicht am besten mit dem Moment des Spiels auf den Punkt bringen: Das Spiel mit Zitaten, Zeichensystemen, den Erwartungen des Zuschauers und Medien an sich. So eröffnet „Shotgun“, die fünfte Episode der vierten Staffel der Serie, mit einem weiteren Verweis auf The French Connection: Diesmal wird der Bezug zum Film jedoch nicht über die Protagonisten von Breaking Bad hergegestellt, sondern direkt durch das Bild. Es ist die Sicht einer Kamera, die auf Motorhaubenhöhe sich in wahnwitzigen Überholmanövern einen temporeichen Weg durch den Straßenverkehr bahnt, die Subjektive eines im wahrsten Sinne des Wortes rasenden Autos. Am Steuer sitzt ein Versessener, jedoch nicht Popeye Doyle (Gene Hackman), der einen in der Hochbahn Flüchtigen mit dem Auto durch den Berufsverkehr Brooklyns verfolgt, sondern Walter White, der auf der Suche nach seinem Partner Jesse bereit ist, alles zu tun. Die Thirty-Eight Snub liegt geladen auf dem Beifahrersitz. Doch ungleich der berühmt gewordenen Sequenz aus The French Connection kommt es in „Shotgun“ nicht zum tödlichen Schuss, ja nicht einmal zu einer Konfrontation: Der Stuhl im Manager-Büro des Chicken-Schnellrestaurants Los Pollos Hermanos ist leer, Walts gefürchteter Boss Gus bleibt wie immer unerreichbar.

Stattdessen klingelt das Telefon: Wieder ist es Mike, der Walt von einer dummen Verzweiflungstat abhält. Wortkarg klärt er die Situation auf: Jesse sei mit ihm unterwegs. Walt müsse leider heute allein arbeiten. Fortan liegt der Fokus der Episode auf Jesse und Mike. Ihre Fahrt nimmt Halt in der Ödnis: Weite Prärieaufnahmen mit verhangenem Himmel, die Aufsicht auf eine einsame Windmühle und eine Schaufel, die Mike wortlos aus dem Kofferraum holt, verheißen nichts Gutes. Allzu bekannte Zeichen eines Noir-Westerns à la Blood Simple – Eine mörderische Nacht von den Coen-Brüdern, die Jesse und dem Zuschauer Unheil und Tod verkünden. Mit seiner Depression ist Jesse zu einer Gefahr für das Geschäft geworden, man erwartet von Mike, dass er das Notwendige tut. Doch lässt er Jesse wie auch den Zuschauer einfach links liegen, statt ein Grab zu schaufeln, buddelt er nach einem versteckten Geld-Päckchen. Eines von sechs, die Mike auf seiner langen Tour abholen muss. Und Jesse darf ihn auf seinem Road Trip begleiten, einem Road Trip durch die Genres: Die Schauplätze, an denen die Päckchen versteckt sind, gleiten von der Weite des Westerns zu verlassenen Industriestätten des Urban Westerns in die zwielichtigen Großstadt-Gassen des Gangsterfilms über.

Auf der langen Fahrt erweist sich Jesses scheinbar nutzlose Anwesenheit schließlich als nützlicher Umstand:  Während Mike in einer dunklen Gasse verschwindet, um das letzte Päckchen zu holen, nähert sich eine bedrohliche Gestalt mit einer Shotgun dem im Auto wartenden Jesse. Sein hispanisches Antlitz lässt auf einen Vollstrecker des mexikanischen Drogenkartells vermuten, dass den Krieg mit Gus wieder aufgenommen hat. Jesse reagiert schnell, startet den Wagen, fährt an dem Shotgun-Typen vorbei, rammt einen Wagen mit weiteren potenziellen Attentätern und flieht in die Dunkelheit. Aus der Passivität herausgerissen, hat er seit langem wieder die Dinge in die Hand genommen und das Geschäft gerettet. Als Lohn für sein Heldentum lässt ihn der alte Brummbär Mike die zuvor versagte Zigarette rauchen: Go ahead kid, smoke up. Nach allen Regeln der Genre-Erzählung ist Jesse zum Mann geworden.

Mike und Jesses Road Trip als Spiel mit den hinter den Genreversatzstücken schlummernden Konstruktionen von Männlichkeit erweist sich metareflexiv jedoch ebenfalls als Konstruktion: Die Heldwerdung Jesses war von Anfang an Plan von Gus‘ Kalkül, Jesse aus dessen Todessehnsucht zu reißen und wieder zu einem verlässlichen Arbeiter zu machen. Jesse glaubt nun, die Rolle von Victor übernommen zu haben und Mike bei dessen Aufgaben zu begleiten – und zu beschützen. Riding shotgun heißt die aus dem Wilden Westen stammende Praxis des Beifahrers, der den Fahrer bewacht, bewaffnet mit einer Schrotflinte oder ähnliches. Doch hatte Jesse keine Waffe, er war riding shotgun without a shotgun. Aus dem damaligen riding shotgun ist schon längst ein Klischee geworden, eine Phrase, die sich in die heutige Zeit nur noch als Spiel gerettet hat, indem es darum geht, wer vorne neben dem Fahrer sitzen darf. shotgun!

Das Spiel der Zeichensysteme und Wörter wird zum Spiel mit ihren Bedeutungen: I am the Man, denkt sich Jesse und hat zur Stabilität seiner Identität wiedergefunden. In Wahrheit macht er sich damit lächerlich, wenn er auf kindlich-naive Weise überholten Rollenbildern des Western- und Gangsterfilms nachzueifern versucht. Er ist nicht Jesse the Man, sondern eben Jesse Pinkman.

Während Jesses Handlungsstrang zunächst eine ironische Auflösung erfährt, kommt es bei Walt und Skyler zu einer unerwarteten Annäherung. No more secrets sagen sie sich, damit ihr weiteres Zusammenarbeiten wirklich funktionieren soll. Als sie den offiziellen Kauf der Autowäscherei feiern wollen, hört Skyler beiläufig den Anrufbeantworter ab. Es ist eine Nachricht von Walt, die er in seiner ebenso adrenalinhaltigen wie ziellosen Verfolgungsjagd von sich gab. Ein Liebesbekenntnis, gesprochen in einer Situation von Leben und Tod. Doch statt eines Ausdiskutierens der Wahrheit hinter dieser geheimnisvollen Nachricht, führt sie zur sexuellen Begegnung der beiden. Walts Geheimnisse sind es doch, welche die beiden nicht nur auseinanderbringen, sondern auf leidenschaftliche Weise auch wieder anziehen.

Doch zerstört gerade das Ende der Episode die Utopie eines nahen Friedens. Bei Tisch erklärt Hank mutlos, den Fall Heisenberg mit der Ermordung von Gale abzuschließen. Ehrfürchtig zollt er seinem scheinbar gefallenem Gegenspieler Respekt, betont, dass Gale trotz aller Maroden ein Genie gewesen sei. Walt verliert die Fassung. Seine Eitelkeit verleitet ihn zu der Aussage, dass Gales Schüler-Arbeit nur die Kopie des Werkes eines wahrhaftigen Genies gewesen sei – Heisenberg ist noch am Leben. Diese Worte beflügeln Hank, er beginnt, die Arbeit an Gales Akte noch einmal aufzurollen und stößt auf eine heiße Fährte, der man übrigens auch in einem kleinen Online Game zu Gales Akte auf der Homepage der Serie von AMC selbst nachgehen kann. Im Zeitalter des Post-TV hat sich Breaking Bad mit dem Spiel der verschiedenen Medienangebote nahtlos in den Trend des transmedialen Storytellings eingereiht. Geschichtenerzählen ist nicht mehr nur noch Spiel der Produzenten, sondern auch des aktiv gewordenen Rezipienten.


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