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Mit einem serbisch-tschechischen Doublefeature feierte der Dokumentarfilmwettbewerb des diesjährigen goEast Festivals seinen Einstand. Beide Filme stehen ganz im Zeichen der Suche nach passenden filmischen Mitteln, um Vergangenes zu rekonstruieren, gar eine Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu finden. Der persönliche Bezug zu den von ihnen behandelten Themen, könnte bei den beiden Regisseuren jedoch kaum gegensätzlicher ausfallen.

So setzt sich der serbische Regisseur Srđan Keča in seinem Essayfilm Brief an Papa (Pismo Tati) mit dem Leben seines Vaters Marinko im Kontext des Zerfalls Jugoslawiens auseinander, der, ohne seiner geschiedene Frau und den Rest der Familie zu benachrichtigen, in einer Klinik an Krebs verstarb. Nachdem der im Ausland arbeitende Keča von dessen Tode vernommen hatte, brach er umgehend nach Belgrad auf und aus dieser Zeit der Rückkehr und der Auseinandersetzung mit dem Leben Marinkos ist dieser Film entstanden. Keča handelt nacheinander verschiedene Lebensabschnitten ab, die Jahre des Studiums, den Wehrdienst für die jugoslawische kommunistische Partei und schließlich die alles verändernden Jahre des zum Zerfall Jugoslawiens führenden Bürgerkriegs, in den Marinko freiwillig für die serbische Seite zog. Nach dem Krieg ließ sich der merklich verbitterte Mann von seiner kroatischen Frau scheiden.

Nicht umsonst bekennt sich Keča zum französischen Essayfilmer Chris Marker als seiner Inspirationsquelle: Ähnlich wie zahlreiche Werke des großen Vorbilds, wirkt auch Brief an Papa wie ein kaleidoskopartig zusammengesetztes Patchwork von Impressionen und intimen Fundstücken. Nichts scheint hier schon im Vorhinein geplant worden zu sein, sondern sich eher aus auf einer intuitiven Entdeckungsreise des Regisseurs gefundenen Fragmenten wie Fotografien, Videoaufnahmen, Briefen, verschiedenen Orten und Gesprächen mit Verwandten und Freunden seines Vaters zusammengefügt zu haben. Dazu liest er über Voice Over – ähnlich wie etwa in Sans Soleil – einen von ihm geschriebenen Brief vor, mit welchem er sich persönlich an seinen Vater wendet.

Obwohl  Keča darin an einigen Stellen die nicht ganz klaren Beweggründe Marinkos für die freiwillige Kriegsteilnahme und die spätere Scheidung kritisch hinterfragt, ist Brief an Papa von einer politischen oder moralischen Intention weit entfernt. Stattdessen ist es ein Film geworden, der insbesondere stets zu betonen scheint, dass der wichtigste Wert vieler auf den ersten Blick pragmatischer Gegenstände immer in ihrer persönlichen oder auch kollektiv historischen Bedeutung für die Menschen besteht. So sind, scheint der Regisseur zwischen den Zeilen sagen zu wollen, etwa die ornamentierten Staffelstäbe, die für einen von jugoslawischen Jugendlichen abgehaltenen Staffellaufs zu Ehren des Presidenten Josip Broz Tito dienten, nur auf einem bestimmten Foto von Bedeutung, auf welchem Marinka mit einem eben solchen Stab nach dem erfolgreichen Absolvieren eines dieser Läufe abgebildet ist. Deren wertneutrale Gegenstücke im Belgrader Museum Haus der Blumen, die Keča bei einem spontanen Besuch dort filmt, scheinen hingegen keinen Bezug zu ihren ehemaligen Trägern mehr zu haben und fungieren nur noch als Schauobjekte für Touristen.

In den darüber hinaus gefilmten Gesprächen mit seinen Verwandten, Mutter und Onkel, hallt der persönliche Bezug des Regisseurs zu diesen Menschen auch in der Kameraarbeit wieder, die sich stets auf der Suche nach einem Kompromiss zwischen Interesse und respektvoller Distanz zu befinden scheint. Wenn in einer Szene etwa die Mutter, von der Erinnerung an den Ehemann überwältigt, in ein anrührendes Schluchzen ausbricht, wenden sich die Kamera und damit auch der mitfühlende Sohn voller Ehrfurcht ab.

Auf ganz andere Schwerpunkte setzt hingegen Totes Gleis (Mrtva Trat)  des Regisseurs Šimon Špidla. Im Gegensatz zu Keča im Film davor, verbindet den gebürtigen Tschechen nichts persönliches mit seinem Thema, dem Bau der berüchtigten Polarkreiseisenbahn, einer von Stalin 1947 für militärische Zwecke in Auftrag gegebenen Eisenbahnstrecke durch Nordwestsibirien. Von zwei verschiedenen Punkten aus, pragmatisch nur Projekt 501 am Fluss Ob und das am Fluss Jenissei entlanglaufende Projekt 503 genannt, sollten von entgegengesetzten Seiten aus aufeinander zuarbeiten. Für den Bau der Strecke wurden bis zu 120.000 Menschen, hauptsächlich zu Haftstrafen verurteilte Zwangsarbeiter aus den Gulags eingesetzt. Unter unzumutbaren Lebensbedingungen wie Hunger, Kälte und blutsaugende Moskitos mussten die Menschen bis zur völligen Erschöpfung arbeiten, häufig auch mit tödlichem Ausgang,  bis der Bau der Strecke schließlich 1953 nach dem Tod Stalins schließlich eingestellt und die auf Außenposten der Bauarbeiten wie auch die meisten Abschnitte der bereits fertiggestellten Streckenteile auf Anhieb verlassen wurden.

Wie der letzte Abschnitt von Totes Gleis zeigt, wirken diese seit über einem halben Jahrhundert verlassenen Orte wie Reliquien einer längst vergangenen Zivilisation, die praktisch von einem Moment auf den nächsten zu bestehen aufhörte. Morsche, verfallene Holzhütten und verrostete Gleise inmitten eines stetig vor sich hin wuchernden Waldes, der seinen Lebensraum längst zurückerobert hat, sind zu sehen, sogar eine zurückgelassene kleine Dampflock kann man vorfinden. Diesen Aufnahmen scheint eine ähnliche unerklärliche Spannung wie seinerzeit den verfallenen Ruinen von Konzentrationslagergebäuden in Alain Resnais Nacht und Nebel anzuhaften, eine Gefühl, dass dieser Ort mal vor unbeschreiblicher Qual und menschenverachtenden Alltagszuständen geradezu schrie.

Und an diesem Punkt setzt Špidla an, indem er die Wirkung dieser Außenaufnahmen mit einem dem Experimentalfilm zuzuordnendem Spektrum ästhetischer Mittel noch zusätzlich verfremdet, um so dem Zuschauer das besagte Schreien deutlich hörbar zu machen. In der beschriebenen Sequenz wird etwa das Bildfeld in regelmäßigen Abständen in ein rotes oder gelbes Flackern getaucht, während
ein monotones Klopfen für eine dazu gleichwertig bedrohlich wirkende Geräuschkulisse sorgt und assoziativ auf das monoton-unerträgliche Leben dieser Menschen verweist.

Auch sonst kann Totes Gleis durch sehr interessante Ideen auf sich aufmerksam machen. So werden zahlreiche Zeugenaussagen ehemaliger Zwangsarbeiter über ein Voice-Over vermittelt, ohne dass man die betreffenden Personen im Film je zu Gesicht bekommt. Auch wird mit Buntstiften eine Landkarte gezeichnet und in einer Szene folgt die Kamera minutenlang einem blauen Strich, um dadurch die Deportation frisch verurteilter Zwangsarbeiter über den Jenissei nachzubilden. Eine solche  mit geringstem Aufwand entstehende Einstellung suggeriert gerade aufgrund ihrer formal simplen und gewollt einseitigen Struktur eine unausweichlich beängstigende Atmosphäre.

Hier unsere gesamte Berichterstattung vom goEast 2012.

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