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Ein Fest fürs Leben: Komiker, Piraten, viel Schönheit und mindestens ein Weltuntergang – eine gewisse Erwartungsfreude zum Auftakt der Filmfestspiele von Cannes: 
Cannes-Blog, Folge 1.

Man möchte schon mal gern wissen, was im Kopf von Woody Allen vorgeht… Innerweltliche Askese und protestantische Arbeitsethik, vielleicht seinem Vorbild Bergman abgeschaut – jedenfalls hat es der New Yorker Komiker wieder geschafft, in seinem gewohnten Arbeits-Rhythmus zu bleiben, und auch in diesem Jahr einen neuen Film zu präsentieren. Und auch wenn es manche guten Gründe gibt, den diesjährigen Cannes-Jahrgang von seiner Papierform her als „Old Boys Club“ zu charakterisieren, muss man ein solches Urteil, sollte es einschränkend gemeint sein, gleich wieder zurück nehmen. Denn Midnight in Paris, Allens neuester Film, ist, soviel kann man schon mal feststellen, ein großes Vergnügen geworden. Ein geistreicher, unterhaltsamer, stellenweise kluger Film. Es geht darin um Gil, einen jungen Schriftsteller, ein von vielen Zweifeln und Unsicherheiten gepeinigter Künstler – und eine Art Allen-alter-ego-, der mit einem zwar reichen, hübschen, aber sonst langweiligen höheren Töchterchen verlobt und gerade auf Paris Reise ist. Ihre Eltern, oberflächliche, ja dumme Amerikaner und Tea-Party-Sympathisanten sind auch dabei, und Gil fühlt sich zunehmend unwohl. Da trifft er bei einem nächtlichen Spaziergang Schlag Mitternacht auf eine Art…. – nun ja: ein Tor zur Vergangenheit. Er kann es kaum fassen, aber plötzlich ist Gil, in seine Lieblingsvergangenheit katapultiert, in das Paris der 20er Jahre. Dort trifft er Hemingway, Gertrude Stein, Cole Porter, die Fitzgerald, und Adriana, die Geliebte von Pablo Picassso

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Ein Märchenplot, ein gewagtes Szenario, das aber auf der Leinwand großartig aufgeht – und Allen-Freunde daran erinnern wird,. dass solche irrwitzigen Spiele mit Zeit, Raum, Medien und Magie Allen schon früher interessierten: In Purple Rose of Cairo stieg eine Figur aus einem Film von der Kinoleinwand.
Dies ist natürlich auch eine romantische Liebesgeschichte, angehaucht von französischem Flair, mit typischen Woody-Allen-Wortwitzen und einigem schwarzen Humor – mit diesem ersten Highlight wurden am Mittwochabend die Filmfestspiele von Cannes eröffnet.

Dies ist das erste Werk von Allen, das in Paris spielt, und gerade in der Hauptstadt wurde der Film aus mehreren Gründen gespannt erwartet: Eine Nebenrolle spielt nämlich Carla Bruni, Model, Sängerin, Gelegenheitsschauspielerin und im Hauptberuf die Gattin von Präsident Nicholas Sarkozy. Noch, etwa eine Stunde vor der Premiere, rätselt man, ob Sarkozy wohl am Abend als „Mann an ihrer Seite“ auf dem roten Teppich flanieren wird. Genauso tauchen pünktlich zur Premiere in den bunten Blättern der Hauptstadt Gerüchte auf, die Bruni sei womöglich schwanger – alles läuft also wieder einmal wie geschmiert für die PR-Kampagne von Allen und der Eröffnung des Festivals.

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Mit seiner prächtigen Kulisse aus Strand, Meer und der berühmten Palmenpromenade „Croisette“ besticht das Filmfestival schon äußerlich. Doch auch mit seinem Programm beweist Cannes auch dieses Jahr aufs Neue, dass es das Mekka des Kinos ist, der Ort, an den die Cinephilen aller Welt einmal im Jahr pilgern, um den Göttern der „Siebten Kunst“, wie das Kino im Land seiner Erfinder gern genannt wird, zu huldigen. Schon ein kurzer Blick in das Programm dessen, was den paar tausend professionellen Besuchern in den nächsten 12 Tagen bis zur Verleihung der Goldenen Palme bevorsteht, genügt, um die Festivaldirektoren der Konkurrenz von Berlin und Venedig vor Neid erblassen zu lassen.

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Zum Höhepunkt des Glamourbetriebs dürfte der Samstag werden: Da entern die Piraten der Karibik im vierten Film der scheinbar endlosen Freibeuterfantasy-Saga (Regie diesmal: Rob Marshall) für einen Tag das Festival: Die Pressevorführung am Morgen, Pressekonferenz am Mittag und Weltpremiere am Abend mit dem geschlechterübergreifenden Schwarm Johnny Depp, mit Spaniens Weltstar Penelope Cruz und Geoffrey Rush, werden es den anderen Filmen schwer machen, noch Platz für eigene Schlagzeilen zu erobern.

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Der Wettbewerb kann ansonsten mit einem beeindruckenden Dutzend bekannter Namen des Weltkinos aufwarten: Neue Filme von Pedro Almodóvar – bekannt für schöne starke Frauen, aber diesmal eher ein Horrorstück! -, von Aki Kaurismäki (saufende Finnen), und von den Dardennes-Brüdern (bedauernswertes Prekariat) lassen zwar kaum Überraschendes erwarten, garantieren aber für Niveau. Mit mehr Spannung erwartet wird Nanni Morettis Komödie Habemus Papam – sie handelt vom Papst Papa Ratzinger. Geradezu fiebrige Erwartung gilt bereits jetzt zwei Filmemachern, die immer dafür gut sind, ihr Publikum gleichermaßen zu fesseln und aufzuregen: The Tree of Life, der neue Film von Terrence Malick (The Thin Red Line) und Melancholia vom genialischen dänischen Über-Regisseur Lars von Trier. Die Hauptrolle spielt US-Star Kirsten Dunst, und man hört, es soll sich um ein Weltuntergangsdrama handeln. Das deutsche Kino repräsentiert Andreas Dresen in der Reihe Un Certain Regard. Dort sind auch viele weitere bekannte Namen präsent, Filme mit Catherine Deneuve und Sean Penn, Charlotte Rampling und Milos Forman. Die renommierte Nebensektion Semaine de la Critique feiert ihr 50. Jubiläum. Einst entdeckte man dort die ersten Werke von Regisseuren wie Wong Kar-wai, Guillermo del Toro und Arnaud Desplechin.

Schon jetzt, wenn an der Croisette noch die letzten Aufbauarbeiter mit Hammer und Bohrer zugange sind, überlagern sich also die Eindrücke und die Erwartungsfreude. Cannes kann beginnen!