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Nachdem sie Avantgarde und klassische Moderne anhand von Tanz gegenübergestellt hat, dringt Ulrike Wohler mit dieser Veröffentlichung tiefer in den Genderdiskurs, um das Phänomen des weiblichen Exhibitionismus als manifesten und politischen Akt zu erörtern. Schon an dieser Stelle muss man aufmerksam werden, denn ein solcher Akt ist immer manifest. Allein der politische Aspekt könnte verschwinden, die Forderungen dafür wären jedoch nichts weniger als eine Genderrevolution, eine Beseitigung des bürgerlichen Geistes und seiner Normen, und somit eine Situierung des Exhibitionismus im Bereich des Natürlichen, des Apolitischen.

Ein angenehmer Einstieg in das Buch wird durch eine kleine Darstellung ermöglicht, die Moderne, Avantgarde und Postmoderne definiert und charakterisiert. Besonders hervorgehoben dabei wird der Unterschied zwischen der Bedeutung der Postmoderne in den USA und in Europa. Und da die Postmoderne bekanntlich zuerst in den USA theoretisiert wurde und, vor allem, auf nichttheoretischer Ebene erstmal entstand, wird deren rebellierender Aspekt als Stützpunkt im Verlauf des Buches verwendet.

Darauf folgt eine ausführliche Darstellung der Geschlechtsidentitäten, vor allem die feministische Perspektive im Mittelpunkt habend, denn die feministischen Bewegungen ließen die Geschlechtsidentität überhaupt zum Diskurs werden. Es wird auf soziale Milieus, Psychoanalyse, bürgerliche Moral und Regeln eingegangen, bis hin zu Androgynität, Hermaphrodismus, Transgender und postmoderne Frauenbilder.

Exhibitionismus als Phänomen wird auch aus mehreren Perspektiven seziert. Die rechtlichen Grundlagen haben nur den Mann im Visier. Die Frau, die nicht als Bedrohung erscheint, wird als Exhibitionistin vom Gericht nicht beachtet. Die bürgerlichen Rollenklischees bleiben aber nicht nur bei dieser Normierung, sondern zwingen dem Individuum Kategorien von Normalität und, implizit, Abweichung auf.

Da weiblicher Exhibitionismus oft mit Tanz verbunden ist, wird in einem Exkurs zur neueren Tanzgeschichte der orientalische Tanz als Plattform für Kommunikation und Intimität vorgestellt. Seine ursprünglichen ästhetischen Prinzipien werden mit denen der in den USA und Europa betriebenen, postmodernen Adaption des orientalischen Tanzes verglichen und seine Funktion als therapeutisches Mittel der Selbstfindung der eigenen Identität der postmodernen Frau wird erläutert. Erotische Macht wird in diesem Zusammenhang im Machtdiskurs von Weber und Foucault integriert, als eine subversive, der Frau eigene Form.

Nach dieser ausführlichen theoretischen Erörterung der Begriffe, mit denen das Buch arbeitet kommt man zu dem empirischen Teil, welcher Exhibitionismus als politischen Akt zu erklären versucht.
Zuerst zieht Wohler anhand der Kabaretttänzerin Anita Berber und der Tanzlehrerin Mary Wigman eine Parallele zwischen Avantgarde und Moderne, welche die erstere als Exponent der selbstbewussten, sich über bürgerliche Rollen durch ihre Kunstformen mokierenden Frau erscheinen lässt.

Kritischer wird es mit der Studie zu Marylin Monroe, deren Kategorisierung als Sexsymbol, vor allem in den Interviews mit Marylin Monroe verdeutlicht, wenig Raum für eine selbstbewusste Exhibitionistin lässt und somit die Diva der 50er eher als rebellische Ikone mit Modellrolle für die weibliche Nachfolgerschaft darstellt. Nicht umsonst folgt gleich darauf das selbstbewusste Bild von Madonna, die politisch provozierende, sich über Rollenklischees lustig machende Exhibitionistin, welche die stärkste Passage des Buches konstituiert.
Die letzte Station im Buch besteht aus der Analyse von vier Videoclips, ausgewählt, weil die auftretenden Frauen im Mittelpunkt stehen und nicht als Begleiterinnen von Männern erscheinen. Hier fehlt dem Leser eine ausführlichere Argumentation, vor allem weil so viele andere mögliche Kandidaten in die Kriterien gepasst hätten: unabhängige oder rebellische Geister wie Missy Elliott, Rihanna, Kylie Minogue, etc.

Fazit: Zurschaustellung des weiblichen Körpers kann durchaus eine Darstellung erotischer Macht sein. Eine Auseinandersetzung mit Transgender wäre noch erwünscht.

Metafazit: Weiblicher Exhibitionismus ist eine großartige Einführung in die Genderdebatte aus heutiger Sicht. Vor allem das Kapitel zu den Geschlechtsidentitäten bietet eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den verschiedenen Positionen zu Geschlecht, Gender und Sex als diskursive Termini. Der empirische Teil des Buchs wirkt eher als ein Leitfaden zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den vorgeschlagenen Themen.



Ulrike Wohler (2009): Weiblicher Exhibitionismus. Das postmoderne Frauenbild in Kunst und Alltagskultur.
Bielefeld: transcript Verlag.
SBN 978-3-8376-1308-7. 221 Seiten. Paperback.

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