Seite auswählen
ADIEU AU LANGAGE, Copyright: Cannes Filmfestival, Wild Bunch

ADIEU AU LANGAGE, Copyright: Cannes Filmfestival, Wild Bunch

Die wiedergefundene Zeit: Das Festival an der Cote d’Azur und die prekäre Lage des Weltkinos

Ein windiger Hinflug mit ziemlich viel Gewackel. Beim ersten Landeanflug müssen wir durchstarten. Kurze Gefühle der Unsicherheit. Weit entfernt zwar von Angst, aber so ein: „Wenn wir jetzt abstürzen würden.“ Und Gedanken daran, was das eigentlich für ein Leben war, was davon so bleibt, und wozu es wohl gut ist… Elf Mal Cannes. Wie schnell sich die Vertrautheit des Fliegens – „wie Busfahren“, sagte meine Mutter früher immer, die immerhin Stewardess war – sich in Luft auflöst.

Der zweite Landeanflug führt auf ganz niedriger Höhe, fast der der oberen Geschosse, dann an Nizzas Bai des Anges vorbei. Man denkt an Jacques Demy, beim „Hotel Negresco“ fällt einem selbstverständlich Klaus Lemke ein, und dann natürlich noch THE ZOO GANG, jene geniale Fernsehserie aus den 1970ern, die immer noch ein Geheimtip ist. Alt gewordene Resistance-Kämpfer gegen getarnte Nazis, weniger als 30 Jahre nach Kriegsende recht plausibel. Mit dabei: Lili Palmer. Meine Lieblingsfolge ist THE TWISTED CROSS, schon allein wegen des Titels. Darüber muss ich nochmal länger schreiben, aber wer es nicht abwarten kann, für den steht alles auf YouTube.

***

Abgestürzt sind wir dann doch nicht, und ich werde mein zwölftes Cannes erleben. Im Bus mit Jupp, der im gleichen Flieger war, gleich schon Violeta aus Barcelona und die anderen Spanier. Anlaß, gleich statt über Filme über Fußball zu reden, noch nicht World Cup, sondern die spanische Meisterschaft, in der Atlético Madrid als erster gegen Barcelona als zweiter einen Punkt holen muss – in Barcelona. Und das Championsleague-Finale zwischen Atlético und Real Madrid.
Kann ich Violeta sagen, dass ich eigentlich auch schon Samstag für Atlético bin?

***

Was steht uns bevor in den nächsten zwei Wochen? Die 67. Ausgabe hat von Beobachtern nicht allzuviele Vorschußlorbeeren bekommen. Als Mitte April das „Lineup“, also die diesjährigen Wettbewerbsfilme, bekannt gegeben wurden, war die Reaktion sehr verhalten gewesen, sehr mau. Manche erinnerten sich daran, dass man in Deutschland jetzt schon mit 63 Jahren in Rente geschickt wird, und das Wort von den „Usual Suspects“, den „üblichen Verdächtigen“ machte die Runde: Allein die belgischen Brüder Dardennes und die Briten Mike Leigh und Ken Loach haben zusammen schon vier Goldene Palmen gewonnen. Dagegen gewann der 83-jährige Jean-Luc Godard noch nie. Er wäre der älteste Palmengewinner aller Zeiten.

Allemal ist die diesjährige Selection ein Rendezvous der arrivierten Namen. Viele Teilnehmer scheinen sowieso ein Abonnement für den Wettbewerb zu haben. Viele Filme zudem konzentrieren sich auf die Erniedrigten und Beleidigten der Welt, die Mühseligen und Beladenen, auf hässliche Menschen in noch hässlicheren Verhältnissen – quasi als Kontrapunkt zum Glamourbetrieb von Cannes: Jean-Pierre und Luc Dardenne, Ken Loach und Mike Leigh.

***

MAP THO THE STARS, Copyright: Cannes Filmfestival,  ‎Daniel McFadden

MAP THO THE STARS, Copyright: Cannes Filmfestival, ‎Daniel McFadden

Unorthodoxeres zumindest darf man von Atom Egoyan und David Cronenberg erwarten. Der Kanadier Cronenberg war bereits acht Mal in der „Offiziellen Sektion“ eingeladen – gewonnen hat er noch nie. Der inzwischen 71-jährige Vielfilmer mit immer noch jugendlichem Gemüt und Hang zu Wissenschafts- und Medien-Horrorgeschichten unternimmt in seinem neuen Anlauf etwas Ungewohntes: Bei MAPS TO THE STARS handelt es sich um eine Satire über den Filmbetrieb – das klingt nach einem idealen Film für Cannes. In den Hauptrollen sind unter anderem Carrie Fisher (einst „Prinzessin Leia“ in STAR WARS) und Robert Pattinson (einst Vampirschönling und Teenie-Schwarm in TWILIGHT) zu sehen.

Sein Landsmann Atom Egoyan lässt in THE CAPTIVE eine Kindesentführung das geordnete Alltagsleben der Figuren in einen Albtraum verwandeln.

***

Auch sonst: Naomi Kawase, Olivier Assayas, Nuri Bilge Ceylan sind tolle Filmemacher – aber wirkliche Spannung kommt da nicht auf, man hat den Verdacht, all diese Leute hätten ihre besten Tage womöglich schon hinter sich.
Und die Frage stellt sich, wie das mit Cannes selber aussieht. Könnte die Berlinale, mit einem besseren, cinephileren Leiter nicht womöglich zur Konkurrenz werden? Und Venedig mit besserer Logistik?

***

Könnte es nicht sein, dass sich auch dieses Festival in leichtem Sinkflug befindet? Könnte die diesjährige Cannes-Auswahl nicht dafür sprechen, dass Cannes derzeit die Fähigkeit verloren hat, etwas zu entdecken? Dass Godard im Wettbewerb gezeigt wird, ist toll und richtig. Aber wo läuft der Godard der Zukunft?

Nicht im Wettbewerb jedenfalls. Ein Blick aufs Programm macht klar, dass fast alle Teilnehmer auch vor zehn Jahren eine „obvious choice“ im Programm gewesen wären. Im Gegensatz zu den Jahren 2003 oder 2004. Blicken wir mal auf das Programm jener Jahre (an die ich mich erinnere, denn es waren meine ersten vor Ort): 2003 bot MATRIX RELOADED, DOGVILLE, ELEPHANT, Werke von Nuri Bilge Ceylan, Samira Makhmalbaf, Haneke, etc. 2004 (in meiner Erinnerung eines der allerbesten, wenn nicht das beste Jahr, das ich erlebt habe) liefen 2046 von Wong Kar-Wei, NOBODY KNOWS von Hirokazu Koreeda, OLDBOY von Park Chan-wook, sowie Filme von Olivier Assayas, Paolo Sorrentino, den Coen-Brüdern, Kusturica, Lucrecia Martel, Agnès Jaoui, Mamoru Oshii, Apichatpong Weerasethakul, Walter Salles, Michael Moore, Hans Weingartner.
Oder nehmen wir 1999. Ein unglaubliches Lineup: Es liefen 8 1/2 FRAUEN von Peter Greenaway, ALLES ÜBER MEINE MUTTER von Pedro Almodóvar, FELICIA MEIN ENGEL von Atom Egoyan, GHOST DOG – DER WEG DES SAMURAI von Jim Jarmusch, HUMANITÉ von Bruno Dumont, POLA X von Leos Carax, KIKUJIROS SOMMER von Takeshi Kitano, LIMBO von John Sayles, MOLOCH von Alexander Sokurow, THE STRAIGHT STORY von David Lynch, ROSETTA von Jean-Pierre und Luc Dardenne, DIE WIEDERGEFUNDENE ZEIT von Raúl Ruiz, WONDERLAND von Michael Winterbottom, sowie Filme von Marco Bellocchio, Manoel de Oliveira, Amos Gitai, Chen Kaige, Arturo Ripstein.

Fazit: Das Festival hat seit damals erheblich nachgelassen, und ist in den letzten fünf Jahren nicht so stark wie zuvor. Vor allem hat es zur Zeit seine Fähigkeit verloren, Entdeckungen zu machen, neue Regisseure nach oben zu katapultieren. Entdeckungen macht man derzeit in den Nebensektionen.

***

Es gibt allerdings noch eine andere Erklärung: Im letzten Jahrzehnt sind die Filme einfach nicht so gut, wie im Jahrzehnt zuvor.

Pin It on Pinterest