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THE SALT OF THE EARTH von Wim Wenders, © Decia Film

THE SALT OF THE EARTH von Wim Wenders, © Decia Film

Sondern eine Frage der Qualität: Der Taumel, der deutsche Tag, der Abgrund

„Ich unterhalte mich mit mir selbst von Politik, von Liebe, von Geschmack oder Philosophie und überlasse meinen Geist seiner ganzen ‚Leichtfertigkeit‘. Mag er doch die erste Idee verfolgen, die sich zeigt, sie sei weise oder töricht.“

Denis Diderot: RAMEAUS NEFFE

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Immer wieder sind die ersten Tage von Cannes ein einziger Taumel. Trotz aller Vorbereitung. Zu viele Filme. Zu viele Menschen. Zu viele Termine. Zu wenig Zeit.

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Vor allem zum Schreiben fehlt sie. Denn alleine gestern, am Freitag gab es sechs Filme in dichter Reihenfolge, dass heißt mit ca. 20 bis maximal 40 Minuten Pause dazwischen, zu sehen. Und selbst 40 Minuten sind nichts an einem Ort, an dem man schon zehn Minuten braucht, um aus dem Kino wieder ans Tageslicht zu treten, und man selbst mit gutem (rosafarbenem) Akkreditierungsbadge 20 Minuten vor dem Screening im Kinos sein sollte, um einen angenehmen Platz zu finden.

Die Tatsache, dass etwas 1000 Menschen in der gleichen Lage sind, macht das Ganze dann auch nicht einfacher.

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Was schön ist: Die Begegnungen. Die mit Freunden und richtig guten Bekannten sowieso. Aber auch die mit Menschen, die man nur vom Angesicht her kennt. Da gibt es zum Beispiel jene italienische Filmkritikerin, die bestimmt schon über sechzig ist, obwohl sie jünger aussieht, und wie Italienerinnen eben so beiläufig gut angezogen ist, wie sämtliche deutschen Kolleginnen zusammen nicht. Wenn wir uns sehen, nicken wir uns immer zu, über ein paar Pressetische, oder Kinoreihen, wir sagen mal artig, „Hello!“, „How are you?“ und „Have a good festival!“ aber das ist es dann. Mehr nicht. Zwei-, dreimal in über zehn Jahren haben wir ein paar Worte mehr gewechselt, über einen Film, das Wetter, oder die Internetverbindung, die gerade nicht funktionierte.

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11 Stunden und 28 Minuten reine Filmlänge habe ich also am Freitag gesehen. Dazu kommen die eineinhalb Stunden, in denen ich einen Zeitungstext geschrieben habe.

Die Filme des Donnerstags lassen wir aus genannten Gründen jetzt mal links liegen, und versuchen einen ersten Aufwasch der Freitagsfilme. Denn inzwischen ist es Samstag, diesen Text jetzt und parallel den Blog Nummer 4 schreibe ich am späten Vormittag, nachdem ich bereits wieder einen Film hinter mir habe. Heute ist das, was die sogenannte „deutsche Filmbranche“ den „deutschen Tag“ nennt. Mit dem DFB-Pokalfinale in Berlin hat das nichts zu tun, obwohl es nicht für die Sensibilität oder Fußballbegeisterung der Freunde von German Films spricht, dass man den eigenen Empfang auf die Zeit des Finales legt. Denn nur böse Menschen lieben keinen Fußball.

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„Deutscher Tag“ – das heißt: Die Ministerin kommt. Eine weitere Premiere für Monika Grütters. Ein Wermutstropfen ist, dass erstmals seit Jahren gar kein deutscher Film in Cannes läuft, noch nicht mal ein Studentendebüt als Kulturförderungs-Alibi in der Quinzaine oder Semaine. Einfach gar nichts. Oder doch, denn es gibt einen Dokumentarfilm von Wim Wenders.

Ansonsten aber Fehlanzeige, also auch keine Ausreden für die Förderer. Irgendetwas funktioniert einfach nicht in Deutschland. Die Filme sind nicht gut genug für Cannes, oder sie passen nicht zum Geschmack des Festivals – was nur eine nettere Formulierung für das Gleiche ist. Denn Cannes ist keine Geschmacksfrage, es ist eine Qualitätsfrage.

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Dieses Festival setzt die Maßstäbe. Das muss einem nicht passen, das kann man beklagen, so wie über kunstrichterliche Entscheidungen immer wieder diejenigen klagen, die dabei nicht gut wegkommen. Interessiert aber niemanden außer den Betroffenen.

Der maßstabsetzende Charakter des Festivals von Cannes – gerade auch in der Subjektivität seiner Entscheidungen – wird von allen anerkannt, auch von denen, die so tun, als stünden sie drüber, den Deutschen zum Beispiel. Wenn ein Film in Berlin genommen wird, oder in Locarno oder San Sebastian läuft, dann denkt man: Vielleicht war er nicht gut genug für Cannes? Wenn er in Cannes genommen wird, vermutet aber niemand, er sei nicht gut genug gewesen für Berlin.

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RELATOS SALVAJES, © K&S Films & EL DESEO, Cannes Filmfestival

RELATOS SALVAJES, © K&S Films & EL DESEO, Cannes Filmfestival

Natürlich hat Cannes einen Geschmack, einen sehr guten sogar. Zudem eine Mischung aus recht konservativer Loyalität zu Freunden und Bekannten – jenen üblichen Verdächtigen, über die wir schon geschrieben haben – und dem Mut zu völlig Neuem, Riskantem. Etwa die Entscheidung den völlig unbekannten Argentinier Damián Sziffrón und seinen Fiolm RELATOS SALVAJES in den Wettbewerb zu nehmen. Wir werden über den Film noch ausführlich, schreiben, aber hier mal soviel, dass es sich um das Gegenteil eines Konsensstückes handelt, und zugleich um das Gegenteil jenes sadomasochistischen Arthouse-Kinos, das kombiniert wird mit cleanen Bild-Tableaus, und vor allem aufgrund seines Schock- oder Quälwerts auf einem Festival wie diesem läuft. Wir alle kennen die Beispiele: Die Filme von Reygadas etwa, auch von Ulrich Seidl. Dass Damián Sziffrón hier läuft, spricht bei allem, was man gegen den Film vielleicht auch sagen muss, unglaublich für das Festival. Das ist ein ästhetisches, programmatisches Statement. Das ist maßstabsetzend.

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Nicht gut genug für Cannes waren offenbar auch die neuen Filme von Christian Petzold, Christoph Hochhäusler, Andreas Dresen und der neue Spielfilm von Wim Wenders. Ich habe keinen von ihnen gesehen, aber in allen Fällen hat es mich gewundert, dass sie selbst in „Un Certain Regard“ nicht genommen wurden. Nur im Fall von Fatih Akins ebenfalls fertigem Film liegen die Dinge um einiges komplizierter – aber da möchte ich ausnahmsweise mal das, was ich aus sicheren Quellen gehört habe, für mich behalten, um dieses verletzliche Projekt nicht zu beschädigen.

In den anderen genannten Fällen habe ich nichts gehört oder gesehen. Aber so sehr ich mich gewundert habe, so sehr vertraue ich auch der Entscheidung und dem Geschmack von Cannes. Sie werden gute Gründe haben, die Filme nicht zu zeigen. Hier, wie das immer wieder getan wird, eine Abneigung gegen Deutsches zu unterstellen, ist absurd.

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Allenfalls spricht es für die Souveränität des Festivals, nicht vor industriellen Zwängen, politischen Wünschen oder dem schieren Geld der derzeitigen ökonomischen Herrscher EU-Europas in die Knie zu gehen.

Ansonsten spiegelt die Abwesenheit der Deutschen einfach die Lage einer Filmindustrie, die neben viel Geld nur ästhetische Provinzialität zu bieten hat.

Die ihre eigenen Altmeister nicht pflegt und mitunter – Wenders, Schlöndorff, Herzog – aus dem Land jagt, die ihre jungen Kunstfilmer nicht in konstruktive Debatten zwingt, die die Filme dann besser machen – oder hätte sich die Berliner Schule seit 2005, als Christoph Hochhäusler und Benjamin Heisenberg mit ihren ersten bzw. zweiten Filmen in „Un Certain Regard“ waren, irgendwie wesentlich weiterentwickelt? Die sich und den Uninformierten mit Zahlenspielchen und hohen Marktanteilen nichtiger Unterschichtunterhaltung Erfolge einredet?

Und die sich ansonsten mit Minderheitsanteilen an europäischem Co-Produktionen, mit Produktionshilfen für Hollywoodfilmen und neokolonialer ästhetischer Kannibalisierung außereuropäischer Cinematograhien ein potemkinsches Dorf namens internationaler Filmindustrie zurechtphantasiert?

So etwas will man in Cannes möglichst nicht haben, und wenn, dann macht man es selbst – und besser. Der Rest läuft in Berlin.

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AMOUR FOU, Copyright: Cannes Filmfestival

AMOUR FOU, Copyright: Cannes Filmfestival

Was für die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters einnimmt, ist ihre Offenheit. Gestern sah man sie in der Premiere des österreichischen Films AMOUR FOU von Jessica Hausner. Klar, man könnte jetzt zynisch anmerken, wo sie auch sonst hin soll, wenn nichts Deutsches in Cannes gezeigt wird.

Aber sie beweist Neugierde; sie müsste nicht in diesen Film gehen. Und es hat den Vorteil, dass Grütters sich dann mal gleich Gedanken machen kann, wie es Österreich gelingt, jedes Jahr mit Filmen in Cannes und auf anderen künstlerisch bedeutenden Festivals in der ersten Reihe fest vertreten zu sein. Und eben nicht nur mit Haneke oder Seidl. Was gelingt Österreich? Was machen die Österreicher richtig, was wir falsch machen?

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„Die Kunstkritik ist eine Glaubenssache: Ich glaube, dass Michelangelo besser ist als Dalí. Beweisen kann ich es aber nicht.“

Ernst Gombrich

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