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tournage "3 cœurs"

Emotionaler Realismus: Schicksal & Zufall, Charlotte Gainsbourg, Chiara Mastroianni, Catherine Deneuve in Benoit Jacquots wunderbarem Film 3 COEURS im Wettbewerb

Das Kino hat viele Facetten, erst recht auf einem internationalen Filmfestival. Während die Amerikaner mit Stars den Boulevard verführen und auf sich aufmerksam machen wollen, glänzt das europäische Kino mit Geist, Kultur und starken Themen, und rührt an existentielle Fragen. So nun 3 COEURS (3 HERZEN) vom Franzosen Benoit Jacquot (AU FOND DE BOIS, LES ADIEUX DE LA REINE).

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Jacquot versetzt uns in die südfranzösische Provinz, dort begegnen wir zwei Schwestern und ihrer Mutter, gespielt von den französischen Superstars Charlotte Gainsbourg, Chiara Mastroianni und Catherine Deneuve: „Ihr zwei wart noch nie voneinander getrennt.„, sagt einer der Boyfriends der Töchter bei Tisch – „Wir drei.„, antwortet Deneuves Figur bestimmt, „Mais c’est la vie.“ „Mais c’est la vie.“ – diesen Satz könnte man über alles Weitere stellen. Denn sofort entfaltet sich die Schicksalmaschine namens Kino, das Kraftwerk der Gefühle und ein Spiel aus Liebe und Zufall:

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Ein Mann verpasst einen Zug. Er geht völlig erschöpft und aufgewühlt ins Bistro gegenüber dem Bahnhof. Er spricht eine Frau an. Sie sind sich sympathisch, verstehen sich, laufen durch die schlafende Stadt bis zum Morgen, es ist sein Geburtstag „Bonne aniversaire.“ – „Merci!„, dann bringt sie ihn zum Zug. „I want to got to the desert.“ – „Me too.„, antwortet er. Er reist ab, kein Kuss, kein Telefonnummerntausch, aber Verabredung, Paris, Tuilerien, nächster Freitag. Wir ahnen schon wie es kommen wird, denn wir kennen das Kino, diese Schicksalsmaschine.

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Was ist das mit der Gainsbourg frage ich mich. Es fällt mir von Jahr zu Jahr schwerer diese Faszination für sie zu verstehen. Vielleicht habe ich mich sattgesehen. Aber: Man traut ihr alles zu. Jeden Abgrund, jede Leidenschaft.

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Es ist Sylvie, Gainsbourgs Figur, die den Mann kennenlernt, und dann verliert. Denn er verpasst durch dumme Zufälle den Termin, nur wir wissen mehr, sie reist enttäuscht ab und damit verändert sich beider Leben. Ein paar Tage später reist sie nach Amerika. Kurz darauf begegnet er, der Marc heißt und immer zu spät kommt, Sophie, der zweiten Schwester. Sie gehen durch die Stadt: „C’est calme.„, sagt er, sie: „C’est la provence.“ Er küsst die Hand, im Kino küssen sie sich auf den Mund. Sie verlieben sich, sind glücklich, sie erzählt, seit die Schwester weg sei: „It’s like anything can happen.“ Er antwortet „Imagining the worst is wise.“ Was für ein weiser Satz angesichts dessen, was folgen wird. Erst im Nachhinein sticht der Dialog ins Herz. Er gibt ihr Sicherheit, Sophie wird nicht mehr das Schlimmste befürchten und deswegen – vielleicht! – wird es eintreten.
Und noch ein ähnlicher Satz von ihr: „I have no choice.“ Er: „We always have a choice.

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Hier setzt Jacquot erstmals den insgesamt sehr sparsam auftretenden Erzähler ein. Der sagt: „Er ist glücklich, er lebt ein normales Leben.“ Beide heiraten und da taucht dann natürlich die andere auf.
Man muss das nicht für realistisch halten, kann es gekünstelt finden, aber es ist eben Kunst: Sie konfrontiert uns mit einer mitreißenden Konstellation, in der es nicht um statistische Wahrscheinlichkeit geht, sondern um emotionalen Realismus. Und da funktioniert der Film hervorragend: Immer wieder wird herzschlaghafte, dräuend-drohende Musik eingesetzt, als Mittel der Überhöhung, der Distanzierung von der Realität – fast wie im Horrorfilm. Das macht immer Sinn. Denn die 3 Herzen des Titels sind nicht nur die der Liebenden, es ist auch das kranke Herz des Mannes, das schnell in drei Teile zerbrechen kann an dem Dilemma in dem er steckt.

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Marc verrät beide Schwestern. Dann ist sie wieder abgereist, und sein Leben geht weiter. Vier Jahre. Dann ist sie wieder da, und es gibt kein Halten mehr. Was er tut geht nicht, es ist das Schlimmstmögliche. Man glaubt es auch nicht unbedingt, weil die Schwestern doch zu vertraut miteinander sind, als dass Sylvie das Sophie antäte.
Bei einer Steueruntersuchung sagt ein Klient zu Marc „Who doesn’t cheat?“ Aber Marc ist dumm, er macht viele Fehler und darum ist der Betrug noch verletzender.
Sylvie und er fliegen weg – schnell und „en secret“, dann sind sie zurück, und sein Herz bricht entzwei. Das letztes Bild zeigt Marc, wie er beim Pariser Termin Sylvie doch noch erreicht. Es hätte so schön sein können, sagt uns das. Aber er hätte auch schon früher einen Herzinfarkt bekommen können.

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So ist 3 COEURS lange sehr gut, nur ganz kurz am Schluß ein bisschen doof, aber das macht nichts: Ein unglaublich guter Film über die universale Macht der Liebe und das Drama, wenn Amour fou gegen Pragmatismus steht. Und es ist ein sehr französischer Film: es wird viel gegessen, es wird viel geredet, es wird viel geliebt. Existentialistisch, hedonistisch und unbedingt preiswürdig!

Bild-Copyright: Venedig Festival 2014, Wild Bunch

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