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Wichtigtuerei von Anderson, und Kunst von Malick

Venedig-Blog, 11 Folge

Die ersten Preise in Venedig sind vergeben: Es ist wie immer der „Bisato d’Oro“ (Goldener Aal), der „Premio Maleti“, der Preis der unabhängigen Filmkritiker, womit natürlich keiner sagen möchte, alle anderen seien abhängig. Da wir selbst in der Jury sind, melden wir hier auch einfach, dass der Preis für die „Beste Regie“ an die Argentinierin Jazmin López ging, und der Preis für die beste Darstellerin an Nora Aunor, Hauptdarstellerin in Brillante Medozas leider ansonsten etwas zu glatten Film SINAPUPUNAM.

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Aber kommen wir nochmal kurz zurück auf Paul Thomas Anderson und seinen neuen Film THE MASTER. Der wird hier in Venedig allgemein als Favorit gehandelt. Ich glaube nicht, dass er diese Jury überzeugt. Aber man weiß nie, und da so viele Kritikerkollegen so viele schöne Worte über den Film verlieren, muss man hier noch einmal Contra geben.

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Ich behaupte ja nicht, dass Anderson viele Fehler macht. Ich behaupte im Gegenteil, dass gerade dies sein Problem ist. Dieser Film und sein Regisseur sind so obsessiv damit beschäftigt, alles richtig zu machen, dass sie stinklangweilig sind.

Zudem ist ein großer Teil dieses überlangen Films überhaupt nicht das beworbene Enthüllungsstück über Scientology und L.Ron Hubbard. Sondern es ist die Geschichte, auf die der Männerbündler und Frauenfeind Anderson immer wieder manisch fixiert ist: Frauen als Beiwerk, geschlossener Männerbund, und eine freudianische Vater-Sohn-Parabel über einen unreinen Tor auf der Suche.

Schade, dass das alles ansonsten kaum jemand sehen will, dass Anderson mit seinem Bluff, seiner Wichtigtuerei und ein paar Taschenspielertricks immer wieder durchkommt.

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Aber nutzen wir die letzten Stunden vor der Preisverleihung besser, um noch einmal ausführlicher über den wichtigeren, weitaus besseren jener beiden Filme zu schreiben, zu denen wir neulich, in der vierten Folge dieses Blogs, nur knappe erste Gedanken formulierten, weil man mit ihnen eben nicht so schnell fertig wird, und seine Gedanken im Festivaltrubel nicht so schnell geordnet bekommt.

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Sein Urteil allerdings schon. Wobei ich gern zugebe, dass einem bei Terrence Malicks neuem Film TO THE WO NDER, um den es hier geht, schon mehr als einmal ins Grübeln kommen kann, was man da eigentlich gesehen hat. Und dann gab es da noch jenes Gespräch mit einem der mir sympathischsten, geschätztesten Direktoren eines Filmfestivals, ein Abend im „Maleti“ Anfang der Woche, der dadurch noch eine Stunde länger wurde, dass dieser Direktor mich von seiner Ansicht überzeugen wollte, dass TO THE WONDER – mit meinen Worten aus dem Gedächtnis formuliert – ein absoluter Dreck ist, reaktionär und eigentlich gar kein Film, und ihn das Festival hätte ablehnen sollen.

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TO THE WONDER ist recht klar in sechs Akte gegliedert, denen eine Ouvertüre vorausgeht, und ein Epilog folgt. „Newborn. I open my eyes. I melt into the eternal night.“ heißt der erste Satz, man ist auf einer Zugfahrt, gesprochen wird von einer Frauenstimme Französisch, die Bilder sind gewollt grobkörnig, früher hätte man Super-8 vermutet, heute legt das Video nahe. „Pour la nuit eternelle“, sagt die Frau weiter, dann „I fall into the flame“. Wir beobachten ein Paar auf Frankreichreise: ein US-Amerikaner und die Erzählerin, eine in Paris lebende Ukrainerin. Sie sind zuerst in Paris, die Schwurbelkamera Emmanuel Lubetzki zeigt sie verliebt knutschen und tatschen, zeigt auch einen Buddha im Schaufenster, und vor allem das Pantheon. „What is she dreaming of?“, sagt die Frauenstimme.

Dann ist das Paar am Atlantik, am Mont St.Michel, es ist Ebbe, sie gehen den Weg hoch zur Abtei, alles ist menschenleer, dann sieht man die Kirche, den Kreuzgang, erinnert sich, dass der Erzengel Michael es war, der den Teufel besiegte. Man sieht eine Rose, Meerwasser, die Sonne, das Paar auf dem Watt, die Flut, die kommt. Dazu läuft dann Wagner, die PARZIFAL-Ouvertüre. Und wir wissen vielleicht, dass am Mont St.Michel auch eine wichtige Episode der Artussage spielt.

Dann wieder Paris: „Love makes us one. two. one.“ sagt die Frauenstimme. Im Appartement fragt die Tochter: „Why are you unhappy?“„I dont know.“ Im Park. Die Frauenstimme sagt: „Stop beeing so serious!“ Die Freiheitsstatue. Ende der Ouvertüre.

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Malick ist offenkundig in seine lebensphilosophische Phase getreten. Das bedeutet Irrationalismus. Es geht aber auch, wie oft bei ihm, um Ehrfurcht, um Andacht vor dem Leben. Er hat auch den Mut zu Kitsch und Pathos.

Die Bildsprache und Narration sind im Prinzip dieselbe wie in TREE OF LIFE. Kino als Bewußtseinsstrom. Als Gemurmel, Gestammel mitunter, als assoziatives Reden und Kreisen. Es bedeutet auch Verzicht auf Dialoge. Eine Kamera, die etwas entdeckt, nicht nur sieht, was sie schon kennt. Die gleitet, driftet, nie stillsteht. Nicht klar ist. Dazu läuft im Off klassische Musik: Berlioz, Wagner, Gorecki, Tschaikowsky, Haydn, Gounod. Filmsprachlich ist das so fragmentarisch wie experimentell. Und Malick hat die Ruhe weg…

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Der erste Akt zeigt nun die USA, angeblich Oklahoma. Gelbe Felder, ein Flugzeug am Himmel, später sieht man es noch mal. „How I loved you“, sagt die Frauenstimme. Sie heißt Marina. Um das Dasein als single Mum geht’s mit einer Nachbarin, um Amerika mit der Tochter: Ein Supermarkt, so sauber, die Felder, Weiß. Trotzdem sagt die Tochter: „We need to leave. There is something missing.“

Bilder eines Vergnügungsparks. Coney Island of the mind. Man hält es für möglich, dass Marina verrückt ist. Die Wohnung ist immer leer, einzelne Kisten stehen herum. Ben Affleck auch. „Tu est pas mon père.“

Bardem als Priester. Im ersten Moment etwas lächerlich. Aber warum nicht? Er redet immer nur mit Gott. Licht, Insekten, Gott als Allnatur. Zugleich verborgen. Jansenismus?

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Ein Gedanke: Wenn TREE OF LIFE ein Film über und aus Sicht von Jungens ist, ist TO THE WONDER vielleicht einer aus Sicht von Frauen? Er zeigt das Diffuse, die Angst („der“ Frauen), „I write on water, what I dare not to say.“, sagt die Frauenstimme.

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Was unangenehm auffällt: Diese Menschen haben immer Freizeit, nie Arbeit, einen permanenten Urlaub. Sie, gespielt von einem hübschen Model und Ex-James-Bond-Girl, läuft allzuoft in Unterwäsche herum. Wie in einer Werbung für „Victoria’s secret“.

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„Men revolt against god“, predigt der Priester. Gott gibt uns Freiheit der Wahl. „The one thing god condamns is to avoid the choice, the risk, the possibility of betrayal. … the man who hesitates, can do nothing…“ Schlüsselsätze.

„If you’d asked me to stay, I would have“, sagt die Frauenstimme. Sie reist ab. „Ewig existiert nicht.“

Zweiter Akt: Natur, Proben nehmen, Zorn, Affleck ist ein Umweltaktivist. Eine blonde Frau im Krankenhaus. Pferde. Büffel, Prärie, da kann man mitdenken: Western, Indianer.

Die Römerbriefe des Paulus werden zitiert. Da heißt es: „All things work together for good.“ Wenn er nun die beiden Frauen zusammen brächte, wäre es konsequent. Das wird er aber nicht tun.

„Do you want this? Do you know, what you want?“ Nochmal: Die Sünde der Unentschiedenheit.

Rot, Gelb, Orange. Die Blonde ist ein Jeanstyp, ein all amercan girl. Offener, weniger kompliziert, aber auch langweiliger. Ein Mann zwischen Europa und Amerika.

Dritter Akt: Paris, Regen, Melina wieder. Die Tochter sei nun beim Vater. „Paris is dreadful“. Und alles nur, weil das Visum ausgelaufen war. Der Staat ist mal wieder schuld.

Die Blonde: „Walk away, what we had was nothing, pleasure, lust“. Melina und Affleck heiraten. Liebe, Treue, Gefangene unterschreiben als Zeugen. Sie: „Maybe I should stop telling you, that I love you. I know that strong feelings make you uneasy.“ Frühling, Pflanzen. Ein Röntgenbild beim Arzt: „Would you want to have children?“ – „Some day.“

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Unterwasserbilder: „Ou est la verité? Above or down there?“ Grüne Wiesen. Vierter Akt: Eine Italienerin ermuntert Melina. Wie die Stimme des Teufels: „Live and do what you like.“ Das Leben sei nur ein Traum. „You should be free, listen to your heart. We are gypsies… I am my own experiment. I want somebody to surprise me!“

Immer wieder die Sünde der Entscheidungslosigkeit. Die nicht genutzte Wahl. Die vernachlässigte Freiheit. „Weak people never bring anything to an end for themselves. They want the other people to do it.“
Dann geht sie mit einem Proll ins Motel. Der hat einen Totenkopf im Spinnennetz als Tatoo. Bisschen fett aufgetragen. Das Wagnerianische Malicks.

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Dann ist sie wieder weg. Endgültig. Affleck kann sehr dumm gucken. Christus kam nur bis Suburbia.

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Der sechste Akt zeigt vor allem den Priester. Er kümmert sich um Behinderte und Strafgefangene. Und er kommuniziert mit Gott. Bardem auf Spanisch ist toll: „Where are you leading me? Christo accompaning me; Christo ante mi; Christo behind me; Christo above me; Christo under me; Christo en mi derecha; Christo en mi izquirda; Christo en mi…“

Als ob man mit Christus nur auf Spanisch angemessen sprechen kann.

Im Epilog noch einmal ein Aufwasch von allem: Americana, gelbe Felder, Pferde, Mont St. Michel, Wagner.

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Was soll das nun alles? Aus meiner Sicht: Ein Manifest des Pantheismus. Alleinheit. Der Versuch, eins zu sein mit Gott. Die Liebe verbindet. „L’amour qui nous aime.“ „We were made to see you.“

Vielleicht ist Malick ein Heideggerianer, auch der kam vom Katholizismus. Malick führt einen Diskurs über Schwäche und Stärke, über Hässlichkeit und Schönheit. Gut möglich, dass er sehr konservativ ist. Aber das ist zweitrangig. TO THE WONDER bietet auch Innenansichten der Religion. Wenn man an Religion glaubt, dann ist das nicht der schlechteste Film über Religion. Im Gegenteil. Es geht aber vor allem um die Liebe. Fragmente einer Sprache der Liebe. Liebe heißt hier immer auch Schönheit. Wir sind allein mit dem Tod

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TO THE WONDER war überhaupt der umstrittenste Film des Festivals in dem Sinn, dass ihn auch die, die ihn hassten, doch so ernst nahmen, wie jener Gesprächspartner. Im Stil von Andersons MASTER-Hauptfigur könnte ich es mir jetzt einfach machen und sagen: Wovor hast Du Angst? Oder: Wenn einen ein Film so ärgert und aggressiv macht, spricht das ja schon wieder eher für ihn.

Zunächst einmal: Es ist leicht diesen Film anzugreifen. Denn er macht sich angreifbar. Ich finde, dass TO THE WONDER Malicks schwächster Film ist. Aber eben von Malick, das relativiert das Adjektiv „schwach“. Aber wenn ich die Wahl habe, Malick für das, was er gut macht und was gelingt, zu verteidigen oder ihn für das was ihm misslingt, und was er schlecht macht, anzugreifen, dann muss ich nicht lange nachdenken, da ist die erste Rolle mir schon prinzipiell sympathischer.

Die Kritik, die hier zum Teil an Malick geübt wird, ist hart, grob, und mir insgesamt ein bisschen zu borniert. Wir alle kennen die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern. Die trifft aber vor allem dann zu, wenn einer zum Liebling von Kritikern und Publikum aufgestiegen ist – also in diesem Fall auf Kim Ki-duk und Ulrich Seidls, auf die liebsten Hofnarren der Filmgesellschaft.

Umgekehrt gilt aber – und gerade wenn es so kontrovers hergeht – das Prinzip: „Im Zweifel für den Angeklagten“. Also den Regisseur. Die Argumente, die hier aufgefahren werden, liegen oft unter der Gürtellinie. Zum Beispiel ist zu hören, Malick sei ein Evangelikaler, ein Angehöriger der Sekte der „Newborn Christs“. Das sagen dann aber die gleichen, die bei einem Film aus einem islamischen Land immer argumentieren, das müsse man differenziert sehen und jedem Film jüdischer Orthodoxer auf den Leim gehen.
Man muss aber auch ehrlich zu sich selber sein: Klar: Wäre das ein Film von Kaurismäki oder der Film eines Russen wie Sokurov, würde ich mir wohl weniger Gedanken über ihn machen. Zugleich erinnert mich das ganze Gewese ein bisschen an Wong Kar-wai: Dessen 2046 fanden 2004 in Cannes auch zuerst alle blöd, nach dem Festival war es dann plötzlich ein toller Film.

TO THE WONDER wirkt vor allem unfertig. Es gibt Momente, die völlig unklar sind, nicht aufgenommen werden, und zu viele lose Fäden.

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Andererseits muss man es als Zuschauer (und Kritiker sind Zuschauer) für möglich halten, dass ich nicht sofort verstehe, was ich dort sehe, dass mir erst die Interpretation den Film öffnet. Man könnte es daher auch mal so versuchen: Man hat auch Joyce und Proust zunächst nicht erkannt, Strawinsky gehasst, und Bracque und Picasso, man hat ihre Kunst „primitiv“ und „wahnsinnig“ und einen Rückfall und ein Krisensymptom genannt. Und vielleicht war und ist sie auch unter anderem genau das. Vielleicht war und ist sie aber auch genial. Wir wissen das immer noch nicht ganz sicher, und genau darin liegt der Reiz. Und wenn ich hier behaupte, dass Malick Kunst macht, habe ich damit noch nicht gesagt, dass es immer gute Kunst ist…

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Dies ist ein Film über Abwesenheit, Sehnsucht. Ein lyrischer, tief romantischer Film. Malick möchte Hingabe des Zuschauers. Nicht an ihn, nicht an Gott. An den Film.

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Es ist völlig legitim, vielleicht sogar notwendig, dass man im Kino nach dem Sinn des Lebens fragt. Aber muss man so fragen? Und muss man diese Antwort geben? Man muss nicht.

Als Kontrast zum Text, das Video der Pressekonferenz.