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Dame König As Spion film

Viele assoziieren den Briten Gary Oldman, Jahrgang 1958, mit extrovertierten Rollen: als wahnsinnigen Dracula bei Francis Ford Coppola, pathologischen Bösewicht bei Luc Besson oder Harry Potters Patenonkel Sirius Black. Für seine extrem zurückgenommene, dafür aber umso überzeugendere Darbietung des Spions George Smiley in Tomas Alfredsons John-Le-Carré-Adaption Dame, König, As, Spion wurde Gary Oldman nun für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert. Beim Berliner Interview erlebt man einen entspannten, charmanten Gary Oldman, der seine Ausführungen gelegentlich mit expressiver Mimik oder einem wohl platzierten Joke unterstreicht.


Mister Oldman, stimmt es, dass Sie kurz vor den Dreharbeiten von „ Dame, König, As, Spion“ kneifen wollten, weil sie dachten, John Le Carrés Meisterspion Smiley nicht spielen zu können?

Gary Oldman: Nun, die Dreharbeiten in Budapest hatten bereits begonnen und ich hatte einen Moment der Panik, denn der Drachen, den ich erschlagen musste… Alec Guinness hatte den Smiley 1979 in der TV-Serie gespielt, war den Berg hinaufgestiegen und hatte ihn erklommen. Ich dachte, dass ich auf halbem Weg nach oben erfrieren würde. Aber es gab keinen Weg zurück.

Wie haben Sie Ihre Angst bezwungen?

Gary Oldman: Ich konnte ja schlecht nach Hause gehen, also habe ich mich selbst ausgetrickst. Smiley ist ein literarischer Klassiker. Wenn du Hamlet oder König Lear spielst, wirst du mit all jenen verglichen, die ihn vor dir gespielt haben. Also sagte ich mir: Sieh es doch einfach als eine Art Interpretation an. Nachdem ich den ersten Tag überstanden hatte, dachte ich mir: Ok, ich weiß, wie ich das spielen muss. Vielleicht kam das Lampenfieber daher, dass ich seit 15 Jahren keine Hauptrolle mehr gespielt hatte.

Waren Sie von John Le Carrés literarischer Vorlage auch so beeindruckt wie von Alec Guinness?

Gary Oldman: Smiley war der Held von sechs oder sieben John-Le-Carré-Büchern, einige davon kannte ich. Eine so gut geschriebene Vorlage treibt einen voran. Doch obwohl wir sie gekürzt haben, hat John Le Carré gesagt, er glaube, es sei die beste Buchadaption, die es gäbe.


Seiner eigenen Werke oder generell?

Gary Oldman: Generell. Und das will aus seinem Munde etwas heißen. Denn wenn er etwas nicht mag, sagt er das sehr deutlich. Da hat er keine Hemmungen.

Haben Sie die TV-Serie von 1979 noch einmal geschaut?

Gary Oldman: Nein, nur damals, als sie herauskam. Aber ich erinnere mich gut daran. Sie war so gut gemacht und ein solcher Triumph. Die gesamte Nation hat die Serie geschaut. Das waren tolle Zeiten. Es gab kein Video und man hat seinen gesellschaftlichen Kalender um diese eine Stunde in der Woche herumgeplant. Und dann hat man sich auf der Arbeit und überall sonst darüber unterhalten. In unserer heutigen Welt haben wir einfach zu viel von allem.

Haben Sie deshalb auch nur einen Film als Regisseur gedreht, weil Sie glauben, dass es zu viele schlechte Filme gibt?

Gary Oldman: Damit meinte ich nur: Wenn jeder eine Kamera haben kann, und jeder einen Film drehen kann, dann wird es auch viel Müll geben. Das ist eine pure Wahrscheinlichkeitsrechnung. Regisseure wie ein Polanski oder ein Coppola kommen nicht jede Woche daher. Und Sie Filmkritiker müssen sich die ganzen schlechten Filme angucken! (lacht)

Smiley ist das Gegenstück zu James Bond. Welchen dieser beiden britischen Agenten mochten Sie in Ihrer Jugend lieber?

Gary Oldman: Als Teenager habe ich sehr gerne James Bond geguckt. Das war ein Ereignis, man sagte: Woah, der neue James Bond kommt raus! Heute gibt es jede Woche ein Filmereignis und dann ist es auch noch in 3D. Ich höre mich jetzt wie ein zynischer alter Sack an…Aber ab einem gewissen Alter merkt man, dass James Bond mit dem richtigen Leben nichts zu tun hat. Genau wie wenn man entdeckt, dass es keinen Weihnachtsmann gibt; dass Mama und Papa die Geschenke kaufen. Dann sitzt man im James Bond und sagt sich: Das ist unmöglich, dass der aus dem Auto herauskommt – jedenfalls nicht lebend! (lacht)

A propos früher war alles besser: Finden Sie, dass der Kalte Krieg die besseren Spionage-Geschichten geschrieben hat?

Gary Oldman: Damals, ja. Heute ist das Spiel ein anderes. Wir sind doch heute alle Spione, oder? Wir fotografieren Menschen und nehmen sie auf und hacken uns in ihre Computer und bekommen Informationen. Es ist ja klar, dass der Cyberspace die Welt der Spionage verändert hat. Die Paranoia verbreitet sich heutzutage einfach schneller. Und es erreicht im Handumdrehen (schnippt mit den Fingern) viele Orte. Damals waren das alles Männer mittleren Alters, die Tweed trugen, Tee tranken und Zigaretten rauchten und über das Schicksal bestimmten. Sie waren damals die Paranoiden.

War die Szene der Weihnachtsfeier der Spione auch im Buch?

Gary Oldman: Nein. Tomas Alfredson wollte eine Szene, wo er uns alle Spione zusammen unter einem Dach als Kollegen zusammen bringen konnte. Er ging zu Le Carré und fragte, ob so eine Betriebsfeier realistisch sei. Le Carré antwortete: „Verdammt, ja! Wir hatten einmal eine Weihnachtsfeier, bei der die Nachbarn die Polizei riefen, weil die Spione Scheiße und Flaschen aus dem Fenster geworfen hatten.“ Das fand ich wahnsinnig komisch, die Vorstellung, dass die Polizei die Spione ermahnt, sich anständig zu verhalten.


John Le Carré hat ja auch einen ganz kurzen Auftritt, wo er mit den britischen Spionen die
sowjetische Nationalhymne singt und offensichtlich Spaß hat…

Gary Oldman: Auf jeden Fall. Er war aber schlecht im Playback-Singen! (lacht) Und dabei sollte er doch den Text eigentlich kennen! Außerdem mochte er auch den Vorschlag des Regisseurs, einen Weihnachtsmann als Lenin verkleidet zu haben. Viele britische Spione konnten ja Russisch. Auch emotional funktioniert die Szene in ihrem weiteren Verlauf. Deshalb gefällt Le Carré diese Adaption so sehr, weil wir, auch wenn wir Szenen dazu erfunden haben, dem Geiste des Buches treu geblieben sind.

Sie spielen nicht so viele romantische Komödien…

Gary Oldman: Man hängt immer von den Autoren, der Filmindustrie und den Casting-Direktoren ab. Aber immerhin haben ja Regisseure wie Christopher Nolan in Batman oder Tomas Alfredson mich als Guten besetzt. Ich bin kein typischer romantischer Held.

Andererseits würde man bei einer Schauspielerin wie Meryl Streep auch nicht denken, dass sie die Eiserne Lady spielen kann…

Gary Oldman: Oh, Meryl Streep war toll als Thatcher! Ich finde es nur schade, dass bei einer Frau, die so viel erreicht hat, der Film so ausführlich ihre Demenzerkrankung behandelt.

Bewundern Sie Margret Thatcher?

Gary Oldman: Ja. Ich war zwar nicht immer mit ihrer Politik einverstanden, aber dass sie in so einer männerdominierten Arena an die Spitze gelangt ist, finde ich phänomenal. Ich habe sie einmal getroffen, sie war sehr charismatisch. (Macht Thatchers Stimme und Akzent nach.) Und diesem Sinne verlasse ich Sie nun… (Winkt majestätisch und geht ab.)

Mit Gary Oldman sprach Kira Taszman