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pigeon andersson film venedig

Spekulationen vor der Preisverleihung und erste Bilanzen des diesjährigen Jahrgangs

Im Fahrstuhl auf der Fahrt nach oben zum Presseraum höre ich einem Gespräch zu: „Sie können nicht zum zweiten Mal hintereinander einem Dokumentarfilm den Goldenen Löwen geben.“ Nein? Können sie nicht? Ich bin mir nicht so sicher. Ich möchte zwar auch nicht, dass Joshua Oppenheimer für seine Indonesien-Terror-Doku irgendetwas gewinnt. Die ist mir zu manieriert. Aber ich glaube, er hat gute Chancen, zu viele Kollegen mögen den Film.
Mein persönlicher Favorit TROI COEURS wird eher nichts bekommen, da bin ich eigentlich sicher. Ich glaube nach wie vor an Roy Anderssons A PIGEON SAT ON A BRANCH REFLECTING ON EXISTENCE. Aber heute hatte ich mir gedacht, dass auch RED AMNESIA vom Chinesen Wang Xiaoshuai echte Chancen auf einen großen Preis hat. Der Film wird besser und besser in der Erinnerung.

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Das Fragwürdige bei Oppenheimer ist, dass er seine Prozesse nicht offenlegt, und irgendwie auch, dass er zu längst Bekehrten predigt. Wie schon bei Oppenheimer stellt sich noch mehr bei Ulrich Seidl (der hier diesmal nicht im Wettbewerb läuft) die Frage, ob und wo das alles überhaupt als Dokumentarfilm bezeichnet werden muss. Oder ist es nicht viel mehr Laientheater im Wortsinn: Mit Laien über Monate zuerst recherchierte, dann eingeübte Szenarien. Jede Spontaneität ist aus diesen Filmen getilgt. Seidl „gestaltet“ die Wirklichkeit, er bildet nicht ab, dokumentiert nicht, sondern schafft, was er zeigt. Das finde ich bis zu einem gewissen Grad unredlich, auch wenn ich gern glaube, dass er viel recherchiert und dass das, was ich am Ende auf der Leinwand sehe, etwas mit alldem zu tun hat. Aber ich muss es eben glauben, Seidls Filme geben mir darüber hinaus nichts, wodurch ich Aufschluss über diesen Prozess und Auswahlkriterien bekomme. Das gibt ihnen eine geradezu totalitäre Note, einen Herren-Gestus.
Im Interview will Seidl zuerst nichts gelten lassen, was man über seine Protagonisten sagt, weist „bildungsfern“ und „Unterschicht“ zurück, beschreibt sein Milieu dann aber doch in einem Moment der Unaufmerksamkeit selbst als „durchschnittliche“ Personen. Er habe sehr viele „Kandidaten“ getroffen, erzählte Seidl. Das hört sich dann an wie ein Casting. Aber kann man Wirklichkeit casten?
Auch über den Film THE POSTMANS WHITE NIGHTS von Andreij Konchalowskii, der im Wettbewerb läuft und ein absolut gespielter Dokumentarfilm ist, kann man Ähnliches sagen, aber dazu ein einem späteren Blog.

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Die liebe Kollegin Anna vom BR (der Name wurde auf ihren Wunsch geändert) hat Seidl im Interview gefragt, ob das Ganze nicht auch auf RTL laufen könnte. Fand er wohl nicht so witzig, und meinte da würden die Leute ja ausgebeutet. Anna hat auch treffend vermutet, es seien „alles Stellvertretergeschichten“, im Grunde habe Seidl einen Film über sich drehen wollen, und daran gemessen sei das Resultat ein wenig feige. Da kann ich nur zustimmen. Bleibt die Tatsache, dass es Seidl immer wieder gelingt, vieles infrage zu stellen, was wir über Film zu wissen glauben.

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Programmierung ist bei einem Festival die halbe Miete. Ganz offenkundig hat Festivalleiter Alberto Barbera in diesem Jahr in der Mitte des Festivals einen „Hänger“ eingebaut, eine Art Sollbruchstelle. Seit Mitte der Woche zog das Programm wieder an. Dazu gehörten nicht zuletzt einige Filme, die hier außer Konkurrenz liefen, und über die wir noch nicht geschrieben haben: Etwa die Werke zweier alter Bekannter: Gleichermaßen dem Aufbruch New Hollywood verbunden, wie den besten Traditionen des klassischen US-Kinos sind Barry Levinson (inzwischen 72) und Peter Bogdanovich (gar 75). Bogdanovichs SHE’S FUNNY THAT WAY wurde von den New Yorker In-Regisseuren Noah Baumbach und Wes Anderson produziert, die Hauptrolle spielt Andersons Lieblingsstar Owen Wilson. In der atemberaubenden Screwball-Komödie im Geist von Lubitsch verkörpert er einen reichen Berufssohn, der sich in ein Escort-Girl verliebt.

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SHE’S FUNNY THAT WAY hat eine Rahmenhandlung: Das Interview eines aufstrebenden Schauspielstars. Sie glaube an Märchen und Magie sagt Izzy, und erzählt wie einst Lana Turner entdeckt wurde – alles Lüge antwortet die Interviewerin.
Sie sei eine Muse. Aber „even a muse needs a muse“ Im Prinzip ist SHE’S FUNNY THAT WAY eine nostalgische Hommage an die Screwball Komödien aus Hollywoods Glanzzeit. Einiges erinnert auch an Woody-Allen-Filme – mir gefiel die Albernheit, und hemmungslose Überdrehtheit dieser Komödie, die erwachsener ist, als das Meiste, worüber wir hier lachen sollen.
Eine weitere Geschichte aus dem wahren Leben verfilmte Barry Levinson mit keinem Geringeren als Al Pacino in der Hauptrolle: THE HUMBLING ist die Adaption des vorletzten Romans von Philip Roth: DIE DEMÜTIGUNG handelt von einem alternden Schauspieler, der plötzlich seine Fähigkeiten einbüßt, aber durch die Beziehung mit einer fast 30 Jahre Jüngeren einen dritten Frühling erlebt. Auch dies wirkt seltsam aus der Zeit gefallen, manchmal bemüht, kann man aber doch gut angucken, ohne sich zu langweilen.

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Auch sonst sah man auch abseits des Wettbewerbs Bemerkenswertes: Von Larry Clarks Erforschungen der Teenagerabgründe (THE SMELL OF US) über Christophe Honores schon beschriebener Ovid-Anverwandlung METAMORPHOSES bis hin zu einem Spielfilm über die Lage kubanischer Künstler 23 Jahre nach Ende der UdSSR von Laurent Cantet, der 2008 die Goldene Palme gewonnen hatte.

 

Bild-Copyright: Venedig Filmfestival 2014, Neue Visionen