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Eine völlig neue Welt liegt dort drüben!“, seufzt Tinker Bell zu Beginn des von Tom Rooger und Ryan Rowe geschriebenen 3D-Animationsmärchens, während sie mit ihresgleichen Körbe flechtet. Die Körbe bringen Schneeeulen an den fremden Ort, auf den die kleine Fee (Sprecherin: Mae Withman) neugierig ist: in die Winterwälder, wo ewiger Frost regiert und Schneeflocken aus den Körben gestreut werden. Zuvor landet darin vor den Füßen der Winterfeen und ihres Anführers Lord Midori (Timothy Dalton) etwas Unerwartetes: Tinker Bell.

Sie will DAS GEHEIMNIS DER FEENFLÜGEL die an der Grenze zum Eisland rätselhaft glitzern, lüften – trotz des Verbotes von Königin Clarion (Anjelica Huston) und drohender Gefahren. Die mutige Heldin aus dem Figurenreich von J. M. Barries Kinderbuch „Peter Pan“ wäre nicht die gewitzteste Figur des Disney-Klassikers, wenn sie die Reise aus der stets sommerlichen Heimat nicht wagen würde. Dass man das winterliche Abenteuer, das Tinker Bell dort in Gestalt ihrer Schwester Periwinkle (Lucy Hale) erwartet, kaum so nennen kann, ist neben dem sehr jungen Zielgruppenalter vor allem der beflissenen Familienverträglichkeit geschuldet. Im Original, sowohl der Buchvorlage als auch der Trickfilmadaption, ist Tinker Bell eine Nebenfigur, im Merchandising der Disney-Studios hingegen einer der wichtigsten Charaktere, der bereits in drei eigenen Filmen die Hauptrolle spielte. Warum ihr vierter Auftritt in DAS GHEIMNIS DER FEENFLÜGEL statt im DVD-Regal auf der Kinoleinwand stattfindet, ist dennoch schleierhaft.

Qualitativ lassen die farbenfrohen Bilder fast nichts zu wünschen übrig, außer Fantasie und Originalität. Der naiven Geschichte fehlt spürbar die Unternehmenslust der Hauptfigur, die ihr wortwörtlich blumiges Umfeld zumindest ein wenig auf den Kopf stellt, um ihren eigenen durchzusetzen. Dass Eigensinn nicht bestraft, sondern im Gegenteil als wohltuend und bereichernd für die Gemeinschaft dargestellt wird, hebt den unbedarften Animationsspaß dennoch von den üblichen Disney-Filmen ab. Das gilt sogar für jene Kinoproduktionen, die von vornherein als solche geplant waren. „Eine völlig neue Welt“ besang auch Pocahontas, die lernte, dass ihr als Ureinwohnerin das Herz und die Heimat ihres fremden Gefährten verschlossen bleiben. Das beschwingte Kinderkino indes ermuntert seine Titelfigur schon im Ersten der poppigen Lieder ihr Herz zu öffnen und ihrem Wissensdurst nachzugeben „…dann werden dich deine Flügel weiter tragen, als du je ahntest.“

Die Zeilen sind kein Lippenbekenntnis in der Disney-Welt, wo Songs oft mehr von der Bedeutung eines Films preisgeben als die Dialoge auszusprechen wagen. Tinker Bell erweitert mit Entdeckungsgeist im praktischen und symbolischen Sinne nicht nur ihren Horizont, sondern auch den ihrer Mit-Feen. Sie haben die Lektion in Selbstentschiedenheit nötiger als ihre Freundin. Letzte lässt sich auch von reifer Autorität nicht auf ihrem Weg beirren. Davon erzählen die für ältere Zuschaueraugen anstrengend possierlichen Bildallegorien von Wanderschaft und Suche. An deren Ende entschlüsselt Tinker Bell das titelgebende Geheimnis – und bricht sich einen Feenflügel. Die Verletzung steht zugleich für den erzwungenen Bruch mit Periwinkle und den gemeinschaftlichen Riss, der Sommerfeen und Winterfeen trennt. Besteht eine gesetzliche oder soziale Grenze aus falschen Gründen, seien es auch verzeihliche wie übermäßige Besorgnis, wirkt ihr Überschreiten heilend.

Das gilt nicht nur für die Glitzerflügel Tinker Bells, deren Kameradinnen Fawn (Angela Bartys), Vidia (Pamela Adlon), Rosetta (Megan Hilty), Silvermist (Lucy Liu) und Iridessa (Raven-Symone) so einheitlich hübsch und klebrig-süß sind wie ihre Namen. Die Botschaft, die kecke Heldin und die Synchronsprecher, die das Beste aus eindimensionalen Parts machen, lassen die anderthalb Stunden Laufzeit wie im (Feen-)Flug vergehen. Zumindest für das Zielpublikum, für das die „völlig neue Welt“ längst altvertrautes Filmterrain ist. Dass in einer Disney-Produktion außerdem ein kleines Plädoyer für Aufgeschlossenheit und Neugier, wenn auch ein Verzuckertes, Platz hat, macht das Feen-Filmchen auch aus Elternsicht ansehnlicher als das übliche Konservatismus-Kinderkino aus gleichem Hause.

 

Bild-Copyright: Disney

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